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Traumatische Flucht : Am Rande der Belastbarkeit

Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin: Etwa 600 Patienten werden pro Jahr behandelt. Bild: dpa

Etwa 40 Prozent aller Flüchtlinge sollen traumatisiert sein – in Berlin wird ihnen professionell geholfen. Doch auch das Behandlungszentrum stößt an seine Grenzen.

          Das Lageso ist seit dem vergangenen Sommer weit über Berlin hinaus bekannt und berüchtigt. Inzwischen ist es an der Turmstraße am Lageso ruhig geworden, die Menschen kommen nicht schon nachts an, um stundenlang in Schlangen auf Termine zu warten. Im vergangenen Sommer war das noch ganz anders. Gelegentlich wurden Menschen direkt aus der Schlange ins Behandlungszentrum gebracht, wenn sie die seelische Last und die körperlichen Beschwerden nach ihrer Flucht nicht mehr ertragen konnten.

          Mechthild Küpper

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Im Schatten des Landesamts für Gesundheit und Soziales arbeitet in einem der Altbauten auf dem Campus des ehemaligen Krankenhauses Moabit auch das „Behandlungszentrum für Folteropfer“, im Berliner Volksmund schlicht „Folterzentrum“ genannt. Wenn jemand in Berlin mit dem Leid von politisch verfolgten und aus ihren Ländern geflohenen Menschen vertraut ist, dann sind es die Mitarbeiter hier. Angefangen hat die Arbeit in den achtziger Jahren mit der Erkenntnis von jungen Medizinern, dass auch Ärzte tief in die Herrschaft der Nationalsozialisten verstrickt waren. „Nicht misshandeln“ hieß das Buch, das der Mitgründer des Zentrums Christian Pross mit Rolf Winau über die Verfolgung der jüdischen Ärzte zwischen 1933 und 1945 am Krankenhaus Moabit schrieb. Daraus folgten Forschungen über die Behandlung von KZ-Überlebenden und über die Wiedergutmachung für NS-Opfer.

          Bei der historischen Recherche blieb es nicht. Denn bald kamen Kurden aus der Türkei und dem Irak, die in Gefängnissen gefoltert worden waren und nach Berlin fliehen konnten. 1992 wurde das Behandlungszentrum gegründet. Es kamen Menschen, die im SED-Staat misshandelt worden waren, und Kriegsflüchtlinge aus den ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken. Und Syrer, die vor dem Krieg in ihrem Land geflohen waren.

          Zunächst exotische Nische

          Das Behandlungszentrum, das zunächst als exotische Nische auf dem weiten Feld der modernen Medizin angesehen wurde, wuchs und gewann Freunde. In der Politik, aber auch international und bei Künstlern und Unternehmern. Beim diesjährigen Filmfestival Berlinale wurden 25.000 Euro für das Zentrum gesammelt, 2006 bekam es 211.000 Euro vom Bundestag, finanziert aus den Bußgeldzahlungen von Parteien, die gegen das Parteiengesetz verstoßen hatten. Seit 2004 arbeitet das Zentrum auf dem Gelände in Moabit, wo auch ein therapeutischer Heilgarten angelegt wurde, in dem traumatisierte Patienten offenbar wohltuende Gartenarbeit leisten und deren Ergebnisse genießen können. Dieser Tage erhielt das Zentrum von der Stiftung Oskar-Helene-Heim die Helene-Medaille – dotiert mit 10.000 Euro –, den „Oscar für medizinisch-humanitäre Arbeit“, wie die Spender sagten.

          Die Expertise des Zentrums sei überaus gefragt, sagt Mechthild Wenk-Ansohn, die Leiterin der ambulanten Abteilungen; es gibt eine für Erwachsene und eine für Jugendliche. Statt traumatisierte Patienten zu behandeln, könnten sie und die Mitarbeiter ausschließlich Fortbildungsveranstaltungen, Supervisionen und Politikberatung anbieten. Schon lange führe das Zentrum keine Wartelisten mehr, sondern sage Hilfesuchenden lieber gleich ab. Früher standen bis zu 200 Personen auf den Listen. Wenn über Krisen und Konflikte berichtet werde, seien ein bis zwei Jahre später die ersten Opfer in Berlin. Von bosnischen Frauen lernten die Mitarbeiter des Zentrums, wie sexualisierte Gewalt im Krieg eingesetzt wird, von afrikanischen Kindersoldaten, wie Krieg jede Rücksicht auf Schwache zerstört.

          In der Arbeit mit Traumatisierten und Kriegsflüchtlingen habe man im Behandlungszentrum Standards für deren Behandlung entwickelt. Im Zentrum können sich die Therapeuten mit Patienten aus fast allen Ländern unterhalten: 40 Dolmetscher sind dort, die mehr als 25 Sprachen sprechen. Für Laien verblüffend ist die Erkenntnis, dass die Behandlung nicht sonderlich aufwendig ist oder Jahre dauern muss. Auch kurze Interventionen und sogar schriftliche, via Internet anonym geführte Gespräche können den Patienten zwar nicht Heilung, so doch spürbare Erleichterung verschaffen. „Ilajnafsy“, Psychotherapie, heißt das von der katholischen Hilfsorganisation Misereor finanzierte Programm für arabischsprechende Folteropfer. 2013 begann das Berliner Zentrum mit einem Akutprogramm für Syrer, das inzwischen allen Flüchtlingen offensteht. Der größte Feind einer erfolgreichen Trauma-Therapie ist die Chronifizierung, sagt Wenk-Ansohn. Noch immer seien etliche Tschetschenen und Bosnier unter den Patienten.

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