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Veröffentlicht: 20.09.2016, 13:33 Uhr

Flüchtlinge in Griechenland Gewaltausbrüche jeden Tag

Der Druck auf den griechischen Inseln steigt, wie nicht nur das Feuer auf Lesbos zeigt. Seit das Abkommen mit der Türkei gilt, stranden dort mehr Migranten. Athen erwägt, die Flüchtlinge wieder aufs Festland zu lassen.

von , Athen
© AP Mehr als 3000 Flüchtlinge und Migranten wurden durch das Feuer im Lager Moria auf der Insel Lesbos obdachlos.

Giannis Mouzalas hat etwas getan, was nicht allein in Griechenland eine Seltenheit ist unter Politikern: Er entschuldigte sich bei seinem politischen Gegner. Als Minister in der vom „Bündnis der radikalen Linken“ (Syriza) dominierten griechischen Koalitionsregierung ist Mouzalas seit vergangenem Jahr für Migrationspolitik zuständig.

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Der Gynäkologe, ein erst durch Syriza in die Berufspolitik gekommener Seiteneinsteiger, hatte früher, als er das politische Geschehen noch von außen betrachtete, oft scharfe Kritik an dem damaligen griechischen Innenminister Nikos Dendias geübt, der zu Zeiten des konservativen Regierungschefs Antonis Samaras für das Ressort Flüchtlinge und Migration zuständig war. Nun jedoch, da er selbst für die Aufsicht über die Flüchtlingslager und alle damit zusammenhängenden Fragen zuständig ist, sehe er, wie kompliziert und hindernisreich diese Aufgabe sei, sagte Mouzalas im Juli in einem bemerkenswert selbstkritischen Interview.

Tatsächlich ist Mouzalas um seine Aufgabe ebenso wenig zu beneiden wie sein Vorgänger. Exakt 60.086 Flüchtlinge oder Migranten befanden sich laut Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) Ende vergangener Woche in Griechenland. Laut UNHCR, das seine Zahlen von der griechischen Regierung bezieht, hielt sich die große Mehrheit, nämlich etwa 47000, auf dem Festland auf. Die größten Schwierigkeiten und Konflikte bereiten aber die etwa 13.000 Migranten auf den ägäischen Inseln, wo die Aufnahmelager ausnahmslos überfüllt sind.

42434338 © Reuters Vergrößern Überfüllt: Ein Flüchtlingslager auf der Insel Chios.

Auf Lesbos, der größten griechischen Ägäisinsel, eskalierte am Montag die Situation. Nach Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen und der Polizei brannte in der Nacht zum Dienstag ein Lager ab.

Knapp 5400 aus der Türkei gekommene Migranten waren zu Monatsbeginn auf Lesbos registriert – doch Platz gibt es in den Lagern der Insel nur für 3500 Personen. Ähnlich war die Lage auf Chios (1100 Plätze, aber 3300 Migranten) Kos (1000 Plätze für 1500) und Samos (850 Plätze für 1350). In den Lagern kommt es beinahe täglich zu Gewaltausbrüchen, so Ende vergangener Woche bei einem Kampf zwischen Senegalesen und Algeriern sowie Afrikanern und Afghanen auf Lesbos.

Die Platznot verschärft sich täglich, denn obwohl in der Folge des Flüchtlingsabkommens zwischen der EU und der Türkei sowie des mazedonischen Zaunbaus vom März dieses Jahres die Zahl der illegalen Einreisen nach Griechenland deutlich zurückgegangen ist, kommen weiterhin Flüchtlinge und Migranten auf den Inseln an. Die Zahlen steigen sogar wieder: Von 111 täglichen Ankünften im August auf bisher 122 tägliche Ankünfte im September.

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Verglichen mit den Zahlen von 2015 oder auch noch den ersten beiden Monaten dieses Jahres sind das zwar äußerst überschaubare Dimensionen, doch für die griechischen Inseln hat sich seit dem Frühjahr ein entscheidendes Detail geändert: Bis Ende März waren die Inseln gleichsam nur das Sprungbrett zur Balkanroute. Kaum angekommen, nahmen die Migranten von hier aus die Fähre nach Athen, um von dort den Weitermarsch gen Nordwesten anzutreten.

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