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Veröffentlicht: 10.04.2016, 06:17 Uhr

Flüchtlinge auf dem Land Die Chance der Leere

Orte wie Friedland fürchten um ihre Zukunft, weil sie langsam auszusterben drohen. Jetzt kommen die Flüchtlinge. Sie sind eine Art Rettung. Es dürften deshalb gerne noch mehr sein.

von
© Andreas Pein Deutsch für Ausländer im Alten Gymnasium: Nancy Keller und ihre „Klasse“ im mecklenburgischen Friedland
 
Kleine Orte wie Friedland stehen kurz vorm Aussterben – die Flüchtlinge wirken dem entgegen.

Christabel Yeboah stammt aus Ghana, geht in die zweite Klasse und ist ein kleiner Star im mecklenburgischen Friedland. Vor zwei Jahren kam sie mit ihrer Mutter und zwei Schwestern als Flüchtling nach Deutschland, in die kleine Stadt Friedland. Ein halbes Jahr im Kindergarten reichte, dass sie Deutsch konnte. Ein dunkelhäutiges Mädchen, noch dazu ein so aufgewecktes mit geflochtenen Zöpfen, die auch ihre Mitschülerinnen gern hätten, gilt im tiefen Mecklenburg noch immer als Ereignis.

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Beim Nachbarfest jedes Jahr direkt vor der Flüchtlingsunterkunft, in der sie lebt, ist sie dabei. Sie tanzt gern und lacht viel. Sie erobert die Herzen, sogar das des Innenministers von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier (CDU). Der war auch schon Gast beim Nachbarfest. Und für ihre Mutter muss sie inzwischen dolmetschen. Manchmal fehlt sie im Unterricht, weil wieder einmal etwas zu klären ist. Aber das kennen die Lehrerinnen aus der Grundschule schon. Auch andere Kinder müssen einspringen, wenn ihre Eltern einen Übersetzer benötigen.

Mehr Flüchtlinge als in anderen Orten

Christabels Familie hat eine eigene Wohnung in der Gemeinschaftsunterkunft in der Jahnstraße, einem alten DDR-Plattenbau. Dort gibt es 27 Wohnungen für 120 Flüchtlinge aus einem Dutzend Nationen. Betrieben wird das Haus von den Maltesern. Ursula Drews leitet es und lobt Christabels Mutter. Wie sehr sie sich doch darum kümmere, dass ihre beiden älteren Kinder pünktlich und ordentlich in Schule und Kindergarten erscheinen. „Bei anderen klappt das nicht immer so.“ Nur die kleinste Tochter ist noch zu klein für die Kita.

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Das Schicksal Christabels und ihrer Mutter ist ungewiss. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wird darüber entscheiden. Und selbst wenn Christabels Mutter Asyl in Deutschland erhielte: Würde die Familie in der Stadt bleiben können? Bürgermeister Wilfried Block (parteilos), seit 1992 im Amt, wünschte sich das. Aus seiner Sicht könnten die Flüchtlinge dem Ort wieder eine Zukunft geben. Es wäre einen Versuch wert.

Etwa 450 Flüchtlinge leben in Friedland und den Gemeinden der Umgegend. Zwanzig weitere werden erwartet. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl kommen deutlich mehr Flüchtlinge nach Friedland als in andere Orte Mecklenburg-Vorpommerns. Die Richtzahl dieses Jahr, die sich aus der vom Landkreis Mecklenburgische Seenplatte erwarteten Gesamtzahl der Flüchtlinge ergibt, lautet für Friedland 117. Sie ist praktisch schon jetzt erreicht.

Kinder aus Syrien, Eritrea, Iran und Irak

Doch Block könnte sogar noch mehr unterbringen. Wohnungen sind genug da. Und obwohl in der Gemeindevertretung zwei NPD-Mitglieder sitzen, klappt auch das Zusammenleben in der Stadt so gut wie reibungslos. Auch nach der Silvesternacht in Köln und Hamburg habe sich das Zusammenleben nicht verändert, sagt der Bürgermeister. Vor ein paar Tagen haben drei Syrer sogar einen Friedländer aus der Nachbarwohnung gerettet, als der Mann im Rausch eingeschlafen war und einen Topf auf der Herdplatte vergessen hatte. Die Syrer hörten den Feuermelder, klopften laut an der Tür und holten Feuerwehr und Polizei.

Bevölkerungsrückgang in Friedland - Die Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern kämpft mit sinkenden Einwohnerzahlen und die Stadtverwaltung hofft auf einen Bevölkerungszuwachs durch Flüchtlinge © Andreas Pein Vergrößern „Wer sich integriert, sollte eine bessere Bleibeperspektive haben.“ – Wilfried Block

Die drei Retter sind auf der jüngsten Stadtvertreterversammlung geehrt worden – mit Urkunde und Blumen. Die Versammlung tagt in einem der wenigen historischen Gebäude der Stadt. Das Alte Gymnasium war mal die älteste Lateinschule Mecklenburgs. Heute tagt dort abends die Stadtvertretung, vormittags lernen Flüchtlinge Deutsch, organisiert von der Agentur für Wirtschaft. Nancy Keller, die sich normalerweise beruflich um die Erwachsenenbildung kümmert, sitzt dann mit siebzehn Flüchtlingen im Kreis. Jeder muss sich vorstellen, seinen Namen sagen, das Land, aus dem er kommt, vielleicht auch seine Geschichte. „Eine gute Übung“, sagt die Lehrerin. Ihre Schüler kommen aus Syrien, Eritrea, Iran und Irak. Vier Frauen sind dabei, ein Ehepaar aus dem Irak. Junge Männer aus Eritrea bilden in dem Kreis die Mehrheit. Drei Monate insgesamt dauert der Kurs. Und wer will, kann anschließend einen Antrag auf einen weiteren Integrationskurs stellen.

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