http://www.faz.net/-gpf-8c2kv

Deutschland : 476.649 Asylanträge im Jahr 2015

  • Aktualisiert am

Flüchtlinge steigen am Bahnhof in Passau in einen Sonderzug. Bild: dpa

Fast 1,1 Millionen Menschen sind im vergangenen Jahr als Flüchtlinge und Asylsuchende nach Deutschland gekommen. Damit wurden alle Prognosen übertroffen. Ein Überblick über die Zahlen der aktuellen Asylstatistik und des Migrationsberichts.

          Im Jahr 2015 sind in Deutschland so viele Asylanträge wie noch nie zuvor gestellt worden. Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wurden 476.649 formelle Asylanträge registriert, 273.815 mehr als im Vorjahr, wie das Bundesinnenministerium am Mittwoch in Berlin mitteilte. Die Höchstzahl wurde mit 57.800 im Oktober registriert. Der mit 34 Prozent größte Anteil der Asylbewerber kommt aus Syrien. Die Zahl der tatsächlichen Einreisen von Schutzsuchenden liegt aber laut Ministerium deutlich höher: Registriert wurden fast 1,1 Millionen Personen.

          Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) sagte, das sei die höchste Zahl von Asylbewerberzugängen, die jemals in Deutschland verzeichnet worden sei. „Dieser enorme Zustrom hat uns vor Herausforderungen gestellt, wie es sie seit der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht mehr gegeben hat.“ Deutschland könne stolz sein auf die große Hilfsbereitschaft.

          Allein 162.510 Asylbewerber kamen aus Syrien; das waren 34 Prozent aller Asylanträge. Unter den zehn Hauptherkunftsländern finden sich zudem vier aus der Balkanregion: Serbien, Kosovo, Mazedonien und Albanien. Zusammen mit den Asylbewerbern aus Bosnien-Herzegowina und Montenegro kamen im Jahresdurchschnitt etwa 30 Prozent aller Asylbewerber aus den sechs Staaten des Westbalkans. Allerdings verringerte sich deren Anteil in der zweiten Jahreshälfte nach Angaben des Ministeriums kontinuierlich und lag im Dezember nur noch bei acht Prozent.

          Die Zahlen im Überblick

          Asylanträge: Die beim Bamf eingegangenen Asylgesuche bilden die einzige gesicherte Zahl. Im Gesamtjahr 2015 waren das 476.649 und damit rund 273.800 oder 135 Prozent mehr als 2014. Die bisherige Rekordzahl liegt 23 Jahre zurück: Unter anderem als Folge der Balkan-Kriege gab es 1992 438.200 Asylanträge.Hauptherkunftsländer der Antragsteller waren 2015 Syrien (162.510), Albanien (54.762), Kosovo (37.095), Afghanistan (31.902) und Irak (31.379). Nimmt man noch Serbien (26.945) und Mazedonien (14.131) hinzu, kamen rund 133.000 Asylanträge aus vier der sechs Westbalkan-Länder, die 2014 und 2015 zu sicheren Herkunftsländern erklärt wurden.

          Easy-Zahlen: Eingereist sind 2015 aber weitaus mehr Flüchtlinge und Asylbewerber. Das zeigt die Datenbasis zur Erstverteilung von Asylsuchenden (Easy), in der Schutzsuchende registriert werden, um nach einem festgelegten Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer verteilt zu werden. Dort wurden laut Innenministerium 2015 rund 1,092 Millionen Zugänge registriert. Darunter waren rund 428.500 Syrer (rund 40 Prozent). Während die Neuzugänge bis November jeden Monat deutlich stiegen, gingen sie im Dezember zurück auf 127.300 nach 206.100 im Vormonat.

          Die Easy-Zahl übersteigt die Asylanträge, weil viele Asylsuchende schon vor dem Asylantrag von den Ländern an die Kommunen weitergeleitet werden, da die Kapazitäten der Erstaufnahmeeinrichtungen erschöpft sind. Der formale Asylantrag kann sich daher um Wochen verzögern. Eine unbekannte Zahl der bei Easy Registrierten nutzt Deutschland auch nur als Durchgangsstation etwa auf der Reise nach Skandinavien.

