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Kampf gegen Schleuser: Mission Impossible

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Mission Impossible

Von Friederike Böge

Zwei deutsche Marineschiffe sind seit dem Sommer an der EU-Mission zur Bekämpfung der Schleuserkriminalität im Mittelmeer beteiligt. Ab kommender Woche sollen sie mutmaßliche Schlepperboote auch festsetzen dürfen. Ob dies Flüchtlinge aufhält, ist fraglich.

An Bord der Werra, 30. September

Als um 9.48 Uhr die erste Durchsage des Kommandanten kommt, ahnt noch keiner der Soldaten, dass die „Werra“ an diesem Tag 140 Menschenleben retten und zum ersten Mal einem mutmaßlichen Schleuserschiff begegnen wird.


© F.A.Z.Flüchtlinge retten ist ein wichtiger Teilauftrag für das Marineschiff Werra, doch die Hauptmission, Schleuser zu bekämpfen, scheint aussichtslos.

Noch in der morgendlichen Lagebesprechung hatte es geheißen, dass die Hubschrauber der EU-Mission Navfor Med vor der libyschen Küste keine Flüchtlingsboote gesichtet hätten und dass auch bei der italienischen Seenotrettungsstelle kein Notruf aus dem Mittelmeer eingegangen sei. Alles hatte danach ausgesehen, dass ein weiterer Tag auf See ereignislos verstreichen würde — wie schon in den Wochen zuvor. Oberfeldwebel Stefanie S. von der ABC-Abwehr hatte sich darauf eingestellt, einen weiteren ihrer John-Grisham-Romane zu lesen, ihr dreizehntes Buch in drei Monaten. Militärpfarrer Kristian Lüders hatte mit einer weiteren Lektion Dänisch-Vokabeln begonnen. Und der „Interkulturelle Einsatzberater“ Hauptmann Danny M. hatte sich in die Buchhaltung seines Eine-Welt-Vereins in Thüringen vertieft. „Badegäste“ werden Soldaten wie sie auf der „Werra“ liebevoll-spöttisch genannt, weil sie eigentlich den Landstreitkräften angehören und nicht zur Stammbesatzung zählen, sondern speziell für die Aufgaben an Bord genommen wurden, die das deutsche Kriegsschiff im Rahmen der EU-Mission übernommen hat: die Aufklärung von Schleusernetzwerken und das Retten von in Seenot geratenen Flüchtlingen. Seit Juni schon kreuzt der Tender „Werra“ vor der libyschen Küste. Sechsmal ist er dabei zu einem Boot mit Flüchtlingen gerufen worden. Zuletzt am Samstag vergangener Woche. An diesem Tag um kurz vor zehn kommt die Durchsage von Korvettenkapitän Stefan K. Die „Enterprise“, ein britisches Vermessungsschiff, ist auf ein verdächtiges Schiff gestoßen, das daraufhin Reißaus genommen hat, und bittet die „Werra“, dem Schiff den Weg abzuschneiden und es zu identifizieren. Fünf Minuten später stehen alle Offiziere auf der Brücke.


© F.A.Z.Das deutsche Marineschiff Werra soll die Schleuserkriminalität im Mittelmeer bekämpfen. Doch die deutschen Soldaten können derzeit nur anfunken und nachfragen, ein Schiff festsetzen ist ihnen nicht erlaubt.

Der Boarding-Offizier in Gefechtsmontur. „Alle Waffen in Position“, meldet der Feuermeister. Die beiden Marineleichtgeschütze, die schweren Maschinengewehre und die Männer mit den G36 auf dem Vorderdeck. Das Oberdeck wird für den Rest der Besatzung gesperrt. Aus dem Schiff, auf dem viel gelacht, Kaffee getrunken und ansonsten sehnsüchtig auf die Mahlzeiten gewartet wird, ist ein Kriegsschiff geworden. Noch liegt die angegebene Position 23 Seemeilen entfernt – fast zwei Stunden Fahrt. Je näher die „Werra“ ihrem Ziel kommt, desto häufiger ruft der Kapitän seine Rechtsberaterin zu sich. K. ist ein fröhlicher Mann mit Seemannsbart, der häufig eine E-Zigarette im Mund hat und an ihr zieht, als sei es eine Pfeife. Selbst das Wort „Kriegsschiff“ klingt aus seinem Mund freundlich.


