http://www.faz.net/-gpf-882vw

Kritik aus Großbritannien : „Die Deutschen wirken sehr unsympathisch“

Der britische Weg: Premierminister Cameron mit Flüchtlingen im Libanon. Bild: AP

In Großbritannien ist die deutsche Willkommenskultur nicht populär. Britische Kolumnisten sprechen mit Blick auf Deutschlands Flüchtlingspolitik gar von Tugendprahlerei und moralischen Zuchtmeistern.

          Es passiert nicht oft, dass Angela Merkel von Zeitungen und Zeitschriften im Königreich kritisiert wird, aber kürzlich war es so weit. Das Magazin „The Spectator“ zeichnete die Bundeskanzlerin auf seinem Titelblatt als eine von sich selbst berauschte Loreley. Eingehüllt in eine Deutschland-Fahne sitzt Angela Merkel auf einem Felsen und lockt mit der Harfe, während zu ihren Füßen Menschen ertrinken. „Merkels tragischer Fehler“ lautet der Titel. Darunter: „Ihr Lockruf gefährdet das Leben von Flüchtlingen.“

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Die Zeitschrift ist eng verbandelt mit der Konservativen Partei, und so überrascht es kaum, dass auch im Regierungsviertel die Nase gerümpft wird über die deutsche Flüchtlingspolitik. Von „wütenden“ Reaktionen in Downing Street 10 wusste eine Zeitung zu berichten. Mit offener Kritik hält sich die Regierung zurück, aber zwischen den Zeilen lässt sich genügend Distanz herauslesen.

          Als Innenministerin Theresa May im Unterhaus Stellung nahm, machte sie klar, dass die Regierung den Vorschlag der EU-Kommission, 120.000 Flüchtlinge zu verteilen, „in keiner Weise unterstützt“. Diese Idee, sagte sie, „läuft Gefahr, noch mehr Menschen dazu zu bringen, ihr Leben zu riskieren und die gefährliche Reise über das Mittelmeer oder nach Europa zu machen“. Richtig sei die britische Lösung, nur Flüchtlinge aus den Lagern in der Türkei, im Libanon und in Jordanien aufzunehmen. Nur so lasse sich – neben der Abschreckung – erreichen, dass den „am meisten Betroffenen“ geholfen und den Schleppern die Geschäftsgrundlage entzogen werde. Es war kein Zufall, dass Premierminister David Cameron Mays Botschaft zur gleichen Zeit mit Bildern aus einem UN-Lager im Libanon flankierte. Er kauerte auf einem Bett und sprach mit Flüchtlingsfamilien, die zu wenig Geld für einen Schlepper hatten.

          „Bis zu 20.000 Flüchtlinge“ in fünf Jahren

          Die Berichte über die deutsche „Willkommenskultur“ sind nicht ohne Wirkung geblieben. Auch im Königreich gab es Demonstrationen mit „Refugees Welcome“-Schildern. Aber erst das Foto des toten syrischen Jungen am Strand von Bodrum brachte Cameron kurzzeitig unter Druck. Camerons Ankündigung, „bis zu 20.000 Flüchtlinge“ in den kommenden fünf Jahren aufzunehmen, beruhigte die Lage, auch wenn die Opposition die Zusage kleinlich fand. Konkrete Forderungen stellte sie aber auch nicht. In seiner Antwortrede auf Theresa May beließ es der neue Schatteninnenminister der Labour Party, Andy Burnham, bei einem wuchtigen, aber vagen Satz: „Dies ist möglicherweise die größte Krise dieser Art, die wir in unserem Leben sehen werden, und unsere Antwort wird uns als Generation definieren.“

          London : Großbritannien will 20.000 syrische Flüchtlinge aufnehmen

          Es sind vor allem die britischen Medien, die über die Krise anders berichten als die deutschen. Als es zu Auseinandersetzungen zwischen ungarischen Grenzschützern und Flüchtlingen kam, zeigte die BBC, wie junge Männer Tore eintraten und Steine warfen. In der ARD-Tagesschau waren die drastischsten Bilder nicht zu sehen – stattdessen Frauen und Kinder, die vor dem Tränengas der Sicherheitskräfte flohen. Entsprechend unterschiedlich kommentierten die Reporter das Geschehen. Während das deutsche Fernsehen ein unverhältnismäßiges Vorgehen der Ungarn nahelegte, sprach der BBC-Reporter von der „Verteidigung der Grenzen“ und bezweifelte, dass sich die Flüchtlinge mit diesem Gewaltausbruch „neue Freunde“ gemacht hätten.

