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Neue Schlepperrouten : Für fünftausend Euro nach Italien

Gerettet: Die italienische Küstenwache sichert Mitte März ein überfülltes Schlauchboot mit Flüchtlingen vor Sizilien Bild: AFP

Die Grenzen auf dem Balkan sind dicht. Doch die Schlepper stört das kaum. Sie haben längst eine neue Flüchtlingsroute vorbereitet.

          Schlepper bereiten eine neue Route für Flüchtlinge vor. Sie führt von der Türkei und von Griechenland über das Mittelmeer nach Italien. Mit Fischkuttern und kleinen Handelsschiffen geht es tagelang über das Wasser. Die Überfahrt beginnt in Antalya, wo sich deutsche Urlauber in der Sonne bräunen, oder in der Stadt Mersin, im Südosten der Türkei, nicht weit von der syrischen Grenze entfernt. Auch in Athen sollen Schiffe ablegen. Wo genau es hingeht, erfahren die Flüchtlinge erst an Bord. Sie müssen unter Deck bleiben, bis die Schiffe internationale Gewässer erreichen. Eine Fahrt kostet zwischen 3000 und 5000 Euro. In der ersten Aprilwoche soll das Geschäft in großem Stil beginnen. Manche Schlepper wollen zwei Fahrten wöchentlich anbieten, einer hat vor, bis zu 200 Personen in ein Schiff zu zwängen.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bisher wollten nur wenige Flüchtlinge das Risiko einer solchen langen Überfahrt auf sich nehmen. Die Reise unter Deck ist gefährlich, die Luft knapp. Wenn es stürmt, sind die Flüchtlinge dem Seegang ausgeliefert. Außerdem ist die Fahrt viel teurer, als von der Türkei aus auf die griechischen Inseln in der Ägäis überzusetzen. Dafür reicht ein Schlauchboot, nach ein paar Stunden ist man da. Aber die Lage hat sich geändert. Die Grenzen auf dem Balkan sind dicht, in Idomeni stecken Tausende Menschen im Schlamm fest. Und wer jetzt noch auf den griechischen Inseln ankommt, wird sofort wieder in die Türkei zurückgeschickt. Viele Optionen haben die Flüchtlinge nicht mehr. Die Nachfrage nach illegalen Routen steigt seit Wochen, nun haben die Schlepper reagiert.

          Die Handynummern der Schleuser stehen bei Facebook. Man kann sie einfach anrufen und eine Überfahrt buchen. Wie die Schleuser die Fahrt über das Meer organisieren, unterscheidet sich zum Teil erheblich. Einer erzählt, man werde zuerst mit einem Schlauchboot von Mersin aufs offene Wasser gebracht. Im Schutz der Dunkelheit soll es auf das Handelsschiff gehen. Nur wenige Crewmitglieder sind eingeweiht, sie sollen die Flüchtlinge als blinde Passagiere an Bord nehmen. In einem anderen Fall soll die gesamte Mannschaft Bescheid wissen. Die Schlepper haben sie geschmiert, damit am Eingang zum Schiff niemand die Papiere der Flüchtlinge kontrolliert. Die hinterlegen das Geld für die Überfahrt illegal in kleinen Büros, deren Betreiber sich auf Geschäfte mit Schleusern spezialisiert haben. Wenn die Reise gelingt, geben die Flüchtlinge den Schleusern einen Code, mit dem ihre Komplizen das Geld vor Ort abheben können. Manche leisten auch eine Anzahlung, dann aber steigt das Risiko, im Stich gelassen zu werden.

          Auf Facebook werden Alternativen diskutiert

          Die Schleuser warnen davor, Ausweichrouten auf dem Balkan zu suchen. Diese Wege seien äußerst gefährlich, kein Schlepper sei heute noch bereit, sie zu gehen. Seit Mazedonien seine Grenze zu Griechenland geschlossen hat und die ursprüngliche Route über Serbien, Slowenien und Österreich versperrt ist, hatten Flüchtlinge bei Facebook immer wieder Alternativen diskutiert.

          Eine führt von Griechenland über Albanien. Dann geht es weiter mit dem Auto nach Norden oder mit dem Schiff nach Italien. In der Facebook-Gruppe „Flüchtlingsgarage“, in der sich fast 200.000 Mitglieder über Routen austauschen, schrieb vor wenigen Tagen ein Nutzer: „Leute, gibt es irgendwelche Informationen über die Schmuggelroute in Albanien? Die Sache ist dringend.“ Jemand antwortete: „Es gibt eine unkomplizierte Route. Ich versuche die Nummer des nächsten Schleppers zu organisieren.“ Auch auf wiederholte Nachfrage konnte er aber keine nennen. Zwar reisen Albaner schon länger illegal über die Grenze nach Griechenland, um dort zu arbeiten. Es gibt also Strukturen, auf denen die Schlepper aufbauen könnten. Bisher haben die Behörden aber fast keine Flüchtlinge im Land aufgegriffen. Denn die Reise durch Albanien ist beschwerlich, und die Grenze zu Griechenland liegt im Gebirge. Züge gibt es nicht. Und selbst wenn die Flüchtlinge es durch das Land schaffen sollten, müssten sie weiter durch Montenegro und Bosnien, wo viele Landstriche noch immer mit Minen verseucht sind. Abseits der Straßen können sie nicht gehen, auf ihnen jederzeit ausgeraubt werden.

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