Natürlich weiß er, dass die Schlepper ihr Geschäftsmodell längst an die EU-Mission angepasst haben; dass die Mission, die zum Ziel hat, die Schleuserkriminalität zu bekämpfen, diese teilweise unfreiwillig sogar befördert. Die Menschenschmuggler werben offen damit, dass die Überfahrt durch die Rettungsaktionen sicherer geworden sei. Häufig geben sie den Flüchtlingen nur noch so viel Treibstoff mit, dass sie außerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone der libyschen Hoheitsgewässer gelangen können, um dann mit einem Satellitentelefon die italienische Seenotrettungsstelle in Rom zu alarmieren, die dann Schiffe wie die „Werra“ schickt. Ihr Kapitän hat für sich eine klare Antwort auf das Dilemma gefunden: Nachdem im April vor der libyschen Küste ein Boot mit mehr als 700 Flüchtlingen gesunken war, sei klar gewesen:

„Da muss man helfen und verhindern, dass sich so eine Katastrophe wiederholt. Und wenn das ein Pull-Faktor ist, dann ist das Pech.“

Doch im Moment macht sich der Kommandant ganz andere Sorgen. Was, wenn es sich bei dem verdächtigen Fahrzeug um ein Schiff der selbsternannten libyschen Küstenwache handelt? Sie gilt als unbere- chenbar, denn in Libyen gibt es keinen funktionierenden Staat mehr. Im Internet kursiert ein Video, in dem ein solches Schiff der deutschen Fregatte „Hessen“ während einer Seenotrettung bedrohlich nahe kommt. Es zeigt Männer in Hawaiihemden mit Goldkettchen auf dem Deck des libyschen Bootes, die mit ihren Handykameras die Rettungsaktion filmen, während panische Flüchtlinge vor den deutschen Marinesoldaten ins Wasser springen. „Wir wissen nicht, wer das ist, die selbsternannte Libyan Coast Guard, und das macht die Sache so unangenehm“, sagt der Kommandant. In einem anderen Fall wurde die vermeintliche Küstenwache kürzlich neben einem Flüchtlingsboot entdeckt und aufgefordert, die Migranten in den nächsten libyschen Hafen in Sicherheit zu bringen. Stattdessen montierten die Libyer den Motor von dem Flüchtlingsboot ab, um eine Rettung durch ausländische Schiffe zu erzwingen, und machten sich davon. Solche Anekdoten vermitteln eine Ahnung davon, wie schwierig es für die Europäische Union sein wird, die Zustimmung einer wie auch immer gearteten libyschen Regierung für eine Bekämpfung der Schleuserkriminalität in libyschen Hoheitsgewässern — oder gar an Land — zu bekommen, so wie sie für die Zukunft geplant ist.


Inzwischen, kurz vor 12 Uhr, ist das verdächtige Schiff in Sichtweite. Und das, was durch die Ferngläser zu sehen ist, gefällt Kapitän Stefan K. gar nicht. „Wir haben eine völlig neue Lage“, sagt er hörbar beunruhigt und ruft seine Offiziere zu einem „Huddle“ zusammen – einer Art Brainstor- ming. Denn was da einige Seemeilen vor ihnen fährt, ist ein riesiger, verrosteter Hochseefischer. „Wenn das ein Seenotfall ist, dann ist das eine sehr große Aufgabe. Das haben wir so noch nie erlebt“, sagt K. und weist den Schiffstechnikoffizier an, zu berechnen, wie viele Flüchtlinge die „Werra“ im Höchstfall aufnehmen könnte, ohne an Stabilität einzubüßen.


