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Flüchtlings-Studie der UN : Wer flieht nach Europa?

Wer will nach Europa? 74 Prozent der syrischen Flüchtlinge gaben an, sie seien mit mindestens einem engen Familienangehörigen unterwegs. Bild: dpa

Die Vereinten Nationen haben untersucht, wer derzeit nach Europa wandert. So seien es vermehrt Familien und Bauarbeiter, die aus Syrien und Afghanistan fliehen. Und die Studie zeigt ebenfalls: Auch andere Vorurteile stimmen nicht.

          Über die Flüchtlinge, die seit fast einem Jahr nach Deutschland kommen, weiß man immer noch erstaunlich wenig. Das öffentliche Bild schwankt zwischen dem Zahnarzt aus Syrien und dem Kleinkriminellen aus Marokko. Das dürfte sicher nicht die Bandbreite an Einzelschicksalen und Lebenswegen abbilden, die in einer Gruppe von 1 091 894 Menschen – so viele wurden 2015 als asylsuchend in Deutschland registriert – zu erwarten sind. Die deutschen Behörden haben bisher wenig statistisches Material über die Angekommenen veröffentlicht. Ein paar Anhaltspunkte liefern die Vereinten Nationen, die kürzlich Migranten in Griechenland befragten. Daraus ergeben sich ein paar Erkenntnisse: Es scheinen nun mehr Familien zu kommen; bei der Wahl des Ziellandes spielen Wirtschaftskraft und Sozialsystem eine untergeordnete Rolle.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

          Die Umfrage stammt vom UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, und fand zwischen dem 15. und 31. Januar auf mehreren griechischen Inseln statt. Befragt wurden die beiden größten Flüchtlingsgruppen: Syrer (222 Befragte) und Afghanen (191). Das ist nur ein Bruchteil der registrierten Flüchtlinge, so dass auch das UNHCR sagt, es handle sich lediglich um Hinweise auf das „Profil“ der beiden einreisenden Nationalitäten zur Zeit der Untersuchung. Die Erhebung soll monatlich wiederholt werden.

          Offenbar vermehrt Familien unterwegs

          Auffällig ist zunächst einmal, dass bei den Syrern die Geschlechtsverteilung nicht dem gängigen Bild des vorwiegend männlichen Migranten entspricht. 49 Prozent der erfassten Syrer waren Männer, 32 Prozent Frauen, 19 Prozent Kinder. 44 Prozent gaben an, sie seien verheiratet, 53 Prozent bezeichneten sich als alleinstehend. 74 Prozent sagten, sie seien mit mindestens einem engen Familienangehörigen unterwegs. Das könnte ein Anzeichen dafür sein, dass jetzt mehr Familien auf der Flucht sind als früher. Allerdings fehlen Vergleichswerte früherer Monate.

          Bei den Afghanen war der Anteil der Männer deutlich höher, er lag bei 60 Prozent. Frauen machten 17 Prozent, Kinder 23 Prozent aus. Nur 61 Prozent gaben an, sie reisten mit mindestens einem engen Familienangehörigen. Allerdings sagten 42 Prozent der Afghanen, sie seien verheiratet; 45 Prozent von ihnen haben einen Ehegatten zurückgelassen (Syrer: 11 Prozent). Alleinreisende afghanische Männer sind offenbar nicht immer Junggesellen.

          Schlepper Grund für unrealistisches Europa-Bild 

          Unterschiede zeigen sich beim Motiv für die Wanderung. In beiden Gruppen wird als Hauptgrund die Flucht vor einem Konflikt oder Gewalt genannt. Allerdings sagten das bei den Syrern mit 94 Prozent fast alle, während es bei den Afghanen 71 Prozent waren. Das dürfte mit einer Besonderheit der afghanischen Flüchtlinge zu tun haben: 19 Prozent gaben an, sie hätten noch nie in ihrem Heimatland gelebt, sondern in Iran. Weitere 26 Prozent haben vor der Ankunft in Griechenland sechs oder mehr Monate in einem anderen Land gelebt (Iran: 23 Prozent, Pakistan: 2, Türkei: 1). Fast die Hälfte hatte sich also schon vor der Ankunft in der EU in einem Drittstaat niedergelassen. Der wichtigste Grund, den sie für ihre Weiterreise angaben, war die Angst vor Ausweisung (25 Prozent). Es folgen die Arbeitsplatzsuche (17 Prozent), Mangel an Ausweispapieren (15) und Diskriminierung (15).

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