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Flüchtlingszahlen : Nicht ganz EASY

Flüchtlinge in einem Erstaufnahmelager im niedersächsischen Friedland: Von dem Erfassen bis zum tatsächlichen Stellen eines Asylantrages vergeht immer mehr Zeit Bild: dpa

Immer mehr Menschen kommen nach Deutschland. Die Zahl der Asylsuchenden wächst - nur wie viele sind es tatsächlich? Und wer wagt profunde Prognosen? Alles nicht so einfach.

          Mit steigender Verwirrung pflegt beim Menschen die Sehnsucht nach Klarheit zu wachsen, die er – annähernd unbelehrbar – in Zahlen sucht. Dass es hinsichtlich des enormen Zustroms von Asylsuchenden nicht nur bei der Bevölkerung, sondern auch in der Politik zu einer gewissen Verwirrung und (s.o.) zur Suche nach der verlorenen Klarheit gekommen ist, steht außer Frage. Deswegen wuchs über den Sommer der Druck auf das für den Umgang mit den Migranten zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sowie auf das ihm übergeordnete Bundesinnenministerium, namentlich dessen Minister Thomas de Maizière (CDU), die zu erwartenden Menschenmengen endlich in Zahlen zu fassen. Endlich, am 19. August, kam die Erlösung. De Maizière teilte in Berlin mit, dass er mit 800.000 Personen rechne, die in diesem Jahr nach Deutschland kämen auf der Suche nach Asyl.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Mit dieser Mitteilung aber begann bei manchem die Verwirrung erst. Denn die Zahl 800.000 wurde sogleich ins Verhältnis gesetzt zu der im Mai vom BAMF veröffentlichten Prognose, dass man für dieses Jahr mit 400.000 Erstanträgen auf Asyl und 50.000 Folgeanträgen rechne. Verbreitete Schlussfolgerung: Es kommen annähernd doppelt so viele Asylbewerber wie erwartet! Hier muss darauf hingewiesen werden, dass es mit den Zahlenvergleichen nicht so easy, Entschuldigung: einfach ist, was wiederum mit einem System zu tun hat, das genau so heißt: EASY. Das steht für Erstverteilung von Asylsuchenden.

          Die Antwort heißt „Asyl“

          Wann immer ein Migrant erstmals deutschen Boden betritt und in Kontakt mit einem Behördenmitarbeiter kommt, oft einem Bundespolizisten, werden seine Daten in diesem System erfasst. Er wird gefragt, was er will, und in der Regel lautet die Antwort: Asyl. Damit ist er noch kein Asylbewerber. Zu einem solchen wird er erst, wenn er beim BAMF einen Antrag auf Asyl stellt. Als die Zahl der nach Deutschland kommenden Migranten noch nicht so hoch wie zur Zeit war, lag zwischen beiden Vorgängen meist nur ein Zeitraum von wenigen Tagen. Deswegen machten BAMF und Innenministerium bei der Veröffentlichung ihrer Prognosen keinen Unterschied zwischen der Zahl derjenigen, die im EASY-System erfasst waren und den tatsächlichen Asylbewerbern. Durch die schiere Menge von Menschen, die inzwischen nach Deutschland strömen, kommt das BAMF mit den Anträgen aber oft nicht nach, so dass häufig Wochen zwischen der Erfassung durch das EASY-Verfahren und dem Stellen eines Asylantrages vergehen.

          Deswegen sind die EASY-Zahlen inzwischen deutlich höher als die der Asylanträge. Als de Maizière sich im August äußerte, gab es für das laufende Jahr 218.000 Asylanträge, aber 309.000 Erfassungen im EASY-System. Weil aber für die mit der Versorgung der Migranten befassten Behörden die Zahl der angekommenen Menschen wichtiger ist, als die der gestellten Asylanträge, hatte sich de Maizière entschlossen, die EASY-Zahlen zu nennen. Die Zahl 450.000 aus dem Mai hatte sich dagegen auf die Anträge bezogen.

          Für das laufende Jahr wird mit einer weiteren Spreizung zwischen beiden Werten gerechnet, zumal in der zweiten Jahreshälfte mehr Migranten zu kommen pflegen als in der ersten. Also ist die Zahl der Asylsuchenden nicht nur gewachsen, weil immer mehr Menschen nach Deutschland wollen, sondern auch, weil sich die behördliche Darstellung verändert hat. Nicht jeder der – wenn es denn so kommt – 800.000 Ankommenden wird automatisch zum Asylbewerber in Deutschland. Mancher reist weiter, etwa nach Schweden. Die meisten werden jedoch bleiben, sofern die vielen begeisterten „Germany“-Rufe nicht täuschen.

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