Der Funker versucht, Kontakt zu dem Schiff aufzunehmen. Doch die Leitung bleibt stumm. Erst als der ägyptische Sprachmittler einen Funkspruch auf Arabisch absetzt, kommt eine Antwort, die alle verblüfft. „Wir gehören zur tunesischen Marine“, sagt eine arabische Stimme. Auf alle weiteren Fragen antwortet sie nur noch mit dem vermeintlichen Namen des Schiffes: Abu Samara.


Kommandant Stefan K. lässt abdrehen und den vermeintlichen Tunesiern einen schönen Gruß ausrichten. Mehr kann er im Moment nicht tun. Denn noch befindet sich die EU-Mission zur Bekämpfung von Schleuserkriminalität in der Phase 1, die auf Aufklärung begrenzt ist. Erst in der Phase 2, die in der kommenden Woche beginnen soll, hätte der Kapitän das Mandat, das verdächtige Schiff anzuhalten, zu durchsuchen, unter Umständen gar beschlagnahmen zu lassen – und zur Not auch Waffen einzusetzen. „Wenn wir in der Phase 2 wären, wäre das sicher anders abgelaufen“, sagt K. Das Versorgungs- schiff „Werra“ wäre für eine mögliche Verfolgungsjagd allerdings kaum geeignet. Es bringt es auf maximal 15 Knoten die Stunde, der Hochseefischer auf 30. Die Fregatte „Schleswig-Holstein“, die ebenfalls hier im Einsatz ist, schafft dagegen 29 Knoten und wird für die zweite Phase zudem mit Hubschraubern bestückt.


Dennoch ist unwahrscheinlich, dass es künftig noch zu solchen Begegnungen kommt. Denn auch die Schleuser wissen um die Phase 2, und schon jetzt bewegen sie sich nur noch selten außerhalb der libyschen Hoheitsgewässer. Stattdessen überlassen sie die Flüchtlinge ihrem Schicksal und übergeben das Steuer an einen von ihnen, der für diese Leistung mutmaßlich Rabatt bekommt. Dennoch werden solche Steuermänner in Italien häufig wegen Schleusertum vor Gericht gestellt, was auf deutscher Seite wenig Verständnis findet. Verdächtig hat sich der Hochseefischer vor allem dadurch gemacht, dass er sich am Morgen in unmittelbarer Nähe einer Position aufhielt, von der aus ein Seenotruf ausgesandt wurde. Möglicherweise hat er ein Flüchtlingsboot ins offene Meer gezogen oder den Steuermann an Bord genommen. Doch wo ist das Boot jetzt? Es vergehen weitere eineinhalb Stunden, bis ein weißes Schlauchboot in Sichtweite kommt, das wackelt wie eine Kinderhüpfburg. Wie Zigaretten aus einer Schachtel ragen die Köpfe der Flüchtlinge dichtgedrängt daraus hervor. Drum herum kreist bereits ein Speedboat der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“.

  • © AFPDas Versorgungsschiff Werra der Bundesmarine.
  • © AFPAusschau: Es sieht nach einem ruhigen Tag vor der libyschen Küste aus.
  • © AFPLagebesprechung auf dem Schiff. Kommandant Stefan Klatt informiert seine Mannschaft über die Lage, nachdem er mit der libyschen Küstenwache gesprochen hat.
  • © AFPEin Schlauchboot mit rund 140 Flüchtlingen wird entdeckt und mit einem Beiboot angesteuert.
  • © AFPSoldaten in Schutzanzügen untersuchen die Flüchtlinge
  • © AFPDie Flüchtlinge werden mit Reis und stark gesüßtem Tee auf dem Oberdeck versorgt
  • © AFPDehydriert: Eine Afrikanerin wird mit einer Infusion behandelt.
  • © AFPGerettet: Ein Afrikaner auf dem Deck der Werra. Das Schiff gehört zur Mission EU Navfor Med.
  • © AFPDie Flüchtlinge beten und singen
  • © AFPIm Hafen von Augusta in Italien werden die Flüchtlinge an Land gebracht