          Asylentscheidungen: Das Bundesamt für Migration entscheidet zwar über mehr Anträge als im vorigen Jahr. Doch mit dem raschen Zustrom der Flüchtlinge hält es nicht Schritt. Laut Bilanz für 2015 wurden 282.726 Entscheidungen getroffen, mehr als doppelt so viele wie 2014. Davon erhielten 48,5 Prozent den Flüchtlingsstatus laut Genfer Konvention zuerkannt und dürfen damit in Deutschland bleiben. Davon wiederum wurden 2029 (0,7 Prozent aller Entscheidungen) als Asylberechtigte nach Artikel 16a des Grundgesetzes anerkannt. Von den entschiedenen syrischen Anträgen wurden 95,8 Prozent als Flüchtlinge anerkannt. Für Albaner, Kosovaren und Serben lag die Quote bei null Prozent.

          Die Zahl der noch nicht entschiedenen Anträge stieg bis Ende 2015 auf 364.664. Hinzu kommt eine nicht bezifferbare Zahl von Flüchtlingen, die bereits registriert sind, deren Asylantrag aber noch nicht erfasst wurde. Der Antragsrückstau ist eines der größten Probleme. Das Bamf hat daher für 2016 4000 weitere Stellen bewilligt bekommen, wodurch die Mitarbeiterzahl auf etwa 7300 steigt. Bamf-Chef Frank-Jürgen Weise, der auch Chef der Bundesagentur für Arbeit ist, zeigte sich am Dienstag zuversichtlich, dass die 4000 neuen Beschäftigten „im besten Fall bis Mitte des Jahres qualifiziert im Einsatz“ seien.

          Verfahrensdauer: Als ersten Erfolg werten das Bamf und das Innenministerium, dass sich die Verfahrensdauer für Syrer verkürzt hat. Sie stieg nach Angaben des Innenministeriums von 3,5 Monaten (Januar 2015) zunächst auf 4,3 Monate (Juni), sank bis Dezember aber auf 2,5 Monate. Für Antragssteller, die seit Jahresbeginn 2016 eingereist sind, könnte es wieder länger dauern: Für sie gilt wieder die Einzelfallprüfung mit persönlicher Anhörung durch den sogenannten Entscheider.

          Weitere Themen

          Letzte Hoffnung Familiennachzug Video-Seite öffnen

          Flüchtlinge in Jordanien : Letzte Hoffnung Familiennachzug

          Eine junge Familie aus Syrien ist seit 2015 getrennt: Vater Oudai Alhomsi lebt in Berlin, seine Frau Alaa Masalmeh blieb mit den Kleinkindern in Jordanien zurück. Der Familiennachzug gibt ihnen Hoffnung auf ein Wiedersehen.

          Topmeldungen

          Währungskrise : Ist die Türkei noch zu retten?

          Bedrohlich spitzt sich die Krise zu. Nur mit einer geldpolitischen Kehrtwende wäre sie zu lösen, sagen Ökonomen. Doch Erdogan denkt nicht daran.
          Erst das Vergnügen, dann die Entscheidung: Zwei Abiturienten beim Feiern nach der letzten schriftlichen Prüfung im vergangenem Jahr.

          FAZ Plus Artikel: Beratung für die Zukunft : Abi. Was nun?

          Wenn die letzte Klausur geschrieben und das Bier mit dem Kumpel ausgetrunken ist, stehen teure Berater bereit. Sie erklären Abiturienten, was die mit ihrer Zukunft anstellen können. Katrin Hummel hat einen von ihnen begleitet.

          Immobilien : Regierung will Kauf-Nebenkosten senken

          Rund ein Siebtel zahlen Hauskäufer in Deutschland nur dafür, das Haus kaufen zu dürfen. Die Bundesregierung will das jetzt ändern. Die Grunderwerbsteuer steht aber nicht zur Debatte.
          Der Konzern VF Corp will seine Jeansmarken abspalten.

          Modeindustrie : Goodbye, Blue Jeans

          Das Bekleidungskonglomerat VF Corp. spaltet die Marken „Wrangler“ und „Lee“ ab. Ihnen wird kaum noch Wachstum zugetraut. Aber ein anderer Jeanshersteller schlägt sich glänzend.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.