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Veröffentlicht: 20.06.2016, 07:05 Uhr

Asylkrise Nachbarländer nehmen die meisten Flüchtlinge auf

Der jährliche Statistikbericht des UN-Flüchtlingswerks nennt dramatische Superlative: Über 65 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht – ein Rekordhoch. Während die Türkei die meisten Menschen aufnimmt, erhält Deutschland die höchste Zahl von Asylanträgen.

von , Berlin
© dpa Alarmierende Zahlen: 2015 war jeder 113. Mensch gezwungen, seine Heimat zu verlassen.

65,3 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Gemessen an einer Weltbevölkerung von 7,35 Milliarden Menschen war damit Ende 2015 jeder 113. Mensch gezwungen, seine Heimat zu verlassen. Dieses Rekordniveau wurde im jährlichen Statistikbericht „Global Trends“ des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) ermittelt, der an diesem Montag veröffentlich wird. Der Bericht basiert auf Daten von Regierungen, Hilfsorganisationen und Erhebungen des UNHCR selbst. Zwölf Monate zuvor seien es noch 59,5 Millionen Flüchtlinge, Binnenvertriebene und Asylsuchende gewesen.

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Laut dem Jahresbericht sind unter den insgesamt 65,3 Millionen Menschen auf der Flucht 3,2 Millionen, die Ende 2015 auf die Entscheidung ihres Asylantrages warteten – die höchste bisher vom UNHCR verzeichnete Zahl. 21,3 Millionen flohen außer Landes – die höchste Zahl seit den frühen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts –, und 40,8 Millionen waren Binnenflüchtlinge, Menschen also, die wie viele Jesiden im Irak ihr Siedlungsgebiet verlassen mussten und anderswo im Land in Flüchtlingslagern leben. Das bedeute einen Anstieg von 2,6 Millionen Menschen im Vergleich zu 2014 und ist die höchste Zahl seit Beginn der Erhebungen. Insgesamt ist die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, damit in etwa so groß wie die Einwohnerzahlen von Großbritannien, Frankreich oder Italien.

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Der UNHCR weist darauf hin, dass seit Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Flucht und Vertreibung in den meisten Regionen weltweit stetig zugenommen hätten. In den vergangenen fünf Jahren jedoch seien die Zahlen dann rasant nach oben geschnellt. Drei Gründe führt das Flüchtlingswerk dafür an: Zum einen dauerten Flüchtlingssituationen länger an. So gebe es Konflikte in Somalia oder Afghanistan bereits seit jeweils drei, beziehungsweise vier Jahrzehnten. Zudem nähmen neue oder wieder aufflammende Konflikte zu, der größte davon ist der Syrien-Konflikt. Allein in den vergangenen fünf Jahren seien eine Vielzahl weiterer gewaltsame Konflikte, unter anderem in Südsudan, im Jemen, in Burundi, der Ukraine und der Zentralafrikanischen Republik hinzugekommen.

Einige Länder stechen hervor

„Immer mehr Menschen müssen aufgrund von Krieg und Verfolgung ihre Heimat verlassen, und das allein ist höchst beunruhigend. Doch auch die Faktoren, die Flüchtlinge in Gefahr bringen, steigen um ein Vielfaches”, sagte UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi. „Auf dem Meer verlieren erschreckend viele Menschen ihr Leben, der Landweg ist durch geschlossene Grenzen zunehmend blockiert, und in manchen Ländern wird gegen Asyl politisch Stimmung gemacht“, sagte Grandi weiter.

Unter den Ländern, die im Jahresbericht erfasst werden, stechen einige hervor: Mit 4,9 Millionen Flüchtlingen aus Syrien, 2,7 Millionen aus Afghanistan sowie 1,1 Millionen aus Somalia kommt die Hälfte aller Flüchtlinge, die unter das UNHCR-Mandat fallen, aus nur drei Ländern. Kolumbien hat mit 6,9 Millionen die höchste Zahl an Binnenvertriebenen; Syrien folgt mit 6,6 Millionen, der Irak mit 4,4 Millionen Binnenvertriebenen. Die meisten neuen Fluchtbewegungen innerhalb eines Landes gab es 2015 im Jemen – 2,5 Millionen Menschen sind dort Binnenvertriebene, das sind neun Prozent der Bevölkerung.

Der UNHCR hebt hervor, dass sich die große Mehrheit der Flüchtlinge außerhalb Europas aufhalte, obwohl die Bemühungen Europas bei der Aufnahme von rund einer Million Flüchtlinge und Migranten im vergangenen Jahr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden hätten. Insgesamt hätten 86 Prozent der Flüchtlinge, die 2015 unter das Mandat von UNHCR fielen, in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen Schutz gesucht. Viele dieser Staaten grenzten an Konfliktgebiete. Es seien sogar über 90 Prozent, wenn auch die palästinensischen Flüchtlinge miteinbezogen würden, die unter dem Mandat der Schwesterorganisation UNRWA stehen. Weltweit sei die Türkei mit 2,5 Millionen Flüchtlingen das zahlenmäßig größte Aufnahmeland. Mit 183 Flüchtlingen auf 1000 Einwohner hat der Libanon im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl mehr Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere Land. In Relation zu seiner Wirtschaftskraft war dagegen die Demokratische Republik Kongo das Land mit den meisten aufgenommenen Flüchtlingen – 471 Flüchtlinge pro Dollar des Bruttoinlandsproduktes.

© Reuters, afp Mehr als 65 Millionen Menschen sind auf der Flucht

Asylanträge auf Rekordniveau

2015 stiegen auch die Asylanträge in den Industriestaaten auf ein Rekordniveau: Insgesamt seien zwei Millionen Anträge registriert worden. Hinzu kämen 3,2 Millionen anhängige Verfahren bis Ende des Jahres 2015. Dabei seien in Deutschland mit 441.900 Anträgen mehr Asylanträge gestellt worden als in jedem anderen Land. Das sei vor allem auf die Bereitschaft Deutschlands zurückzuführen, Flüchtlinge aufzunehmen, die 2015 über das Mittelmeer nach Europa kamen. Die Vereinigten Staaten hätten mit 172.700 die zweithöchste Zahl von Asylanträgen verzeichnet; viele der Menschen, die dort Asyl beantragten, seien vor Bandenkriminalität in Zentralamerika geflohen. Auch in Schweden (156.000) und Russland (152.500) seien 2015 signifikante Zahlen von Asylanträgen registriert worden.

Nach den dem UNHCR zugänglichen Daten waren 51 Prozent der Flüchtlinge jünger als 18 Jahre. Besonders beunruhigend sei die hohe Zahl an Kindern, die allein reisten oder von ihren Eltern getrennt waren. Insgesamt wurden weltweit 98.400 Asylanträge von unbegleiteten oder von ihren Eltern getrennten Kindern registriert – ebenfalls der höchste Wert seit der UNHCR Aufzeichnungen führt.

Die Zahl derer, die in ihre Heimat zurückkehren konnten oder für die eine andere dauerhafte Lösung gefunden werden konnte, sei niedrig. So konnten 201.400 Flüchtlinge im vergangenen Jahr in ihre Heimatländer zurückkehren – hauptsächlich nach Afghanistan, nach Sudan und nach Somalia. Das sind mehr als im Berichtsjahr 2014, aber verglichen mit den Zahlen der frühen neunziger Jahre weiterhin sehr wenige.

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Quelle: wahlrecht.de
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