Viele der Soldaten sind auf die zivilen Retter im Seegebiet nicht gut zu sprechen. Als „schwierig bis kaum vorhanden“ beschreibt Oberleutnant Rüdiger P. das Verhältnis. Besonders geärgert hat er sich über ein Interview des Kapitäns der „Sea Watch“, der der deutschen Marine Untätigkeit vorgeworfen hatte. „Lügen“ seien das, sagt P., und wirft den zivilen Organisationen seinerseits vor, die Sicherheit der Schifffahrt zu gefährden, weil sie anders als die Marine Flüchtlingsboote nach der Rettung der Passagiere nicht versenken, sondern treiben lassen. Diesmal aber klappt die Zusammenarbeit: Das Schnellboot von „Ärzte ohne Grenzen“ hilft den beiden Rettungsbooten der „Werra“, die 140 verängstigten Flüchtlinge an Bord des Tenders zu bringen.


Die „Werra“ bleibt bewusst auf Distanz. Denn die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hat damit gedroht, die Schiffe der EU-Mission anzugreifen. Nicht auszuschließen ist, dass sich unter den Flüchtlingen, die schon auf den Schnellbooten durchsucht werden, ein Selbstmordattentäter oder ein anderweitig Bewaffneter befindet. Allerdings wird diese Gefahr als gering eingeschätzt, weil man davon ausgeht, dass der IS sich am Milliardengeschäft des Menschenschmuggels ebenso bereichert wie die anderen Konfliktparteien im völlig fragmentierten Libyen.


Einer nach dem anderen kommen die Flüchtlinge über eine Außentreppe an Bord. Erst die 42 Frauen und zwei Minderjährigen, dann die Männer. „Gäste“ werden die Geretteten respektvoll an Bord genannt – so hat es der Kapitän verfügt. Sie kommen aus Nigeria, Ghana, Sierra Leone und Senegal, die meisten von ihnen sind Christen. Apathisch blicken sie auf die Soldaten in weißen Schutzanzügen mit grünen OP-Masken, denen in der Hitze der Schweiß in die Augen läuft. Manche der Geretteten torkeln, ein Mann zieht ein Bein nach, andere sacken in sich zusammen, müssen gestützt oder gar getragen werden. Später wird es heißen, aus ärztlicher Sicht seien nicht alle so geschwächt, wie es scheine. Nach monatelanger Flucht unter prekären Umständen hätten viele den verständlichen Wunsch, von einem Arzt behandelt zu werden. Die meisten Flüchtlinge tragen zwei Hosen und mehrere Lagen T-Shirts übereinander. Ihr gesamtes Hab und Gut tragen sie am Leib, ein Handy oder Geldscheine, in Plastiktüten eingewickelt, in der Unterhose.


James Heasley hat „keine Ahnung“, wie viel Geld er den Schleppern für die selbstmörderische Mitfahrt auf dem Schlauchboot bezahlt hat. Das sei „kein spezieller Betrag“ gewesen, sagt der Nigerianer, der wie die anderen auf dem Oberdeck auf einem weißen Laken Platz genommen hat, vor sich eine Flasche Wasser, eine Plastikschale mit Reis und Früchten und ein Kissen. Auch an den Namen der libyschen Küstenstadt, von der aus das Boot in See gestochen war, kann sich der junge Mann partout nicht erinnern. Er weiß nicht einmal mehr, wie viele Jahre er zur Schule gegangen ist. Auf die meisten Fragen gibt er, dem Blick seines Gegenübers ausweichend, die immer gleiche Antwort: „The Lord is with me.“ Wie zum Beweis zieht er eine kleine Bibel aus der Vordertasche seiner verwaschenen Jeans. Nur eine Frage beantwortet Heasley ohne Zögern. Wie lange er auf dem völlig überfüllten Boot mit den anderen 139 Passagieren auf dem Mittelmeer unterwegs gewesen sei, bevor das deutsche Kriegsschiff „Werra“ sie an Bord nahm? „Drei Tage.“


