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Die Rede im Wortlaut : „Ein Land der Zuversicht“

  • Aktualisiert am

Bundespräsident Joachim Gauck Bild: dpa

In einer Rede zur Eröffnung der „Interkulturellen Woche“ am Sonntagabend in Mainz hat Bundespräsident Joachim Gauck zur Aufnahme von Flüchtlingen und die Folgen für Deutschland gesprochen. FAZ.NET dokumentiert die Rede im Wortlaut.

          Wie schön, dass ich heute gemeinsam mit Ihnen die 40. Interkulturelle Woche eröffnen kann. Ich gratuliere herzlich zu diesem Jubiläum und zugleich zu einer guten Idee, die 1975 von den großen christlichen Kirchen in die Tat umgesetzt wurde. „Woche des ausländischen Mitbürgers“ hieß das Projekt in den ersten Jahren. Allein am Namenswechsel ist zu sehen, welchen Weg Sie und wir alle zurückgelegt haben. Neue Partner sind hinzugekommen, aber das Ziel ist dasselbe geblieben: Gemeinsam treten Sie ein für eine offene und tolerante Gesellschaft.

          Erlauben Sie mir, in diesem Jahr nicht allgemein über Integration und interkulturelle Begegnungen zu sprechen – wohl wissend, dass wir gerade in Ihrem Kreis auf viele positive Erfahrungen zurückgreifen können, die uns bei der Bewältigung der gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen hilfreich sein können.

          Ich möchte stattdessen über die Aufnahme von Flüchtlingen sprechen, also über das, was uns alle zurzeit beschäftigt. Ich bin sicher: auch und gerade Sie, die Teilnehmer der Interkulturellen Woche.

          Wir spüren, dass die Ereignisse der vergangenen Monate außergewöhnlich sind. Was wir sehen, beunruhigt viele und fordert uns alle heraus. Wir ahnen, wenn wir die Bilder sehen aus Ungarn, vom Balkan, aus Griechenland und Italien, aus der Türkei und aus Syrien, dass wir es mit einem epochalen Ereignis zu tun haben, dessen Ausmaß und Tragweite wir noch schwer erfassen können. Wir ahnen, dass der Zug der Flüchtenden, der vor allem in Deutschland sein erhofftes Ziel findet, unser Land verändern wird. Wie – das liegt an uns.

          In dieser Situation, in der es in Europa wie in Deutschland keine Lösungen gibt, die alle zufriedenstellen, ist der Entscheidungsdruck gleichwohl enorm. Und es gibt Handlungszwänge. Wir haben jüngst erlebt, wie eine sehr verständliche, menschliche Entscheidung der Bundesregierung auf begeisterte Zustimmung, aber auch auf deutliche Reserve, ja sogar Ablehnung stieß. Eine Reihe europäischer Stimmen warnt davor, rechtliche Standards würden durch Entscheidungen aus dem Herzen heraus verwässert. Auch im Inland hat eine lebhafte Debatte darüber begonnen, welche nächsten Schritte erforderlich sind, und was uns eigentlich leiten soll in der Flüchtlingspolitik.

          Lassen Sie mich zunächst sagen: Mit wem ich in diesen Tagen auch spreche, ob mit Bürgern oder Amtsträgern, ob ich Flüchtlingsunterkünfte besuche oder politische Versammlungen, überall sind die Menschen, wie ich, tief beeindruckt von der Hilfsbereitschaft und dem Engagement der vielen tausend freiwilligen und hauptamtlichen Helferinnen und Helfer, auch der Kommunen und Länder.

          Aber zugleich treibt viele die Sorge um: Wie kann Deutschland auch in Zukunft offen bleiben für Flüchtlinge, wenn zu den vielen, die schon da sind, viele weitere hinzukommen? Wird der Zuzug uns irgendwann überfordern? Werden die Kräfte unseres wohlhabenden und stabilen Landes irgendwann über das Maß hinaus beansprucht? Mir geht der Satz eines Vertreters der nordrhein-westfälischen Kommunen nicht aus dem Kopf. Er sagte: „Die Profis und Ehrenamtler können nicht mehr. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Und er fügte hinzu, 2016 sei für die Gemeinden ein vergleichbar hoher Zustrom wie in diesem Jahr nicht mehr zu verkraften.

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