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Veröffentlicht: 01.02.2016, 17:06 Uhr

Die Multikulti-Toilette Ein Klo, das jeder benutzen kann

Deutsche Toiletten sind für viele Flüchtlinge ein Rätsel. Das hat schon zu Problemen geführt. Eine neue mobile Multikulti-Toilette soll Abhilfe schaffen – und lehrt nebenbei etwas über das Zusammenleben der Kulturen.

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© TUUH/Sabine Schober Universell einsetzbar: Die Flüchtlingstoilette ist bestens geeignet für die globalisierte Notdurftverrichtung.

Um in das folgende Thema einzusteigen, lohnt es, an ein Wort Wolfgang Schäubles zu erinnern. Der Finanzminister hatte gesagt, der Flüchtlingszug, den Deutschland gerade erlebe, sei ein „Rendezvous unserer Gesellschaft mit der Globalisierung“. Es ist auch ein Rendezvous unterschiedlicher Kulturen, lässt sich hinzusetzen. Um nicht zu sagen: ein Zusammenprall der Kulturen. Als im September die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland stark stieg, ging es zunächst einmal darum, Quartiere notdürftig herzurichten. Es ging um ein Dach über dem Kopf - und sei es ein Zeltdach -, um geregelte Mahlzeiten, Betten, gesundheitliche Betreuung und um Toiletten. Auf einmal schien der Markt für große Zelte und Container, für Heizungssysteme in Zelten, Feldbetten und selbst für „Biergartengarnituren“ wie leergefegt.

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Auch bei den Toiletten war das in gewisser Weise so, denn auf die Schnelle kamen vor allem mobile Toiletten zum Einsatz: die kleinen Häuschen, die man von Baustellen kennt, aber auch die größeren Containerbauten, wie sie etwa bei Volksfesten Verwendung finden. Viele der Flüchtlinge jedoch kennen solche Toiletten aus ihrem Kulturkreis nicht. Und wer wäre zunächst auch auf die Idee gekommen, ihnen erst noch groß zu erklären, wie die mitteleuropäische Toilette funktioniert. Inzwischen wird das getan, per Piktogramm und in arabischer Schrift.

Multifunktional muss die Latrine sein

Viele Flüchtlinge, vor allem die aus ärmeren Schichten, die von zu Hause nur die Latrine kennen, haben die Toiletten zwar als solche benutzt, aber durchaus nicht so, wie es eigentlich gedacht ist. Sie stellten sich auf die Toilettenschüssel, die eigentlich zum Sitzen da ist, und waren dabei oft genug nicht gerade treffsicher. Oder sie verrichteten ihr Geschäft irgendwo in dem Häuschen, nur nicht in dem dafür vorgesehenen Loch. Auch Duschanlagen wurden diesbezüglich missverstanden. Dazu kommt noch, dass viele der muslimischen Flüchtlinge nicht die Nutzung von Toilettenpapier kennen. Sie brauchen andererseits Wasser zur Säuberung, die grundsätzlich mit der linken, der unreinen Hand vollzogen wird.

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Diese Kulturunterschiede jedenfalls haben zusätzlich zu der ohnehin schwierigen Situation vor allem in den Erstaufnahmeeinrichtungen und Notquartieren auch die Toilettensituation unerträglich werden lassen. Reihenweise, so wird berichtet, kündigten die Mitarbeiter von Mobiltoiletten-Vermietern, weil sie die Häuschen oder Container nicht mehr sauber machen wollten - obgleich sie von öffentlichen Toiletten bestimmt einiges gewohnt sind. Hinzu kam, dass immer wieder der Zustand der Toiletten als schlimm beschrieben wurde, auch von den Flüchtlingen selbst, obwohl die Putzkolonnen (und oft auch Flüchtlinge) sich alle Mühe gaben, aber in diesem Kulturkampf nur verlieren konnten. Und weil mancher Flüchtling mit den Toiletten erst gar nichts anzufangen wusste, schlug er sich gleich in die Büsche. So kam es, dass etwa der Bürgermeister der Gemeinde Hardheim im Odenwald in seiner Hilflosigkeit Benimmregeln für Flüchtlinge aufstellte, in denen es unter anderem hieß: „Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, nicht in Gärten und Parks, auch nicht an Hecken und hinter Büschen.“ Der Satz brachte ihm viel Häme ein.

