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Veröffentlicht: 12.01.2016, 04:25 Uhr

Legida-Jahrestag Randale in Leipzig

Während es beim „Legida“-Jubiläum im Leipziger Zentrum friedlich blieb, wüteten Rechtsradikale im südlich gelegenen Stadtteil Connewitz. Die Polizei nahm 250 Randalier fest.

von , Leipzig
© dpa Die Polizei setzt die etwa 250 Hooligans in Connewitz fest

Die Frage, was man zu Jubiläumsveranstaltungen tragen sollte, war beim Pegida-Ableger „Legida“ am Montagabend in Leipzig schnell beantwortet: Schwarze T-Shirts mit dem weiß-roten Aufdruck „Rapefugees not welcome“ und einem Bild, auf dem drei Muslime eine Frau verfolgen, waren in Größe XL bereits vor Beginn der Veranstaltung ausverkauft. Zu haben war noch Größe M, aber die, so eine der Verkäuferinnen, „passt hier den wenigsten“. Wer leer ausging, konnte alternativ T-Shirts mit Slogans wie „Wir sind das Pack“, „Lügenpresse halt die Fresse“ und „Asylwahn stoppen“ für zehn Euro das Stück erwerben oder eine Bockwurst für 1,50 Euro.

Stefan Locke Folgen:

Pegida-Chef Lutz Bachmann hat sich in den vergangenen Tagen auf Facebook offensiv mit dem „Rapefugees“-T-Shirt gebrüstet und sich damit eine Strafanzeige vom sächsischen Landesvorsitzenden der Grünen wegen Volksverhetzung eingehandelt, weil damit Asylbewerber pauschal der Vergewaltigung bezichtigt würden. Gegen Bachmann wird bereits ein einem anderen Fall wegen Volksverhetzung ermittelt. Am Montagabend trafen nun Legida-Anhänger und –Gegner im Zentrum der Messestadt aufeinander. Anlass war das einjährige Bestehen des Leipziger Vereins, der wie alle Pegida-Ableger bei Demonstrationen nur selten mehr als einige hundert Leute versammeln konnte.

© afp Ein Jahr „Legida“: Lichterkette gegen „Legida“ und Randale in Leipzig

Diesmal kamen mit Unterstützung aus Dresden, wo erstmals seit langem keine Pegida-Kundgebung stattfand, nach Schätzungen der Forschergruppe „Durchgezählt“ bis zu 3400 Menschen zusammen. An mehreren Gegenveranstaltungen, zu denen ein breites Bündnis aus Vereinen, Initiativen und Parteien außer AfD und CDU aufgerufen hatte - darunter ein Friedensgebet in der Nikolaikirche -, beteiligten sich bis zu 2900 Personen. Sie bildeten am Abend bei strömendem Regen mit Kerzen einen symbolischen Schutzring um die Innenstadt. Die Polizei, die mit einem Großaufgebot von mehreren Hundertschaften, zehn Wasserwerfern und einem Hubschrauber im Einsatz war, trennte beide Lager hermetisch voneinander.

Während sich unter die Legida-Teilnehmer zahlreiche Hooligans gemischt hatten, befand sich unter den Gegendemonstranten laut Polizei eine nicht minder große Anzahl Linksextremisten. Die hatten erst im Dezember in Leipzig einen ganzen Stadtteil verwüstet. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) erklärte bei einer Ansprache in der Thomaskirche, dass die Stadt „handfeste Probleme“ sowohl mit Rechtsextremisten und Rassismus als auch mit Linksextremisten habe. „Uns eint: Das Nein zu jeder Form von Gewalt, das Nein zu Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“, sagte Jung unter Beifall. Es gebe weder gute noch schlechte Gewalt.

„Jung, komm zur Besinnung oder hau ab!“, hieß es unterdessen auf der Legida-Bühne. Gefordert wurde unter anderem, sofort alle Grenzen zu schließen, die „innere Sicherheit wiederherzustellen“ sowie eine „unabhängige und unbestechliche Justiz“ einzusetzen. Die Anhänger antworten mit den bekannten Rufen: „Widerstand“, „Merkel muss weg“ und „Lügenpresse“. In beinahe gleichem Atemzug wurde allerdings Polen gelobt, wo die Regierung gerade linientreue Gefolgsleute an den Spitzen der Medien installiert.

„Afro-arabische Sexterroristen“

Pegida-Chef Bachmann richtete lediglich ein kurzes Grußwort an die Menge und kündigte an, am 6. Februar „europaweit“ auf die Straße gehen zu wollen. Hauptrednerin des Abends war die einstige Hamburger AfD-Politikerin und heutige Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling. Sie schlachtete die Ereignisse der Kölner Silvesternacht aus. Festerling sprach von einem „flächendeckenden Terroranschlag auf blonde, weiße, deutsche Frauen“ durch „afro-arabische Sexterroristen“. Schuld daran seien deutsche Politiker. Die hätten die deutsche Bevölkerung schutzlos ausgeliefert. Im Übrigen seien zu Silvester in Köln deutsche Männer gedemütigt worden, weil sie ihren Frauen nicht hätten helfen können. Zugleich warf Festerling den Deutschen Unzurechnungsfähigkeit vor. „Wenn die Mehrheit noch klar bei Verstand wäre, dann würde sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln.“

Festerling räumte die Bühne sodann für „Kategorie C“, eine Band aus dem rechtsradikalen Spektrum, die mit ihrem Song „Hooligans gegen Salafisten“ die gleichnamigen Krawalle in Köln vor gut einem Jahr verherrlichte und die zuvor von Legida propagierte Ablehnung von Gewalt und Rechtsextremismus ad absurdum führte. Die nun aufgeheizte Menge demonstrierte im Anschluss auf einer kurzen Route durch die Stadt, zu Zwischenfällen kam es dabei aber nicht.

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Zur gleichen Zeit allerdings randalierten mehrere hundert Hooligans, laut Polizei aus dem rechtsextremen Spektrum, im mehrere Kilometer entfernten Leipziger Süden, zündeten Böller und zerstörten Schaufensterscheiben. Die Beamten nahmen 250 Randalierer fest. Im Schneidersitz und mit Kabelbindern gefesselt warteten sie auf der Straße auf ihren Abtransport. Am späteren Abend steckten linke Gruppen Müllcontainer in anderen Stadtteilen in Brand; über Verletzte wurde bis Mitternacht nichts bekannt.

Die Kundgebungen im Zentrum seien „ohne größere Probleme beendet“ worden, teilte eine Polizeisprecherin am späten Abend mit. Legida wiederum kündigte an, künftig nur noch einmal im Monat zu demonstrieren, um „mal ein bisschen zur Ruhe“ zu kommen.

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Von Reinhard Müller

Wenn die Christenheit sich schon den „einfachen“ Sonntag nur noch verkaufsoffen denken kann, sollte sie von stillen Feiertagen schweigen. Mehr 12 16

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