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Sehnsuchtsort Deutschland : Die Predigt

In der evangelischen Freikirche in Riedlingen predigt Pastor Jakob Tscharntke. Bild: Verena Müller

Im Gottesdienst in Riedlingen singt die Gemeinde: „Wach auf, wach auf, du deutsches Land!“ Und der Pastor meint, die Bibel gebe eine „messerscharfe“ Antwort auf die Frage, ob ein guter Christ dafür sein müsse, alle Flüchtlinge aufzunehmen.

          In Riedlingen, Ortsteil Eichenau, steht eine schlichte Kirche. Der Pastor der freikirchlichen Gemeinde, Jakob Tscharntke, hat weit über die Stadt hinaus für Schlagzeilen gesorgt. Die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel, behauptete der Pastor in Interviews und in seinem Blog, habe zu einer „massiven Gesinnungsdiktatur“ geführt. Die Lokalzeitung „Südfinder“ rief nach dem Staatsanwalt und forderte die Entlassung des Pastors. Dieser erfuhr in Leserbriefen viel Zustimmung.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Für seine Gemeinde hat Pastor Tscharntke eine Predigtreihe vorbereitet. „Der Christ und der Fremde“, heißt der erste Teil. Knapp dreißig zumeist ältere Menschen in Sonntagskleidung haben sich eingefunden. Kurzes Bläservorspiel. Im karierten Sakko, ohne Talar tritt Tscharntke an die Kanzel. Drei Kerzen brennen, Gummibäume sollen den Raum verschönern. „Rede du durch den Heiligen Geist zu uns und schenke uns offene Ohren und Herzen“, sagt Tscharntke.

          „So etwas kann nicht von Gott gewollt sein“

          Die Gemeinde singt: „Wach auf, wach auf, du deutsches Land! Du hast genug geschlafen.“ Der an die Wand projizierte Liedtext ist unterlegt von einem Bild des Brandenburger Tores vor untergehender Sonne. Der Pastor sagt noch kurz, dass es Johann Walter, dem Lieddichter, natürlich nicht um Nationalismus gegangen sei. Dann beginnt er zu predigen. „Ihr wägt meine Worte in der bekannt sorgsamen Weise“, bittet er. Das ist auch notwendig, denn es folgt eine Abrechnung mit der Politik der Bundesregierung. Zur Erläuterung der Predigt wird das Wort „Kategorienfehler“ an die Wand neben dem Kruzifix projiziert. Nach Tscharntkes Meinung gibt die Bibel eine „messerscharfe“ Antwort auf die Frage, ob ein guter Christ dafür sein müsse, alle Flüchtlinge aufzunehmen.

          Manche Theologen und Politiker behaupteten das ja – aber hier liege ein fundamentales Missverständnis vor. Wenn jemand 200 Asylbewerber in seinem Einfamilienhaus aufnehme, dann würden sich nach kurzer Zeit viele von ihnen im Garten mit Zaunlatten prügeln. Einer würde dann bestimmt auch „einen Revolver spannen“. „So etwas kann nicht von Gott gewollt sein. Denn Gott will Frieden und nicht Chaos und Bürgerkrieg ... Wenn der Satan ein solches Chaos sieht, dann reibt er sich begeistert die Hände.“ Es sei ein Kategorienfehler, wenn der biblische Aufruf zur Bruderliebe, zur Nächstenliebe, zur Feindesliebe als Aufforderung verstanden werde, „in unser Land einströmende Massen von Flüchtlingen“ willkommen zu heißen. In der Bibel bezögen sich diese Begriffe nur auf den persönlichen Bereich. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter werde auch missverstanden. Im Gleichnis sei ein Samariter unter die Räuber gefallen. „Jesus hat definitiv nicht davon gesprochen, dass wir unser Land von einfallenden räuberischen Horden ausplündern lassen müssen“, sagt er. Ein Mann klatscht leise.


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          Das Alte Testament, so Tscharntke, unterscheide „glasklar“ zwischen „Fremdlingen“ und „Fremden“. Wenn dazu aufgerufen werde, Fremdlinge aufzunehmen, dann gehe es nur um ein „geistliches Bürgerrecht“ von Proselyten, also „vollintegrierten Juden mit Migrationshintergrund“. Der „Fremde“ dagegen sei immer vom Sozialwesen des Gottesvolkes ausgeschlossen. Die Ausführungen gipfeln in der rhetorischen Frage, ob das Wort Gottes uns verpflichte, den Fremden die gleichen Sozialleistungen zu zahlen wie den „Volksgenossen“. „Nein, nein, nein!“, ruft Tscharntke. Eine gute Stunde predigt der Pfarrer, der früher zur Württembergischen Landeskirche gehörte. Es folgen weitere Strophen aus Johann Walters Lied: „Die Wahrheit wird unterdrückt“, heißt es darin.

          Tscharntke spricht den Segen, dann gibt es Streuselkuchen und Bohnenkaffee. Frank Lehmann, Mitglied des Brüderrats, steht nachdenklich dabei. „Er sagt Sachen, die man heute nicht mehr sagen darf. Einige stört, dass er sich politisch so einmischt. Aber Leute, die seine Aussagen für falsch halten, die gibt es nicht.“ In Riedlingen leben übrigens nicht viele Flüchtlinge. Vor zwei Wochen schmierten Unbekannte Hakenkreuze an eine Flüchtlingsunterkunft im Ort.

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