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Flüchtlingskrise : Die Wut der Russlanddeutschen

Beruhigungsversuche: Polizeirevierleiter Felix Neulinger und Oberbürgermeister Wolfgang G. Müller (rechts daneben im Profil) mit Demonstranten auf dem Rathausplatz von Lahr Bild: Endrik Baublies

Viele Spätaussiedler fühlen sich von den neu in Deutschland ankommenden Flüchtlingen bedroht und von den deutschen Medien betrogen. Nach 20 Jahren erfolgreicher Integration droht die Entfremdung - fleißig befeuert von Moskau.

          Spätaussiedler sind eigentlich keine Querulanten. Sie denken in aller Regel konservativ und schätzen Autoritäten. Doch als 11.000 Spätaussiedler vor mehr als zwanzig Jahren in die Schwarzwald-Stadt Lahr zogen, gab es zunächst trotzdem Ärger. Die Lahrer nannten die früheren Siedlungen der kanadischen Streitkräfte in Kippenheimweiler oder am „Kanadaring“ ziemlich direkt „Klein-Kasachstan“. Sie sahen mit Sorge, wie die Kriminalität sprunghaft zunahm, denn die jungen Männer aus Russland tranken zu viel Alkohol, manche waren gewalttätig, weil sie eigentlich gar nicht in den Schwarzwald wollten.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die badische Idylle geriet in Unordnung, Neid und Fehlverhalten produzierten Spannungen. Heute sind 25 Prozent der 44.000 Lahrer Bürger Russlanddeutsche, seit etwa zehn Jahren klappt das Zusammenleben so gut wie reibungslos. Die Stadt wirbt sogar mit dem Spruch „Vielfalt im Quadrat“.

          Die Russlanddeutschen gründeten Unternehmen, eröffneten Arztpraxen, bauten Autowerkstätten auf oder Hotels, in denen Kunstlederbetten aus russischer Produktion im klassischen Schwarzwaldzimmer stehen. „Ausgesöhnte Verschiedenheit“ nennen die Lahrer das. Viele Firmen, vor allem die, bei denen noch viel mit der Hand geschafft wird, sind froh, dass es die Russlanddeutschen gibt, denn sie brauchen fleißige, manuell begabte Mitarbeiter.

          Viele Russlanddeutsche wurden zu Lahrer Bürgern, was erstaunlich ist, denn ein früherer Oberbürgermeister hat die Eigentümlichkeit des Ortes einmal so beschrieben: „Es gibt Männle, Wieble und Lahrer.“ Seit vielen Jahren herrschen Frieden und Einvernehmen zwischen den Russlanddeutschen und den übrigen Lahrern, jedenfalls war das bis zum 24. Januar so.

          Eine krude Behauptung russischer Staatsmedien

          An diesem Tag geschah etwas, das den Oberbürgermeister, die meisten Kommunalpolitiker und auch viele Russlanddeutsche zutiefst verstörte. Rund 350 russlanddeutsche Männer und Frauen versammelten sich vor dem Rathaus zu einer nicht angemeldeten Demonstration. „Jeder Mensch ist wertvoll“ war auf einem Plakat zu lesen. Gelbe Luftballons wehten im Winterwind. Es war kein Redner angekündigt. Per Whatsapp und SMS waren die Russlanddeutschen auf den Rathausplatz gelockt worden: Dort gebe es Informationen über das angeblich von Flüchtlingen vergewaltigte Mädchen Lisa aus Berlin-Marzahn, hieß es.

          Der Fall ist eine krude Behauptung russischer Staatsmedien, die von der Polizei längst widerlegt ist. Trotzdem sorgte er für große Unruhe unter den Russlanddeutschen und Russen in Deutschland. Auch in Villingen-Schwenningen, Berlin, Rastatt und Augsburg gab es Demonstrationen, allein in Baden-Württemberg gingen 3000 Russlanddeutsche gegen „Ausländergewalt“ auf die Straße. Deutschen Rechtsextremisten kam der Aufruhr sehr gelegen – das einschlägige Magazin „Compact“ berichtete ausführlich über die wahrscheinlich aus Moskau gesteuerten Demonstrationen.

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