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Veröffentlicht: 09.11.2016, 13:32 Uhr

Flüchtlinge in Jordanien Die Karte für das Nötigste

Das Welternährungsprogramm hat für syrische Flüchtlinge in Jordanien Geldkarten eingeführt. Damit können sie zumindest den größten Hunger stillen - und die Einzelhändler freuen sich auch.

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© Rainer Hermann Können kaufen, was sie wollen: Familie Nashaad im Supermarkt

Amman, im November. Muhammad Nashaad und seine Frau wirken in der großen Supermarkthalle wie gewöhnliche Bürger. Eben haben sie mit einer Bankkarte ihre Einkäufe bezahlt, die sie in zwei Einkaufswagen heben. Die zwei sind aber keine gewöhnlichen jordanischen Verbraucher, sie sind Flüchtlinge aus Daraa im Süden Syriens. Vor fünf Jahren sind der 41 Jahre alte Muhammad und seine Frau über die Grenze nach Jordanien geflohen, als der Krieg in ihrer Gegend um sich griff.

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In der vergangenen Nacht ist ihre Geldkarte des Welternährungsprogramms (WFP) mit 140 jordanischen Dinar – etwa 180 Euro – wieder aufgeladen worden. Die stehen ihnen und ihren fünf Kindern als monatliche Ernährungshilfe durch das WFP zu. Wie ein kostbares Gut reicht Muhammad die Karte an seine Frau zurück, die steckt sie aufmerksam in den Geldbeutel, und den verstaut sie mit Bedacht in ihrer Handtasche. Schließlich stellt die Karte die Ernährung der siebenköpfigen Flüchtlingsfamilie sicher.

Einmal im Monat kommen die zwei in den Supermarkt der jordanischen Kette Sameh im Stadtteil Suweileh, wo jeden Tag 1800 syrische Flüchtlinge mit einer solchen blauen Mastercard zahlen. Sie haben Tüten von Mehl und Reis im Einkaufswagen verstaut, Speiseöl und Zucker, einige Konserven. Mehr als diese Grundnahrungsmittel leisten sie sich nicht, auch nicht an Feiertagen.

Einkaufen mit Würde

Bevor diese elektronischen Geldkarten vor drei Jahren eingeführt worden sind, hatte Muhammad – wie alle anderen syrischen Flüchtlinge – einmal im Monat an einem festgelegten Tag mit einem Gutschein in einem Verteilungszentrum des WFP seine monatlichen Rationen für die Familie abgeholt. Heute kann er einkaufen, wann er will und was er will. „Und das alles mit mehr Würde“, sagt Muhammad.

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Er ist einer der 525 000 Syrer in Jordanien, die beim UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR registriert sind; sie alle zahlen ihre Einkäufe mit elektronischen Karten. In Lagern leben von ihnen 106 000, die meisten leben aber in Städten. Das Welternährungsprogramm unterstützt außerhalb Syriens fast zwei Millionen Flüchtlinge, in Syrien sind es über vier Millionen. Dort bringen 3000 Lastwagen die Nahrungsmittel zu den Bedürftigen; in Deir al Zor werden die Güter aus der Luft abgeworfen, nach Hassakeh wurde eine Luftbrücke eingerichtet. Die 950 000 Syrer, die in belagerten Regionen leben, etwa im Osten Aleppos, können sie allerdings nicht erreichen.

Deutsche Unterstützung als große Hilfe

Dass in diesem Jahr die Grundversorgung von rund sechs Millionen Syrern, die unmittelbar vom Krieg betroffen sind, nicht in Gefahr ist, ist vor allem eine Folge der deutschen Überweisung von 570 Millionen Euro – das ist die Hälfte des Budgets des WFP für die syrischen Flüchtlinge. „Deutschlands Hilfe ist präzedenzlos“, dankt Rebecca Richards, die in Amman das Regionalbüro des WFP für den Nahen Osten und Nordafrika leitet. Damit sei sichergestellt worden, dass die Hilfe für die Bedürftigen ohne Unterbrechung fortgesetzt werde, nachdem im Jahr zuvor die Hilfe wegen unzureichender Mittel hatte eingestellt werden müssen. Das war einer der Gründe für die Flüchtlingswelle nach Europa.

 
Einkaufen mit Würde: Syrische Flüchtlinge in Jordanien bekommen eine Geldkarte fürs Nötigste

„Die deutsche Unterstützung hat uns maßgeblich geholfen, unsere Partnerschaften, auch mit dem Privatsektor, auszubauen. So können wir Flüchtlingen und armen Aufnahmegemeinden wirtschaftliche Chancen eröffnen, um ihre Ernährungssicherheit und Selbständigkeit zu verbessern“, sagt Richards weiter. So arbeitet das WFP in Jordanien und im Libanon mit lokalen Landwirten und Nahrungsmittelherstellern zusammen, auch mit Einzelhandelsketten wie Sameh. Denn eine Krise wie 2015 soll sich nicht wiederholen. Ebenso verfolgt das WFP das ehrgeizige Ziel, dass sich die Familien eines Tages selbst versorgen können.

Karte sorgt für faire Preise

Ein Beispiel ist die elektronische Karte, mit der Muhammad und seine Frau bezahlt haben. Alle Informationen ihres Kaufs werden mit einem von Microsoft entwickelten Programm direkt an das Büro von Rebecca Richards geleitet. „So erfahren wir, was sie brauchen, und wir können kontrollieren, wer für welche Produkte die Preise erhöht“, sagt Richards.

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