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Veröffentlicht: 19.04.2016, 10:04 Uhr

Helmut Kohl und Viktor Orbán Der Lehrer und sein Schüler

Helmut Kohl empfängt Viktor Orbán zu einem Gespräch in Oggersheim. Muss man die Einladung des Altkanzlers als Unterstützung von Orbàns Politik verstehen?

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© dpa Helmut Kohl Ende Juni 2006 mit Viktor Orban beim Europäischen Jugendkongress der Konrad-Adenauer-Stiftung im Leipziger Gewandhaus

An diesem Dienstag kommt Viktor Orbán nach Deutschland. Mal wieder, möchte man sagen, schließlich war der ungarische Ministerpräsident erst im September da. Seinerzeit hatte ihn Horst Seehofer eingeladen, zur CSU-Klausurtagung in Kloster Banz. Orbán sagte hernach Sätze wie „Bayerns Südgrenze wird in Ungarn verteidigt“, und, zu Seehofer gewandt: „Ich stehe hier als Ihr Grenzschützer.“ Die Kanzlerin traf er nicht.

Thomas Gutschker Folgen:

Das ist nun wieder so. Ein Termin sei nicht angefragt worden, heißt es im Kanzleramt. Orbán und Merkel würden sich ja ohnehin ständig begegnen, bei den Europäischen Räten und davor, bei den Treffen der EVP-Chefs. Stimmt alles – aber nach dieser Logik könnte sich die Kanzlerin auch alle anderen Treffen mit EU-Kollegen sparen. Was sie nicht tut. Orbán wiederum war ein anderer Termin wichtiger: Am Dienstag will er Helmut Kohl in dessen Privathaus treffen.

Kohls selbsternannter Enkel, Kai Diekmann, Herausgeber der „Bild“-Zeitung, überbrachte die Kunde der Öffentlichkeit. Gewürzt mit dem Hinweis, dass der Altkanzler den Ungarn „stets und gegen mancherlei Kritik als Europäer mit Herzblut verteidigt und schätzt“. Da ging ein Raunen durchs Berliner Regierungsviertel: Erst Seehofer, jetzt Kohl! Nicht Merkel! Wie perfide! Seitdem wird viel darüber spekuliert, ob Kohl noch bei Sinn und Verstand sei oder ob er sich von seiner Frau Maike für einen Rachefeldzug gegen Merkel einspannen lasse.

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Kohls Büro äußerte sich nicht weiter über die Motive. Er selbst ist wohl nur eingeschränkt kommunikationsfähig, nach einem halben Jahr im Krankenhaus und mehreren Operationen. „Sprechen und Schlucken fällt ihm noch sehr schwer“, teilte Diekmann aus des Kanzlers Garten mit. Dem Vernehmen nach ist Kohls Gesundheitszustand nicht stabil, weshalb hinter allen Terminen ein Fragezeichen steht – auch dem geplanten mit Orbán.

Ankündigung als Ereignis

In diesem Fall war allerdings schon die Ankündigung das Ereignis. Nur, welches eigentlich? Hat Kohl seine europapolitischen Grundsätze aufgegeben, wenn er ausgerechnet Viktor Orbán als Vorbild preist: den Zaunbauer, der „Brüssel aufhalten“ und den Nachbarn keinen einzigen Flüchtling abnehmen will? Oder steckt in Orbán womöglich mehr europäischer Geist, als sein Verhalten in den vergangenen Monaten ahnen lässt? Welches Band verbindet diese beiden Politiker, zwischen denen 33 Jahre Altersunterschied liegen, die in Ost und West gelebt haben, bis die Mauer fiel, und die mit dem Nationalen sehr unterschiedliche Erfahrungen verbinden?

Helmut Kohl in Budapest © ddp Images Vergrößern Wie alles begann: Im September 2000 zeichnete Viktor Orbán, damals 37 Jahre alt, Helmut Kohl, 70, in Budapest für Verdienste um Ungarn aus.

Man muss auf den Anfang dieser Beziehung sehen, um das zu verstehen. Sie begegneten einander nicht als Regierungschefs, sondern als Lehrer und Schüler, wobei in diesem Fall der Schüler einen Lehrer suchte. Im Mai 1998 hatte die Partei Fidesz die ungarische Parlamentswahl gewonnen. Orbán schickte sich an, mit 35 Jahren zum jüngsten Regierungschef in Europa gewählt zu werden.

Zehn Jahre schon war er politisch aktiv gewesen, nie jedoch in Regierungsverantwortung. Er suchte Rat und bat Kohl um ein Gespräch. Der war im sechzehnten Jahr Kanzler, in Ungarn genoss er einen Ruf wie kein anderer deutscher Politiker. Die Öffnung des ungarischen Grenzzauns im Sommer 1989, der Fall der Mauer, der deutsch-ungarische Freundschaftsvertrag – all das hatte beide Staaten zusammengeschweißt.

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