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Flüchtlingskrise in Schweden : In der Wirklichkeit

„Die Situation ist unhaltbar.“

Es ist etwas passiert im Königreich. Lange haben sich die Schweden in der Rolle der humanitären Großmacht gefallen, Traumziel der Flüchtlinge aus aller Welt. Dann traf die Flüchtlingskrise das Land mit voller Wucht. Immer mehr Menschen kamen nach Schweden, viele von ihnen über die Öresundbrücke nach Malmö. Erst wurden Kontrollen an der Grenze eingeführt, und Polizisten gingen durch die Züge in der Hyllie-Station. Ende November dann stellte sich der sozialdemokatische Ministerpräsident Stefan Löfven in Stockholm vor die Presse und sagte: „Es schmerzt mich zu sagen, dass Schweden nicht mehr in der Lage ist, die hohe Zahl der Asylsuchenden zu akzeptieren, die wir heute sehen.“

Und: „Die Situation ist unhaltbar.“ Er kündigte eine Ausweitung der Grenzkontrollen an, die Beschränkung des Familiennachzugs und die Ausgabe von nur noch begrenzten Aufenthaltsgenehmigungen. Er sagte: „Wir brauchen eine Atempause für das schwedische Asylsystem.“ Es war eine Kehrtwende. Neben ihm stand seine Stellvertreterin von den Grünen. Sie kämpfte mit den Tränen.

Im September fing alles an, drei Monate später ist das Land aufgewühlt, die Diskussion ist schärfer geworden. Die Flüchtlingskrise hat einen Graben aufgerissen: zwischen jenen, die glauben, dass die Kehrtwende der Regierung die letzte Chance ist, um Schweden vor Schlimmerem zu bewahren. Und jenen, die befürchten, dass Schweden genau dadurch Schaden nimmt. Auch in Malmö ist der Graben sichtbar, der Stadt im Zentrum der Krise.

200.000 Flüchtlinge bis Jahresende?

Tobias Åkerman hat erlebt, was es bedeutet, im Zentrum der Krise zu stehen. Er arbeitet im Migrationsverket, die Behörde ist für die Erstaufnahme, Registrierung und Verteilung der Flüchtlinge zuständig. Die Zentrale für Südschweden liegt in Malmö, in einem braunen Hausriegel außerhalb des Zentrums, dort, wo die Stadt langsam ausfranst. Auf der Wiese vor dem Haus wehen eine schwedische und ein palästinensische Fahne, die Überreste eines Protestlagers liegen verstreut im Matsch: Stühle, Kaffeetassen, ein Grill. Banner hängen an den Zäunen: „Lieber in Würde sterben als ohne leben.“ Ein paar Wochen lang haben Palästinenser dafür gekämpft, als Asylbewerber anerkannt zu werden. „Das ist noch eine ganz andere Geschichte“, sagt Åkerman.

Åkerman, wasserstoffblondes Haar und Großstadtbrille, führt durch den Zweckbau, vorbei an den Schaltern für die Anträge, Genehmigungen und für die Abschiebungen und durch die Registrierzimmer mit den Kameras und den Fingerabdrucklesern, die so tief scannen, dass sie selbst verletzte Fingerkuppen erfassen können. Am Eingang des Hauses stehen verwinkelt noch die Absperrzäune aus den schlimmeren Tagen. Den Tagen, als einige Dutzend Flüchtlinge sogar auf der Straße schlafen mussten. Zuletzt sind die Zahlen zurückgegangen. So recht weiß niemand, ob es an den Grenzkontrollen liegt, am Wetter oder an was auch immer. Die Belastung aber bleibt hoch. Åkerman sagt: „Das ist das neue Normal.“

Anfang September ging alles ganz schnell. Lange hatten sie hier etwa 200 Flüchtlinge am Tag aufgenommen, nun waren es plötzlich bis zu 1800. In ganz Schweden könnten es bis zum Ende des Jahres insgesamt 200.000 Flüchtlinge werden. Das sind pro Kopf mehr als in jedem anderen Land in Europa, Schweden hat knapp zehn Millionen Einwohner.

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