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Flüchtlingskrise : Die Eingeschlossenen von Idomeni

Seit Wochen verharren tausende Menschen in Idomeni mit Hoffnung auf Weiterreise. Bild: AFP

Künftig sollen Syrer direkt aus der Türkei nach Europa umgesiedelt werden. Diejenigen unter den etwa 12.000 Menschen, die an der griechischen Nordgrenze feststecken, müssen dagegen auf Schlepper hoffen – oder auf „Flüchtlingsaktivisten“.

          Der Kapitalismus ist unschlagbar. Seit wenigen Wochen erst besteht das improvisierte Lager an Griechenlands Grenze zu Mazedonien vor dem Dorf Idomeni, doch die Marketender der Völkerwanderung sind längst da. An einem Feldrand kaum hundert Meter vor dem Dorf steht ein Kleinbus des Paketdienstes DHL, und davor eine lange Schlange: Syrer, Iraker, Pakistaner. Mehrere Mitarbeiter des Paketdienstes sind vollauf damit beschäftigt, Dokumente und Geld von den Wartenden entgegenzunehmen. Sie transportieren vor allem Pässe und andere wichtige Dokumente nach Deutschland.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Es geht, soweit sich das aus Gesprächen mit den Wartenden erschließt, um Familienzusammenführungen und ähnliche bürokratische Vorgänge, an deren Ende ein Aufenthalt in Deutschland stehen soll. Pässe, Geburtsurkunden und andere Dokumente gehen von hier für 50 Euro pro Sendung an deutsche Anwaltskanzleien. Das muss ein gutes Geschäft sein. „Und ob“, sagt ein DHL-Mitarbeiter, der vor lauter Andrang keine Zeit für ein längeres Gespräch hat.

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          Am Dorfeingang, unweit des mazedonischen Grenzzauns, haben derweil griechische Roma das Geschäft in der Hand. Sie stehen auf den Ladeflächen ihrer zu mobilen Supermärkten umfunktionierten Kleinlastwagen und verkaufen Obst, Kekse, Milch, Nudeln, Eier, Zucker und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Eine voluminöse Frau mit schneeweißem Kopftuch thront auf einem Hocker und verkauft Kochtöpfe, ein hagerer Mann mit Goldzähnen sagt einen Refrain aus Tabak auf: „Marlboro, Marlboro.“ Verschiedene Clans sind am Werk und machen das Geschäft ihres Lebens, denn wenige Meter weiter beginnt ein Zeltlager mit schätzungsweise 12.000 Einwohnern, deren Bedürfnisse die Hilfsorganisationen längst nicht alle erfüllen können. „Wir haben nur Hähnchenfleisch. Schwein essen die ja nicht“, sagt ein älterer Zigeuner, wie er sich selbst nennt. Er hat sich einen Laib Weißbrot geholt und Hühnerpastete darauf geschmiert, nun isst er zufrieden und beobachtet das bestens laufende Geschäft. Auch Fladenbrot haben seine Frauen im Angebot, so wie es die Muslime gewohnt sind. Wenn es nach ihm ginge, könnten die Fremden ewig in Idomeni bleiben.

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          Weltgeschichte über Idomeni hereingebrochen

          Neben dem Marktgewusel steht ein altes Haus wie von Janosch gemalt. Die Wände in verblichenem Hellrosa, ein schiefes Ofenrohr ragt unter dem Vordach hervor. Auf einem Strommast nistet ein Storchenpaar. Die beiden Vögel schauen auf das vieltausendköpfige Treiben in dem einst verschlafenen Dorf herab, und man kann sich ausmalen, wie abends die Störchin zum Storchen sagt: „Hier brüten wir nie wieder.“ Eine alte Frau in dem hellrosa Häuschen hat die Gardinen zur Seite geschoben und blickt staunend auf die Kreuzung vor ihrem Garten, die sich wie durch Zauberhand in einen Marktplatz in Aleppo verwandelt hat. Auf der Terrasse vor ihrem Haus stehen zwei Stühle, auf denen sie und ihr Mann früher vielleicht im Abendsonnenschein saßen, als die Weltgeschichte noch nicht über Idomeni hereingebrochen war.

          Damals konnte Antonia Mikropoulou in ihrem Laden noch ein Nickerchen machen. Sie trägt nur schwarz, wie es für Witwen in Griechenland noch üblich ist auf dem Lande. „Früher bin ich auf meinem Stuhl hinter dem Tresen manchmal eingeschlafen, und jetzt komme ich nicht mehr hinterher mit der Arbeit“, sagt Frau Mikropoulou, die den „Allesverkauf“ von Idomeni betreibt, einen Tante-Emma-Laden, in dem es nach Zimt, Kartoffeln und vergangenen Zeiten riecht. Idomeni habe höchstes noch 50 Einwohner, die anderen seien verstorben oder weggezogen, erzählt Frau Mikropoulou, deren „Allesverkauf“ seit einigen Wochen gut zehntausend potentielle Kunden mehr im Einzugsgebiet versorgen muss: „Ich kann gar nicht so schnell nachbestellen, wie gekauft wird.“ Wenn sie den Laden nur für eine halbe Stunde schließt, um ihre kranke Schwester zu versorgen oder auf die Toilette zu gehen, bildet sich eine lange Warteschlange vor der kleinen Tür. Eigentlich ist es mehr eine ungeordnete Wartetraube, denn vor dem Geschäft von Frau Mikropoulou herrscht das Recht des Stärkeren.

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