          „Hippie-Staat, der sich nur von Gefühlen leiten lässt“

          Breite Aufmerksamkeit schenken die Briten der Sicherheitsfrage. Oft werden Behörden mit Zahlen und Einschätzungen zitiert, wie viele der Migranten Terrorverdächtige seien. Nach britischer Lesart – gestützt von internationalen Statistiken – sind viele Menschen, die derzeit nach Europa drängen, nicht unmittelbar an Leib und Leben bedroht, sondern verlassen sichere Lager oder Regionen ohne Krieg oder Verfolgung. Deswegen sprechen die meisten Medien nicht von „Flüchtlingen“, sondern von „Migranten“.

          Der Deutschland-Freund und künftige Leiter des Berliner Humboldt-Forums Neil MacGregor sieht „Offenheit gegenüber der Welt“ als deutsches Identitätsmerkmal und die „Willkommenskultur“ als spezifischen Ausdruck nationaler Erfahrungen. Nirgendwo in Europa lebten so viele Familien mit lebendigen Flüchtlingserinnerungen (der Jahre 1945/46), und Deutschland begreife seine Geschichte als Auftrag zur Verbesserung, sagte er. In manchen Kreisen ruft die Umarmung der Neuankömmlinge aber auch Kopfschütteln hervor. Als der Polititologe Anthony Glees die Bundesrepublik als „Hippie-Staat, der sich nur von Gefühlen leiten lässt“, bezeichnete, spitzte er eine verbreitete Wahrnehmung zu. Gees sagte sogar, dass die Deutschen entgegen ihrer Selbstwahrnehmung nicht sympathischer, sondern, zumindest auf Briten, „sehr unsympathisch“ wirkten.

          Die Kolumnistin Melanie Phillips brachte den Begriff der – frei übersetzt: Tugendprahlerei ins Spiel. Sie beschäftigte sich mit den Konsequenzen der „lemminghaften“ politischen Korrektheit in Deutschland: „Wenn Leute, die ihre Kultur verteidigen wollen, von den liberalen Eliten im Stich gelassen und als Nazis stigmatisiert werden, treibt man sie in die Arme von echten Rassisten und Faschisten.“ In einem Leitartikel der „Times“ wurden brennende Flüchtlingsheime in Deutschland ins Feld geführt, um die britische Regierung aufzufordern, nicht auch „an der Bevölkerung vorbeizuregieren“.

          Deutschland, moralischer Zuchtmeister?

          Früh problematisierten die britischen Medien, was Glees als „undemokratisches“ Vorgehen Berlins bezeichnete. Der Kolumnist Tim Montgomery wunderte sich über den „Unilateralismus“, mit dem Berlin Verträge wie die von Dublin oder Schengen außer Kraft gesetzt habe. Andere sehen Deutschland gar in der Rolle des moralischen Zuchtmeisters, der die anderen Mitgliedsländer mit einem oktroyierten Quotensystem dauerhaft gegen sich aufbringen werde. Die Unabhängigkeitspartei Ukip warnte davor, dass Deutschlands Nachbarn auch dann von der Massenmigration betroffen sein würden, wenn sie sich, wie das Königreich, weitgehend abschotten: Sobald die Flüchtlinge ein dauerhaftes Bleiberecht erhielten, könnten sie dank der EU-Freizügigkeit ihr Aufenthaltsland selber bestimmen.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Europa-Freunde blicken besonders besorgt auf die Auswirkungen, die all das auf das EU-Referendum haben könnte. Die „Brexit“-Befürworter reiben sich die Hände. „Es ist klar, dass das Einwanderungsthema das EU-Referendum dominieren wird, und das Grenz-Chaos in Europa macht es für die Briten sogar zu einem noch größeren Thema, als es das schon gewesen ist“, sagte Ukip-Chef Nigel Farage. Die Umfragen scheinen ihm recht zu geben. Seit Beginn der Krise will erstmals die Mehrheit den Ausstieg aus der EU.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Ringen um die Währungsunion

          EU-Gipfel : Ringen um die Währungsunion

          In Brüssel setzen die Staats- und Regierungschefs neben dem Brexit die Währungs- und Bankenunion auf die Agenda. Unterdessen wendet sich Bundesbankchef Weidmann gegen den Vorschlag der Kommission, einen EU-Finanzminister zu schaffen.

          „Jamaika“-Kompromisse nicht Verhandlungsgrundlage Video-Seite öffnen

          Maybrit Illner : „Jamaika“-Kompromisse nicht Verhandlungsgrundlage

          SPD-Vize Manuela Schwesig zweifelt an der Zukunftsfähigkeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Schwesig sagte am Donnerstag in der ZDF-Sendung „maybrit illner“: „Dieses Land braucht Führung.“ Die Bürger vermissten jemanden, der ihnen sage, wie es in den nächsten fünf bis zehn Jahren weiter geht in Deutschland, Europa und der Welt.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Chinas Einfluss : Die Schlinge in Hongkong zieht sich zu

          Lange haben sich die Bewohner Hongkongs gegen den Einfluss Chinas gewehrt. Selbst bei Regen gingen sie auf die Straße, um demokratische Rechte einzufordern. Nun erhöht China den Druck.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.