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Gastbeitrag : Rick’s Café in Deutschland

  • -Aktualisiert am

Aktion syrischer Flüchtlinge in Erfurt, die sich bei Passanten für die Aufnahme in Deutschland bedanken. Bild: dpa

Die Massenflucht von Menschen nach Deutschland zeigt eine ganz andere Situation als noch vor Jahrzehnten. Muslime werden von Nichtmuslimen empfangen, Berlin wird zu „Casablanca“. Ein Gastbeitrag.

          Tausende Muslime aus dem Orient auf dem Marsch in den Okzident. Einer aus der Flüchtlingskolonne, die den Budapester Ostbahnhof in Richtung Westen verließ, trug die blaue EU-Fahne mit dem Sternenrund voran: „Wer sich selbst und andere kennt / wird auch hier erkennen: Orient und Okzident / sind nicht mehr zu trennen.“ Unvorstellbar, dass sich Goethes Zeilen einst so inszenieren würden – 14 Jahre nach „9/11“? Dass sich die Niederlage des politischen Islams in einem schier endlosen Flüchtlingsstrom in die westlichen Demokratien manifestieren würde?

          Muslime trugen Abbildungen Angela Merkels um den Hals: Deutschland wurde „Rick’s Café“; Berlin „Casablanca“; die deutsche Kanzlerin Humphrey Bogart, die den zwischen den Fronten schwankenden Polizeichef Louis Renault alias Viktor Orbán überspielte. Mit den Worten des algerischen Historikers und Leiters des „Orientierungsrates für das (neue) Museum für Immigrationsgeschichte“ in Paris, Benjamin Stora: „Ich habe im Fernsehen die Bilder der jungen Syrer, Männer und Frauen, die Hände zum Protest erhoben, gesehen, so wie sie diese vor zwei Jahren in Aleppo oder Homs gegen die Assad-Diktatur erhoben hatten. Es sind dieselben. Geflohen vor Diktatur und religiösem Obskurantismus. Sie haben die Gesichter der chilenischen oder vietnamesischen Flüchtlinge der 1970er Jahre.“

          Doch die heutige Situation hat ein ganz neues Gesicht: Wo hat man in den vergangenen dreißig Jahren gesehen, dass Muslime von Nichtmuslimen mit Beifall und Willkommensrufen begrüßt wurden? Wo hat man Muslime mit dem Victory-Zeichen antworten sehen? Als gäbe es sie endlich nicht mehr, die Grenze zwischen nichtmuslimischer und muslimischer Welt, die in den vergangenen dreißig Jahren stets deutlicher gezogen wurde von Theokraten, Islamisten, Dschihadisten. Sie war weg, die Grenze zwischen „Gläubigen“ und „Ungläubigen“, verschwunden in finsterer, prähistorischer Zeit, zusammengeknickt unter der Wucht des Lebendigen.

          Den Blick auf die Frau mit dem Kind im Arm freigebend, froh, in Deutschland zu sein; auf den Münchener Bürger, glücklich, dem syrischen Buben Schokolade hinzuhalten – ein wahrhaft historischer Moment, wie es ihn in der unseligen Geschichte zwischen Morgenland und Abendland fast nie gegeben hat, unvorstellbar im Moment zuvor. Und dennoch hat er seinen Grund in der schon zu lange andauernden Unfähigkeit der islamischen Welt, Rechts- und Sozialstaat, Meinungs- und Glaubensfreiheit zu verwirklichen, so dass viele ihrer Bewohner seit Jahrzehnten in Länder mit Sicherheit und Perspektive fliehen.

          Sie könnten verschleierte Augen öffnen

          Dass aber Deutschland auf so überschwängliche Weise zu diesen Ländern gehören würde, verglichen mit anderen: Wer hätte das gedacht, als die rote Fahne auf dem Reichstag gehisst wurde? Welche Chance für Muslime und Nichtmuslime! Wurden die chilenischen und vietnamesischen Flüchtlinge entsprechend den Gedanken, die sie mitbrachten, empfangen – von Pinochet verfolgte kommunistische und linksextreme Chilenen: bitte draußen bleiben; vor Kommunismus fliehende Vietnamesen: okay –, wird nach den Gedanken der Muslime, die derzeit nach Deutschland strömen, nicht gefragt. Warum auch?

          Es scheint doch selbstverständlich, dass sie Nichtausgrenzung mit Nichtausgrenzung beantworten, Gleichberechtigung der Frau mit Gleichberechtigung, Gewissensfreiheit mit Gewissensfreiheit. Haben sie doch soeben am eigenen Leib erfahren, welche Wohltat ein Gemeinwesen ist, das nach diesen Prinzipien funktioniert.

          Und wenn es nicht so wäre? Wenn ein Teil zu fremdeln begänne angesichts der Zumutungen des modernen Deutschlands, gar gegen sie aufbegehrte? Dann wäre dies die Stunde jener Musliminnen und Muslime, die seit langem einem außer Kontrolle geratenen Gott Grenzen der Vernunft und der Menschenrechte zu setzen versuchen. Die dafür verfolgt, allein gelassen werden in der islamischen Welt und von der europäischen Linken. Es sind unsere muslimischen Freunde. Sie könnten verschleierte Augen öffnen. Es wäre die Stunde der Islamkritik in „Rick’s Café“: „Play it again, Sam!“

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