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Flüchtlinge in Jordanien : Flucht ohne Wiederkehr

Immer weniger vertrauen der internationalen Gemeinschaft

Im September 2015 später waren es nur noch die Lagerbewohner und 211.000 der Ärmsten der Armen. „Die Leute hatten schon zuvor sehr zu kämpfen. Im Juli warnten wir sie per SMS vor den bevorstehenden Kürzungen. Das brachte das Fass dann zum Überlaufen“, sagt WFP-Nothilfekoordinator in Jordanien, Jonathan Campbell. Zur selben Zeit begann auch die große Fluchtwelle nach Europa.

Wie prekär die Lage vieler Syrer ist, zeigen die Beträge, um die es geht. Eine nach UN-Kriterien „gefährdete“ Familie mit vier Kindern erhielt bis August umgerechnet nur gut siebzig Euro im Monat. Ein Drittel schickte im neuen Schuljahr ihre Kinder nicht mehr in die Schule, weil sie sich die Gebühren nicht mehr leisten konnten. Stattdessen gingen sie arbeiten oder betteln, wie eine WFP-Untersuchung jetzt ergab.

Fast die Hälfte der ärmsten Syrer sieht ohne verlässliche Nahrungsmittelhilfe demnach keine Zukunft mehr für sich in Jordanien. Sie überlegen, in diesem Fall nach Syrien zurückzukehren oder nach Europa weiterzureisen. Mittlerweile hat das WFP wieder genug Geld, um bis Anfang 2017 auch wieder weiteren 230.000 Syrern finanziell beizustehen. Aber immer weniger vertrauen nach den Erfahrungen der vergangenen Monate der internationalen Gemeinschaft.

„In Syrien kennt jeder jeden“

Zwei der Söhne von Adnan Abu Aun haben es schon nach München geschafft. Doch der frühere Elektrowarenhändler, der vor drei Jahren schwerverletzt aus Daraa geflohen ist, will in seiner feuchten Kellerwohnung in Irbid bleiben. „Meine Arbeit ist zu wichtig“, sagt er und zeigt auf die überquellenden Aktenordner, die sich rund um den Schreibtisch auf dem Boden auftürmen.

Zusammen mit mehreren Freunden hat Aun die „Syrische Institution für Veröffentlichung und Dokumentation“ gegründet. Sie wollen verhindern, dass der Krieg den Syrern alles nimmt, und geben selbst den Toten wieder einen Namen und ein Gesicht. Flüchtlingen, die überstürzt ihr Land verließen, fehlen oft die Sterbeurkunde von Familienmitgliedern, oder sie können nicht beweisen, dass Angehörige im Gefängnis sind und dort gefoltert wurden. Solche Nachweise sind jedoch wichtig, um Hilfe oder ein Visum zu beantragen.

„In Syrien kennt jeder jeden. Wir können mit unseren Kontakten auf beiden Seiten der Grenze recherchieren“, sagt Adnan Abu Aun. Mit Unterschriften bestätigen diese Zeugen, was sie über die mittlerweile 27.000 Fälle wissen, bei denen die Organisation in Jordanien schon geholfen hat. „Eine Nation ohne Dokumentation hat keine Geschichte und keine Identität“, sagt der Menschenrechtler.

„Versuchen, alles zu dokumentieren“

Das Regime von Präsident Baschar al Assad wolle die Zusammensetzung der syrischen Bevölkerung ändern. Dabei schrecke es nicht nur davor zurück, das Eigentum seiner getöteten Opfer, sondern auch ihre Identität an libanesische Hizbullahkämpfer, Iraner oder Pakistaner weiterzugeben. „Das lassen wir nicht zu und versuchen, alles zu dokumentieren“, sagt Adnan Abu Aun.

Er wisse deshalb auch eine Menge über die Syrer, die es nach Deutschland geschafft haben. So ist er überzeugt davon, dass deutlich weniger als die Hälfte aller, die sich als Syrer ausgeben, wirklich aus Syrien kommt. Stattdessen stammten sie zum Beispiel aus dem Libanon, aus Iran oder Afghanistan. „Wir könnten dabei helfen, das nachzuweisen. Wir wissen, wer wer ist“, sagt er.

Das gilt auch für die Täter, die sich nach seinen Erkenntnissen unter die Flüchtlinge gemischt haben: zum Beispiel Mitglieder der Schabiha-Miliz, Schergen Assads. „Deutsche Familien beherbergen freiwillig Mörder und Folterer des Regimes, ohne es zu wissen. Syrische Opfer und Täter leben nebeneinander. Das wird bald Probleme verursachen“, sagt Adnan Abu Aun.

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