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Schutzprojekt für Jesiden : Tausend Leben

Opfer des vorrückenden „Islamischen Staates“: Jesiden auf der Flucht aus ihrer nordirakischen Heimatregion Richtung syrische Grenze im Sommer 2014 Bild: Reuters

Baden-Württemberg hat Jesidinnen gerettet, indem das Land 1100 Frauen und Kinder aus dem Nordirak nach Deutschland geholt hat. Eine heikle Mission, die gut vorbereitet werden musste.

          Baden-Württemberg hat durch ein Sonderkontingent 1100 Frauen und Kinder aus dem Nordirak aufgenommen, verteilt auf 21 Städte und Dörfer. Die Ortsnamen bleiben geheim, es gilt, die Opfer von Krieg und brutaler sexueller Gewalt weiterhin vor dem IS zu schützen. Die meisten dieser Kontingentflüchtlinge sind Jesidinnen, einige auch Christinnen und Musliminnen. Die Frauen und Kinder haben eine auf zwei Jahre befristete Aufenthaltsgenehmigung. Sie werden medizinisch und psychotherapeutisch betreut. Irgendwann, das ist das Ziel, sollen sie im Irak oder in Deutschland wieder ein selbstbestimmtes Leben führen können.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Michael Blume war der Leiter der Mission, die diese Frauen und Kinder nach Baden-Württemberg gebracht hat. Dutzende Male ist er in die Krisenregion gereist, hat die Kriegsopfer unter schwierigsten Bedingungen abgeholt. Der baden-württembergischen Landesregierung ist mit ihrem „Sonderkontingent für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak“, das Ministerpräsident Winfried Kretschmann Ende 2014 aufgelegt hat, etwas Außergewöhnliches gelungen.

          Kürzlich sprach Blume in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart vor Entwicklungshelfern, Fachleuten aus dem Auswärtigen Amt und ehrenamtlichen Helfern. Unter den Zuhörern war auch die 19 Jahre alte Jesidin Lamija Adschi Baschar. Zusammen mit der 23 Jahre alten Nadija Murad ist sie vom Europa-Parlament mit dem diesjährigen Sacharow-Preis ausgezeichnet worden. Beide Frauen leben heute in Baden-Württemberg.

          Baschar ist der Hölle entkommen. Als sie vor den Schergen des IS flüchtete, trat sie auf eine Mine. Ihr Gesicht ist stark vernarbt, auf dem rechten Auge, das ständig tränt, sieht sie nichts mehr, auf dem linken Auge hatte sie über viele Wochen nur noch zehn Prozent ihrer Sehkraft. Zwanzig Monate war sie in den Händen der Terroristen. Fünf Mal ist sie an fremde Männer verkauft worden, vier waren Iraker, einer stammte aus Saudi-Arabien. Einer der Iraker war Arzt und missbrauchte das damals 16 Jahre alte Mädchen immer wieder als Sexsklavin. Baschar hat fast alle Familienangehörigen verloren, ihr zwölf Jahre alter Bruder ist im Irak verschollen.

          Baschar stammt aus Kocho, demselben Dorf wie Nadija Murad, die Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen in dieser Sache. Murad ist wohl die prominenteste Jesidin, die von den Greueltaten des IS berichtet. Der UN-Menschenrechtsrat hat das Massaker an den Jesiden in der nordirakischen Provinz Sindschar kürzlich als Genozid anerkannt, Murad kämpft mit der amerikanischen Anwältin Amal Clooney dafür, das Verbrechen vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen. Auch das kanadische Parlament hat die Verbrechen gegen die Jesiden als Genozid anerkannt.

          Das Schicksal der Jesiden im Nordirak war lange Zeit wenig bekannt. Nach Baden-Württemberg kamen zwar schon seit über zehn Jahren jesidische Flüchtlinge. Da viele von ihnen Analphabeten sind und sich kaum jemand mit ihrer monotheistischen, schriftlosen Religion auskannte und die kurdischen Dialekte verstand, gab es manchmal Integrationsprobleme. Aufgefallen sind sie aber wenig.

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