http://www.faz.net/-gpf-8gult

Studie zu Flüchtlingsheimen : Bis zu 40.000 Nicht-Muslime drangsaliert

  • Aktualisiert am

Fordert die Politik zum Handeln auf: Markus Rode von „Open Doors“ spricht von einem Klima der „Angst und Panik“ für nichtmuslimische Flüchtlinge in Flüchtlingsheimen. Bild: dpa

Laut einer Studie sind tausende aus Syrien und dem Irak geflohene Christen in deutschen Flüchtlingsheimen Gewalt und Drohungen ausgesetzt. Sicherheitspersonal und muslimische Flüchtlinge sollen für die Übergriffe verantwortlich sein.

          Mehrere Menschenrechtsorganisationen haben anhaltende Gewalt gegen Christen und Angehörige anderer religiöser Minderheiten in deutschen Flüchtlingsunterkünften beklagt. Markus Rode von „Open Doors“, einem internationalen Hilfswerk für verfolgte Christen, sprach am Montag bei der Vorstellung einer Erhebung von einem Klima der „Angst und Panik“.

          In der Studie dokumentieren die Menschenrechtler 231 Fälle aus Deutschland, die von Diskriminierung über Körperverletzung bis hin zu sexuellen Übergriffen und Todesdrohungen gehen. Dies sei nur „die Spitze des Eisbergs“, so Rode. Er forderte die Politik zum Handeln auf.

          Die 231 befragten Flüchtlinge kamen großenteils aus dem Irak, Afghanistan und Syrien; 199 waren Konvertiten. 204 gaben an, von anderen Flüchtlingen aus religiösen Gründen angegriffen worden zu sein. Rund die Hälfte beklagte demnach Verfolgung durch das Wachpersonal, in Berlin waren es zwei Drittel.

          Drei von vier Befragten berichteten von mehrfachen Übergriffen. Am häufigsten waren laut Studie Beleidigungen (96 Personen), gefolgt von Körperverletzungen (86 Personen). 73 Personen beklagten Todesdrohungen gegen sich oder ihre Familien.

          Muslimische Fundamentalisten wieder angetroffen

          Der evangelische Berliner Pfarrer Gottfried Martens, der sich in der Flüchtlingshilfe engagiert, äußerte sich „fassungslos, dass man weiter am Paradigma des Einzelfalles festhält“. Nach Einschätzung von Volker Baumann von der Aktion für verfolgte Christen und Notleidende (AVC) werden in Deutschland bis zu 40.000 Flüchtlinge aufgrund ihrer religiösen Überzeugung drangsaliert.

          Der syrische Flüchtling Fadi S. äußerte sich bei der Pressekonferenz „schockiert“, dass er vor muslimischen Fundamentalisten geflohen sei und nun im Flüchtlingsheim wieder auf sie treffe. Der Iraner Ramin F. berichtete von Provokationen, Schikanen und Todesdrohungen in einer Brandenburger Unterkunft.

          Klare Beweisaufnahme im Rahmen des Unmöglichen

          Nach Einschätzung der Organisationen ist der deutsche Rechtsstaat mit der Situation überfordert. Flüchtlinge könnten nur Anzeige erstatten, wenn sie sofort aus dem Heimen geholt würden, so Martens. Auf Anzeigen folgten zudem meist Gegenanzeigen. Eine klare Beweisaufnahme sei kaum möglich. Die allermeisten Flüchtlinge verzichteten auf eine Anzeige, um ihre Situation nicht zu verschlimmern.

          Die Helfer verlangten, die Religionszugehörigkeit von Flüchtlingen solle bei der Erstaufnahme registriert werden. Der Anteil von Christen oder anderen religiösen Minderheiten solle in Heimen ebenso groß sein wie jener von Muslimen. Für Opfer von Verfolgung und Diskriminierung verlangten sie eine getrennte Unterbringung.

          Karl Hafen von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte forderte mehr nichtmuslimische Übersetzer. Ferner solle der Anteil an nichtmuslimischem Wachpersonal erhöht werden, so die Organisationen weiter. Mitarbeiter und Sicherheitspersonal sollten regelmäßig geschult werden. Schließlich sprachen sie sich für Vertrauenspersonen christlichen Glaubens aus, an die sich Betroffene wenden könnten.

          Weitere Themen

          Der Zeitdruck wächst Video-Seite öffnen

          Brexit-Gespräche : Der Zeitdruck wächst

          Die 27 EU-Regierungen und Großbritannien gingen am Mittwoch in Brüssel ohne Einigung auseinander. EU-Chefunterhändler Barnier sagte: "Wir brauchen viel mehr Zeit."

          Topmeldungen

          Bundesfinanzminister Olaf Scholz im Oktober 2018 im Bundestag

          Arbeitslosenversicherung : Scholz allein auf weiter Flur

          Die Pläne des Finanzministers für eine europaweite Arbeitslosenversicherung stoßen auf harsche Kritik. Nicht nur in der Unionsfraktion.
          Ursache für die lange Streckensperrung: Brennender ICE vergangenen Freitag im Westerwald.

          Gesperrte ICE-Strecke : Grübeln über das Lebensmodell

          Die ICE-Schnellstrecke Köln-Frankfurt ist nach dem Brand eines Zuges gesperrt. Das stellt auch das Arbeitsmodell vieler Berufspendler infrage. Was sie erleben, was ihnen durch den Kopf geht. Vier Betroffene erzählen.
          Niko Kovac macht in München derzeit keine einfache Zeit durch.

          Bayern-Kommentar : Mit Kovac wird es nichts? Schmarrn!

          Nach sieben Siegen trat ein Sättigungsgefühl beim FC Bayern ein. Das Phänomen ist das gleiche wie bei der Nationalmannschaft. Nun rieselt und kriselt es in München. Dafür ist aber nicht der Trainer verantwortlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.