Das ist ziemlich unwahrscheinlich, schon weil vor zwei Tagen ein Unwetter mit bis zu vier Meter hohen Wellen über das Seegebiet hinweggezogen war. Auch die Menge an verbrauchtem Treibstoff lässt Zweifel an dieser Version aufkommen, die auch anderen sonst ebenso wortkargen Flüchtlingen leicht über die Lippen geht. Offensichtlich hat ihnen jemand gesagt, was sie ihren Rettern über ihre Flucht erzählen sollen – und was nicht. Womöglich müssen sie fürchten, dass sich unter ihnen ein Spion befindet, der später gegen eine Geldzahlung einem Kontaktmann an Land berichtet, wer mit den Soldaten gesprochen hat. Auch in dieser Hinsicht haben sich die Schleuser auf den Einsatz der deutschen Marine und der anderen Truppensteller unter dem Dach der EU-Mission Navfor Med eingestellt. Sie wissen, dass die Soldaten nicht nur Menschen aus Seenot retten, sondern auch Informationen über die Netzwerke der Menschenschmuggler und die Lage an der libyschen Küste sammeln sollen. Die Befragung der Geretteten – in den knapp 24 Stunden, die die Überfahrt nach Sizilien dauert – ist ein wichtiger Teil davon. Das Satellitentelefon, von dem sich die Militärs Kommunikationsdaten und über die Seriennummer Hinweise auf den Verkäufer erhoffen, haben die Flüchtlinge offensichtlich ins Meer geworfen. An Bord findet sich nur noch eine Gebrauchsanweisung dafür.


Karte © F.A.Z.-Karte sie./lev.

Die Bedingungen für die Befragung durch die Feldnachrichtenoffiziere sind aber ohnehin suboptimal. Auf dem Oberdeck herrscht ein ohrenbetäubender Lärm, verursacht durch die Lüftung der Klimaanlage. Aus Sorge vor Infektionskrankheiten sind die Soldaten durch eine Gitterabsperrung von den Flüchtlingen getrennt. Von ihren bedrückenden Fluchtgeschichten, ihren Ängsten und Hoffnungen erfahren die Soldaten kaum etwas. Auch wenn ihre müden, stumpfen Augen lange Geschichten erzählen. Ebenso wie ihre zusammenzuckenden Körper bei der ärztlichen Untersuchung und die stummen Tränen bei Fragen nach Verletzungen wie fehlenden Zehen und tiefen Narben. Insbesondere in Libyen, der letzten Station vor ihrer Flucht über das Mittelmeer, sind die Flüchtlinge brutalen Misshandlungen und Methoden ausgesetzt, die einer modernen Form der Sklaverei gleichkommen. „Sie haben uns wie Tiere behandelt“, sagt der 21 Jahre alte Vincent aus Nigeria. „Sie haben uns mit 50 Leuten in einen kleinen Raum gesperrt, ohne Essen und Trinken, ohne Toiletten.“


Eine Stunde nachdem sie an Bord gekommen sind, wird den Männern und Frauen auf dem Oberdeck allmählich bewusst, dass sie tatsächlich in Sicherheit sind. Ermutigt durch einen Prediger, der mit geschlossenen Augen und erhobenen Händen den Herrn preist, schleppen sich die Menschen wie Untote in die Mitte des Decks und umschlingen sich zu einem großen Knäuel. „Thank you Jesus“, singen sie. „Praise the Lord.“ Vielen laufen Tränen über die Wangen. Ihre Körper zucken, als würden ihre bereits totgeglaubten Seelen zurückkehren. Es ist ein bewegender Moment, auch für die Soldaten, die bis dahin voll konzentriert ihre jeweiligen Arbeiten verrichtet haben: Schutzanzüge verteilen, Flüchtlinge registrieren, durchsuchen, versorgen, befragen, behandeln.


