http://www.faz.net/-gpf-87ogs

Flüchtlingskrise : Sehnsuchtsland Schweden

Polizisten am Mittwoch am Bahnhof in Flensburg. Bild: dpa

Dänemark schließt zeitweise die Grenze zu Deutschland und macht auch den Bahnhof Flensburg damit zum Flüchtlingsquartier. Nun erlaubt die Regierung in Kopenhagen den Flüchtlingen die direkte Weiterreise nach Schweden.

          Sogar Mitarbeiter der Hamburger Umweltbehörde sind Opfer der Flüchtlingskrise geworden. Das war am Montag, als Senator Jens Kerstan (Grüne) eine Reise nach Dänemark begann, um sich dort über regenerative Energien zu informieren. Ein Teil seiner Delegation fuhr mit dem Zug. Schon in Hamburg verspätete sich die Abfahrt wegen Überfüllung. Und dann hielt der Zug außerplanmäßig, als er per Fähre Dänemark erreicht hatte, und wurde von der Polizei stundenlang nach Flüchtlingen durchsucht. 150 Flüchtlinge dürften es gewesen sein, die den Zug verlassen mussten.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dänemark erklärte, sie nach Deutschland zurückzuschicken, wenn sie sich nicht in Dänemark registrieren lassen würden. Das Ziel der Flüchtlinge, von  denen viele offenbar keine Papiere haben, war jedoch nicht Dänemark. Vielmehr wollen sie weiter nach Schweden, auch nach Finnland. Immer wieder sagten sie, sie hätten dort Verwandte und Bekannte, zu denen sie wollten. Sie gaben an, aus Syrien zu sein und aus Afghanistan.

          Bahn- und Fährverkehr vorübergehend unterbrochen

          Der Montag war nur der Auftakt. Am Dienstag und Mittwoch wurden es immer mehr Flüchtlinge, die mit der Bahn und mit den Fähren über Schleswig-Holstein in Dänemark anlangten. Am Mittwochnachmittag schließlich zog Dänemark die Notbremse und unterbrach den Bahn- und Fährverkehr zu Deutschland komplett. Die beiden wichtigsten Grenzübergänge sind nördlich von Flensburg zum dänischen Festland und zwischen den Inseln Fehmarn und Lolland. Der Hafen Rødby wurde geschlossen. Mehr als 200 Flüchtlinge, die nun in Rødby festsaßen, hatten vorher schon in Lübeck festgesessen. Sie hatten keine Papiere.

          Bild: DPA

          Der Lübecker Bahnhof war am Dienstag stundenlang gesperrt worden. Ziel der Polizei war es, die Flüchtlinge in eine der Erstaufnahmen in Schleswig-Holstein zu bringen. Das aber wollten die Flüchtlinge nicht, nur ein paar von ihnen nahmen das Angebot an. Nach stundenlangem Hin und Her durften die anderen schließlich weiterfahren und gelangten so bis Rødby. Dort wurde der Zug zunächst auf ein Abstellgleis gestellt. Die meisten der Flüchtlinge weigerten sich auszusteigen.

          Schließlich die Entscheidung am Donnerstagmorgen: Weiterreise nach Schweden. Andere an der deutsch-dänischen Grenze angelangte Flüchtlinge, die nun nicht mehr weiterkamen, machten sich zu Fuß auf – nach Schweden, wie sie sagten. Als sich ihnen eine Polizeikette in den Weg stellte, wurde diese einfach überrannt. Die Flüchtlinge liefen auf der Autobahn, die dänische Polizei sperrte daraufhin die Autobahn von Flensburg an. Inzwischen ist auch die wieder freigegeben, die Flüchtlinge wurden am Ende doch in Bussen weitertransportiert. Auf deutscher Seite hatten Studenten die Flüchtlinge an der Straße mit Wasser und Müsli-Riegeln versorgt.

