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Veröffentlicht: 21.09.2015, 06:21 Uhr

Flüchtlinge in der Türkei Die Macht des Schleusenwärters


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Flüchtlinge als Druckmittel gegen Europa

So gebe es keine Arbeitserlaubnisse für sie, und hinzu komme „das wachsende Gefühl vieler Türken, dass ,die‘ Syrer (...) eine Last werden, die zu schwer zu tragen ist.“ Die Türkei, so Lagendijk, könne sich nicht länger hinter ihrer löblichen Flüchtlingspolitik der vergangenen Jahre verstecken. „Sie muss Lösungen für die drängenden Probleme von heute und morgen finden.“ Staatspräsident Tayyip Erdogan hat, so scheint es, eine Lösung gefunden. Er gibt den Schleusenwärter und lässt nach dem türkischen Eingangstor im Süden nun jenes zum Ausgang im Norden öffnen. Ist es vorstellbar, dass in einem Land, in dem nicht einmal zehn Oppositionelle eine Demonstration abhalten können, ohne von der doppelten Anzahl an Polizisten umringt zu werden, Hunderttausende einfach so illegal die Grenze überqueren können? Natürlich nicht.

Erdogan lässt die Menschen aus Kalkül ziehen, er setzt die Flüchtlinge als Druckmittel gegen Europa ein. Der israelische Journalist Arad Nir hat das vor wenigen Tagen auf den Punkt gebracht: „Anfangs tat die Türkei alles, was sie konnte, um zu verhindern, dass die Seewege für die illegale Einwanderung nach Europa genutzt werden.“ Das habe sich aber geändert: „Die Türkei hat beschlossen, die Dinge schwierig zu machen für Europa, indem es einen Teil des Drucks weitergibt.“ So hört man es auch von Kolumnisten in Ankara und Istanbul. Enttäuscht von einer Welt, die seinen Ideen zur Befriedung Syriens nicht folgen will (Kampf gegen Assad zuerst, Einrichtung einer Pufferzone in Nordsyrien), habe sich Erdogan dazu entschlossen, die Flüchtlingsmassen nach Europa weiterzuleiten. Wer nicht hören will, muss aufnehmen. Das funktioniert natürlich nur, weil die Menschen auch tatsächlich unbedingt fortwollen aus Erdogans Land.

In die Türkei, weil sie nach Deutschland wollen

Übrigens nicht nur von dort: Die Konsularabteilung der syrischen Botschaft in Amman ist seit Wochen sehr beschäftigt. Syrische Flüchtlinge in Jordanien stehen nach Pässen an, etwa 10.000 im Monat werden ausgegeben. Damit können die Inhaber legal in die Türkei einreisen, um von dort weiter in die EU zu gelangen. Ein Reporter einer Nachrichtenagentur hat Syrer befragt, die in Amman nach einem Pass anstanden. „Sobald ich den Pass habe, fliege ich in die Türkei“, antwortete ein Mann, in Jordanien seit 2012. Danach werde er sich von Istanbul nach Deutschland durchschlagen, wo Verwandte von ihm Asyl gefunden hätten. Aus dem Libanon wird Ähnliches berichtet.

Der Libanon und Jordanien haben nach der Türkei die meisten Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen, doch auch dort werden die Bedingungen härter, zumal die unterfinanzierten Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen zu wenig Geld haben, um genügend Nahrungsmittel zu verteilen. So haben die Äußerungen Angela Merkels und die Fernsehbilder von deutscher „Willkommenskultur“ in Jordanien und dem Libanon eine kaum zu überschätzende Sogwirkung entfaltet. Die Menschen wollen in die Türkei, weil sie nach Deutschland wollen. Im Libanon wird diese Bewegung von der Regierung gefördert, denn in Beirut hat man nichts dagegen, dass sich die Lebensbedingungen für die Flüchtlinge im eigenen Land kontinuierlich verschlechtern und man die Menschen auf diese Weise loswird.

In der Türkei soll es für die Menschen, die jetzt aus dem Libanon und aus Jordanien kommen, dann per Boot zunächst auf eine griechische Insel weitergehen. Auch dabei kommt es neuerdings übrigens offenbar häufiger zu Konflikten – zwischen Schleusern und ihren Kunden. Unlängst weigerte sich eine Gruppe von etwa 50 Syrern, in ein kleines Boot zu steigen, weil man mit den Schleusern die Bereitstellung von zwei Booten ausgemacht und dafür auch gezahlt habe. Es kam zu einem Streit, die Schleuser nahmen den Motor des Bootes an sich, setzten den Rest in Brand und verschwanden, bevor die Polizei eintraf. So stand es zumindest in türkischen Zeitungen.

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