Pfarrer Kristian Lüders nennt das eine „Begegnung zwischen Menschen“, die ansonsten durch die Schutzanzüge eher erschwert werde. „Sorge vor Krankheiten ist die eine Sache, aber sie haben eben auch die Aufgabe, sich vor dem anderen zu schützen, dass er einem nicht zu nahe kommt“, glaubt der Geistliche. „Seelenschutz“ nennt Lüders das, der den Zorn vieler Soldaten auf sich zog, als er sich bei der ersten Seenotrettung im Juni ohne Schutzanzug unter die Flüchtlinge mischte. Das Bedürfnis nach klaren Grenzen sei auf einem Schiff besonders stark ausgeprägt, sagt er nun. Verständlicherweise. Denn Privatsphäre gibt es auf dem Tender nicht. Je nach Rang wohnen die Soldaten zu zweit, zu viert oder gar zu acht auf wenigen Quadratmetern. Bis zu sechs Monate sind sie unterwegs, ohne privaten Zugang zum Internet oder Telefonnetz. Wer will, kann sich in eine Liste eintragen, um zu begrenzten Zeiten zehn Minuten mit der Familie zu telefonieren. Auf Deck gibt es gerade einmal sechs Sitzmöglichkeiten – für eine Besatzung von 100 Soldaten. Bei der ersten Rettungsaktion im Juni standen ihnen 627 Flüchtlinge gegenüber. „Das löst durchaus Angst und Stress aus, wenn eine Besatzung Phantasien entwickelt, was die tun könnten, wenn sich diese 627 Leute die Brücke entern und bestimmen, wo sie hinfahren wollen“, sagt Lüders. Nicht auszudenken auch, wenn sich eine Krankheit wie die Krätze im Schiff ausbreiten würde. Der Pfarrer ist auch für den schlimmsten Fall an Bord, wenn Leichen geborgen werden müssen. Doch der „Werra“ ist das bisher erspart geblieben.


Die Internationale Organisation für Migration schätzt, dass in diesem Jahr bis Mitte September bereits mehr als 2800 Migranten im Mittelmeer ertrunken sind – fast so viele wie im gesamten Vorjahr. 129.000 Flüchtlinge sind seit Anfang des Jahres über das Mittelmeer nach Italien gekommen, und viele haben sich von dort weiter den Weg nach Norden gesucht.


© F.A.Z.Das Marineschiff Werra trifft auf ein völlig überfülltes Schlauchboot und rettet die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer.

Dennoch haben die dramatischen Ereignisse entlang der Westbalkanroute die EU-Mission auf dem Mittelmeer und die Besatzung auf den beiden daran beteiligten Marineschiffen fast vollständig aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt. Als die „Werra“ im Juni aus ihrem Heimathafen Kiel auslief, ging die Bundesregierung noch von 380.000 Einwanderern für dieses Jahr aus. Mitte Oktober wird die Besatzung in ein verändertes Deutschland zurückkehren, in dem inzwischen täglich bis zu 10.000 Migranten eintreffen. Die Debatten über die Flüchtlingskrise in der 2400 Kilometer Luftlinie entfernten Heimat hat die Besatzung über Satellitenfernsehen verfolgt. Sie haben an Bord durchaus Verunsicherung ausgelöst. „Ich habe böse Erwartungen, was da als Stadtrat auf mich zukommt“, sagt Oberleutnant P., der für die CDU im Stadtrat von Bornheim sitzt und als Leiter des Einsatzkameratrupps die Rettungsaktionen per Video dokumentiert. Er fürchtet eine kaum zu verkraftende finanzielle, aber auch gesellschaftliche Belastung für seine Kommune. „Ich habe mit meiner Mutter zu Hause gesprochen, und sie sagt: Wenn man jetzt einkaufen geht, trifft man auf Trauben von Einwanderern vor den Läden.“


Auch auf die öffentliche Anerkennung der Marinemission hat die Debatte inzwischen spürbare Auswirkungen. Als die „Wilhelmshavener Zeitung“, das Heimatblatt des Kommandanten, jüngst über eine Rettungsaktion der „Werra“ berichtete, wurde die Besatzung in den Kommentarspalten auf der Website der Zeitung wild beschimpft. Sie sollten doch die Flüchtlinge lassen, wo sie sind. Den Kapitän hat das betroffen gemacht. „Deutschland ist ein den Streitkräften gegenüber sehr kritisches Land.“ Da habe er gedacht, Menschen zu retten, das könne gar keiner schlecht finden. Doch nun habe er beobachten können, dass es anders ist.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 04.10.2015 11:22 Uhr