Das Problem ist aber keineswegs unlösbar. Es ließ sich nur nicht auf die Schnelle lösen. Erfahrungen gibt es genug, so aus den schon seit Jahren weltweit bestehenden Flüchtlingslagern, wo Latrinenbau stets ein wichtiges Thema ist. Da weiß jeder: Unterschiedliche Kulturen bedeuten auch unterschiedlich angelegte Latrinen. Für Muslime etwa ist es wichtig, dass bei Benutzung der Rücken nicht ausgerechnet nach Mekka zeigt. Außerdem sollten die Latrinen für Frauen und Männer getrennt voneinander sein und der Fußboden, wenn er denn gestrichen ist, nicht ausgerechnet die Farbe Grün haben - die Farbe der Muslime.

Auch deutsche Toilettenhersteller arbeiten daran, zu einer Lösung für dieses Problem zu kommen. So hat etwa der Hersteller von Mobiltoiletten „Global Fliegenschmidt“ aus Coswig in Sachsen-Anhalt seit einiger Zeit auch eine sogenannte orientalische Toilette im Programm - ein Loch, zwei Fußtritte rechts und links davon. Aber auch das löst das Problem nicht umfassend, weil es unter den Flüchtlingen ja auch noch genug Benutzer gibt, die es wiederum anders gewohnt sind. Und so, wie die Flüchtlinge allein durch ihre Anwesenheit schon manche Veränderung in der bundesdeutschen Gesellschaft bewirkt haben - zum Abriss freigegebenen Wohnungen werden wieder ertüchtigt, eben noch von der Schließung bedrohte Kindertagesstätten haben plötzlich nicht genug Plätze -, so wird durch sie nun auch die Toilette der Zukunft zu einem drängenden Thema. Mit einem gewissen Recht könnte man sagen: Hier lässt sich von den Flüchtlingen sogar etwas lernen.

Multikultureller Toilettengang

Geforscht wird an der Toilette der Zukunft schon seit Jahrzehnten. Aber es fehlen die rundum überzeugenden, weil praktikablen Lösungen. Ralf Otterpohl, Leiter des Institutes für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz an der Technischen Universität in Hamburg-Harburg, gehört zu denen, die jeder in dieser sonst von der Öffentlichkeit wenig beachteten Szene kennt. Peter Fliegenschmidt, der Inhaber der Sanitärfirma aus Coswig, spricht sogar vom „Guru“ Otterpohl. Otterpohl und Fliegenschmidt haben sich einst über die Toilette der Zukunft kennengelernt. Otterpohl hatte das Modell, Fliegenschmidt die Produktionsmöglichkeiten. Aus dieser Zusammenarbeit entstand nun tatsächlich eine Art Flüchtlingstoilette, die kulturübergreifend genutzt werden kann. Dieser Tage kommt sie auf den Markt. Die Idee ist eigentlich ganz einfach.

Die Firma brauchte, wie Fliegenschmidt erzählt, keine großen Entwürfe, um sie herzustellen. Die Zeichnung eines Mitarbeiters reichte. Die neue Toilette passt in die gewohnte Kabine, aber sie erlaubt sowohl das Sitzen als auch das Hocken. Rechts und links der gewohnten Klobrille befinden sich Fußtritte. Wer auf der Brille sitzt, kann die Füße zudem etwas erhöht stellen. Unter der Kloschüssel tut sich ein großer Sammeltank auf, der je nach Bedarf entleert, sprich: abgesaugt wird. Der Sammeltank ist deutlich größer als bei den bisherigen Toiletten, die Flüchtlinge nutzen. In manchen Flüchtlingsunterkünften, etwa in Berlin, München oder Hamburg, müssen die Tanks derzeit zweimal am Tag geleert werden. Die gesammelten Fäkalien werden dann über die Kläranlage entsorgt. So gesehen, ist die „Flüchtlingstoilette“ allerdings nur eine Etappe auf dem Weg zur Toilette der Zukunft. Denn eigentliches Anliegen von Otterpohl ist es, die Ausscheidungen des Menschen nicht mehr mit dem normalen Abwasser zu vermischen. Otterpohl sagt: „Schwemmkanal und Spültoiletten sind eine brutale Fehlentwicklung.“ Dabei galt das Wasserklosett - im 18. Jahrhundert in England erfunden und zuerst im englischen Königshaus thronähnlich in Anwendung gebracht - als die Lösung aller Probleme, sogar der sozialen. Mit Wasser sollte alles einfach fortgespült werden. Das hatte schwerwiegende Folgen. Viele der großen Choleraepidemien etwa gehen darauf zurück. Als die Themse derart stank, dass es auch im Londoner Parlament zu riechen begann, schlug die Geburtsstunde der Kläranlagen, die seitdem durch immer bessere Technik das Wasser immer sauberer machen.

