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Sehnsuchtsort Deutschland : Die Ausbildung

Meister Michael Wächtler erklärt Abdo Dohaim die Feinheiten der Metallverarbeitung. Bild: Henning Bode

Seit einem Jahr lebt der jemenitische Germanistikstudent Abdo Dohaim in Deutschland. Nach einem Praktikum hat er eine Ausbildungsstelle gefunden. Nun wird er Mechatroniker.

          Abdo Dohaim hat schon als Praktikant überzeugt, jetzt ist er Lehrling. Seit August lernt Abdo Dohaim bei Druckguss Service Deutschland (DSD) in Lübeck. Er ist einer von zwölf Lehrlingen in der Firma und Michael Wächtler, sein Ausbildungsmeister, ein erfahrener Mann, der das schon seit vierzehn Jahren macht. In den ersten Ausbildungsmonaten lehrt der Meister den Umgang mit Metall. Und das heißt: sägen, feilen, bohren und immer wieder messen. Später darf der Lehrling auch schon mal an die Dreh- und die Fräsmaschine. Abdo Dohaim wird wie jeder andere Lehrling auch behandelt. „Alle genießen hier die gleiche Wertschätzung, im Guten wie im Schlechten“, sagt sein Ausbilder lächelnd, während er seinem Lehrling prüfend über die Schulter schaut.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dennoch ist Abdo Dohaim etwas Besonderes. Er ist 24 Jahre alt und Flüchtling aus dem Jemen. Und auch unter den Flüchtlingen ist Dohaim besonders, weil er sehr gut Deutsch spricht, auch wenn er seine Mitschüler gelegentlich nach Worten wie „Hammer“ oder „Schraubenschlüssel“ fragen muss. Abdo Dohaim hat in Sanaa Germanistik studiert. Seit einem Jahr ist er in Deutschland. Die Lehrstelle wurde ihm über die Handwerkskammer Lübeck vermittelt, die für solche Zwecke das Programm „Handwerk ist interkulturell“ aufgelegt hat.

          Abdo Dohaim steht gemeinsam mit den anderen Lehrlingen mitten in der hohen Fertigungshalle, also mitten in der Produktion. DSD legt viel Wert auf die Lehrlingsausbildung. Jeder Lehrling erhält bei bestandener Prüfung ein Stellenangebot. Denn die Wartung, Instandsetzung und Erneuerung von Druckgussmaschinen aller Art und Größe stellen hohe Anforderungen. Da macht sich eine vielseitige Ausbildung bezahlt. Gerade hat Abdo Dohaim auch die duale Ausbildung kennengelernt. Es waren seine ersten Theoriewochen an der Emil-Possehl-Schule, nun ist wieder Praxis bei DSD angesagt. „Hier bin ich lieber als in der Schule mit Physik und Mathe“, sagt er lachend.


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          © Daniel Pilar

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          Abdo Dohaim hatte als Germanistikstudent ein Stipendium für einen Deutschland-Aufenthalt bekommen, als seine Familie in die Fronten des Bürgerkriegs geriet. Nach Berlin zu gelangen, war schon eine Flucht. Sein Vater ist tot, ebenso einer der Brüder, der Rest der Familie ist geflohen. Nach drei Monaten in Deutschland konnte Abdo Dohaim nicht zurück und stellte einen Asylantrag. So kam er über die Erstaufnahme in Schleswig-Holstein nach Lübeck und schaute im Internet, was sich für ihn machen ließe. Er fand die Handwerkskammer. Die vermittelte ihm ein Praktikum bei DSD. Zwei Wochen lang arbeitete er mit, und danach waren sich alle, die mit ihm zu tun hatten, einig: „Den wollen wir unbedingt.“

          Jetzt hat Abdo Dohaim seine eigene kleine Wohnung, freilich am anderen Ende der Stadt. 6.30 Uhr ist Arbeitsbeginn, 4.30 Uhr muss er aufstehen. Ihn belaste die Ungewissheit über das Schicksal seiner Familie, erzählt er. Auch habe er in Lübeck nur wenige Kontakte. DSD versteht sich ein bisschen wie eine Familie. In der Laufmannschaft etwa macht der durchtrainierte Abdo Dohaim mit. 3,5 Jahre dauert die Ausbildung zum Mechatroniker. Bald hat Abdo Dohaim die Grundausbildung bei Meister Wächtler hinter sich, danach bekommt er es zusätzlich mit den elektrischen Anlagen zu tun.

          Nach dem ersten Lehrjahr könnte Abdo Dohaim eine Weiterbildung zum technischen Betriebswirt machen, einmal in der Woche Ausbildung plus Wochenende. DSD würde ihn unterstützen. Für heute freilich ist Feierabend. 14.45 Uhr. Abdo Dohaim zieht sich um, wirft seinen Rucksack über die Schulter und läuft die paar Schritte durch das Gewerbegebiet Schlutup bis zur Bushaltestelle an der Straße. Fast eine Stunde Fahrt zu seiner Wohnung liegt vor ihm. Sein nächstes Ziel ist eine Wohnung näher an seinem Betrieb. DSD hat inzwischen einen zweiten Flüchtling als Lehrling eingestellt.

          Quelle: F.A.Z.

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