          Flüchtlingskrise : Dänemark schließt Autobahn- und Zugverbindung nach Deutschland

          Spendenberge auf dem Bahnhof

          Unterdessen war der Bahnhof Flensburg auf einmal zum Zentrum für gestrandete Flüchtlinge geworden. Einige gaben auf und ließen sich in die Erstaufnahme in Boostedt bei Bad Segeberg bringen. Etwa 120 jedoch harrten im Bahnhof aus und erlebten die Hilfsbereitschaft der Flensburger, die mit Wasserflaschen, Pizzakartons und Kleidung zum Bahnhof kamen. „Viel zu viel“, meinte ein Polizist, der zwischen den Spendenbergen stand. Auf dem Bahnhof kursierten Handzettel mit Tipps für die Weiterreise. Darin wurde empfohlen, direkt nach Schweden zu reisen und Dänemark zu meiden. Hintergrund ist die Regelung, dass jeder Flüchtling dort seinen Asylantrag stellen muss, wo er registriert worden ist. Die Flüchtlinge erhoffen sich in Schweden bessere Bedingungen als in Dänemark oder Deutschland.

          Am Donnerstag normalisierte sich die Lage nach und nach. In Dänemark droht derweil die Flüchtlingskrise zu einer politischen zu werden. Die rechtspopulistische Dänische Volkspartei hat die Regierung wegen der Weiterreise der Flüchtlinge von Dänemark nach Schweden kritisiert. Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen bestellte die Vorsitzenden der anderen Parteien zu einem Krisentreffen ein.

          Der Nachbar Schleswig-Holstein hat inzwischen zehn Erstaufnahmeeinrichtungen für tausende Flüchtlinge geschaffen. In Lübeck gab es dabei einen bizarren Streit. Das auf dem Volksfestplatz für das Treffen der G7-Außenminister im April errichtete Containerdorf für die Polizisten wurde abgebaut, jetzt soll an derselben Stelle Flüchtlinge in Containern unterkommen, die nun wieder aufgestellt werden müssen. Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) hatte das mit Hinweis auf die nicht ausreichende Abwasseranlage noch zu verhindern gesucht, das Kieler Innenministerium setzte sich durch. Noch an diesem Freitag sollen die ersten Flüchtlinge einziehen. In Putlos kam es zu der wohl einmaligen Situation, dass sich Flüchtlinge und Bundeswehr eine Kaserne teilen, voneinander getrennt nur durch ein Absperrband.

          Quelle: FAZ.NET

          Weitere Themen

          Manal Al Sharif widersetzt sich dem Fahrverbot Video-Seite öffnen

          Vor 6 Jahren : Manal Al Sharif widersetzt sich dem Fahrverbot

          Zukünftig dürfen Frauen in Saudi-Arabien Auto fahren. Bis jetzt war das streng verboten, Manal Al Sharif tat es schon vor vielen Jahren trotzdem. Am Tag nach diesem Video wurde sie von der Polizei angehalten und vorübergehend verhaftet.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Merkel auf dem Weg auf dem Weg zum EU-Gipfel

          EU-Gipfel in Brüssel : Poker mit Erdogan

          Auf ihrem Gipfel in Brüssel beraten die EU-Staaten, wie sie den Druck auf die Türkei erhöhen können. Ein Abbruch des Beitritts ist bisher nicht in Sicht – wohl aber andere Maßnahmen.

          Christian Lindner : Demut unter der Dusche

          Der FDP-Vorsitzende legt am zweiten Tag der Sondierungen ein Buch über die Rückkehr der Liberalen vor – und seine Rolle dabei. Zudem will er einen Autoritätsverlust bei Merkel erkennen.
          Eheschließung für alle: Kritiker des Gesetzes befürchten eine schleichende Islamisierung des sozialen Lebens.

          Türkei beschließt neues Gesetz : Ehe für alle

          In der Türkei dürfen künftig auch Muftis Paare vermählen. Kritiker sehen das Gesetz als Angriff auf den Säkularismus – und befürchten eine Zunahme von Kinderheiraten.
          Ihre Bewerbung gefällt dem Kreml: die russische Journalistin Xenia Sobtschak, hier 2012 in Moskau

          Kandidatin Sobtschak : Ein Geschenk des Glamours

          Die Journalistin Xenia Sobtschak, die schon Glamour-Girl und Heldin in Reality-TV-Shows war, will bei der russischen Präsidentenwahl antreten. Das stößt auf Kritik – aus Sicht des Kremls ist ihre Bewerbung aber von Vorteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.