Toiletten mit Klär-Kreislauf

Im Grunde wäre es aber viel logischer, das Problem sozusagen an der Wurzel zu packen, indem Urin und „Fäzes“, wie die Wissenschaft es freundlich ausdrückt, gar nicht erst ins Abwasser gelangen. Das übrigens ist in vielen Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen, ja ohnehin so. Dort gibt es schon allein wegen der Wasserknappheit kein ausgeklügeltes Abwassersystem; eine Grube reicht, in Jahrhunderten bewährt, wenn auch im Laufe der Zeit verbessert. Das ist im Grunde das, was wir Trockentoilette nennen. Die Exkremente werden nicht einfach fortgespült, sondern als wertvoller Dünger eingesetzt.

Otterpohl nennt mehrere Wege, wie man auf moderne Weise wieder dahin kommen könnte - jedenfalls vielleicht. In Hamburg neben dem Hauptbahnhof steht seit anderthalb Jahren eine öffentliche Toilette, bei der die Kläranlage gleich zum Haus gehört und das geklärte Wasser als Spülwasser im Kreislauf wieder verwendet wird. Erfunden hat das Prinzip der kürzlich verstorbene Biologe Ulrich Braun, umgesetzt haben das Otterpohl und die Hamburger Behörde für Energie und Umwelt. Und in Lübeck hat Otterpohl eine Siedlung für zweihundert Bewohner mit Vakuumtoiletten (ähnlich wie bei Zugtoiletten) und einem eigenen Toiletten-Rohrsystem ausgerüstet. Die so gesammelten Exkremente werden in der Biogasanlage zu Energie. Ähnliches wird gerade in Hamburg-Jenfeld gebaut, diesmal für zweitausend Menschen.

Die nasse Reinigung ist Standard

Parallel dazu verfolgt Otterpohl jedoch eine ganz andere Idee: Laktosefermentation. Und da sind wir wieder bei der Flüchtlingstoilette. So wie aus Kohl Sauerkraut entsteht, könnte aus Exkrementen die wertvolle Terra preta werden, von der jeder Gartenfreund schon etwas gehört haben dürfte. Offenbar wussten schon die alten Inkas, wie man das macht, denn in Lateinamerika wurde die Schwarzerde zum ersten Mal gefunden. Und Terra preta soll nach Otterpohls Vorstellung auch das Produkt sein, das in der Toilette der Zukunft entsteht. Man muss zugeben: Das in Otterpohls Arbeitszimmer stehende Toiletten-Muster, eine Arbeit der Hamburger Industriedesignerin Sabine Schober, ist viel raffinierter gedacht als das jetzt gebaute, einfachere und dem Schober-Entwurf nur nachempfundene Modell für Flüchtlingsunterkünfte. Es ist nämlich mit einem Wasserschlauch verbunden, einerseits für die Spülung, andererseits für die Körperreinigung, sozusagen als Bidet. Auf der halben Welt nämlich ist, anders als bei uns, nasse Reinigung nach dem Toilettengang Standard. Der eigentlich Clou aber ist: Die Fäkalien sollen noch in der Toilette mit Laktosebakterien versetzt werden, so dass wertvoller Humus entsteht - und das ohne Geruch.

Auch wenn das technisch möglich scheint, ist der Weg dorthin noch weit. Wäre er doch mit einem Politik- und Kulturwandel verbunden, der seine Zeit braucht - und den Willen, etwas Neues nicht aus Prinzip abzulehnen. Fliegenschmidts Pläne gehen in eine ähnliche Richtung wie die von Otterpohl. Gemeinsam mit der Technischen Universität Hamburg-Harburg will er ein Forschungsprojekt starten, bei dem die aus den Flüchtlingstoiletten gesammelten Fäkalien zu Humus verarbeitet werden - und zwar dank bestimmter Bakterien ohne Gestank, ja, im Gegenteil, sogar nach Apfel duftend. Zur Messe für Hersteller und Vermieter von mobilen Toiletten Anfang März auf dem Nürburgring will Fliegenschmidt sein neues System präsentieren. Anders als bei der „Grünen Woche“ in Berlin erscheinen Politiker dort zwar in der Regel nicht. Aber vielleicht schicken sie mal ihre Fachleute hin.

Quelle: F.A.S.

 

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