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Veröffentlicht: 04.01.2016, 22:05 Uhr

Flüchtlingskrise Nordischer Dominoeffekt

Nach den Schweden machen es auch die Dänen Flüchtlingen schwerer, in ihr Land zu kommen, und führen Kontrollen an den Grenzen ein. Das verdeutlicht die Notwendigkeit einer gesamteuropäischen Lösung.

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© dpa Stichproben: Dänische Polizisten kontrollieren Autofahrer an der Autobahn 7 bei Flensburg.

Es ist der 120. Tag, an dem Freiwillige aus Flensburg auf dem Bahnhof ihrer Stadt unmittelbar an der dänischen Grenze Flüchtlingen helfen. Heute sind es nur noch etwa zwanzig Migranten, die in der Kälte der Bahnhofshalle ausharren, versorgt mit warmem Essen und Getränken und einer Spielecke für die Kinder, versorgt zudem mit arabisch beschrifteten Fahrplänen und vielen guten Ratschlägen.

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Es waren nicht immer so wenige. Anfang September waren auf einmal fünfhundert Flüchtlinge in Flensburg gestrandet. Das brachte die Helfer auf den Plan. Seitdem war am Flensburger Bahnhof immer abzulesen, wie die dänische Flüchtlingspolitik aussah: Mal war die Grenze ganz gesperrt, mal gab es verstärkte Kontrollen, dann wieder überhaupt kein Hindernis für die Flüchtlinge, die ja oft nicht nach Dänemark, sondern nach Schweden wollten. Während der Feiertage kamen etwa 300 Flüchtlinge pro Tag am Bahnhof an, deutlich weniger als in den Wochen zuvor.

Nur noch fünfzehn verbrachten die Nacht zu Montag in dem ehemaligen Möbelkaufhaus, das die Stadt als Quartier zur Verfügung gestellt hat. Platz ist da für etwa 500 Personen. „Wir hatten in diesen Tagen mit deutlich mehr Leuten gerechnet, die ihre Chance noch nutzen wollten“, sagt Pia Knies vom Flensburger Unterstützerkreis. „Denn es hatte sich ja angedeutet, dass die Dänen wieder stärker kontrollieren würden.“

Seit Montag ist das offiziell: Dänemark kontrolliert wieder an der Grenze zu Deutschland. Dabei kam es auch schon in den vergangenen Wochen vor, dass Flüchtlinge von den Dänen zurückgeschickt wurden, wieder in Flensburg landeten und von der Bundespolizei in Empfang genommen wurden. Die meisten von ihnen dürften dann in Flensburg ihren Asylantrag gestellt haben. Gleich nach der Erklärung des dänischen Ministerpräsidenten Lars Løkke Rasmussen am Montagmittag, nun wieder stärker zu kontrollieren, reagierte auch die deutsche Seite.

© dpa, afp Dänemark und Schweden kontrollieren wieder ihre Grenzen

Vorbereitet auf einen Rückstau

Die Polizei auf dem Flensburger Bahnhof bekam Verstärkung – für den Fall der Fälle. Schon vor der dänischen Erklärung hatte es im Innenministerium von Schleswig-Holstein geheißen, man habe sich am Wochenende auf alle möglichen Varianten vorbereitet. Pia Knies und ihre Mitstreiter raten den Migranten dringend von der Weiterfahrt Richtung Schweden ab. „Aber für manche ist Schweden einfach das Sehnsuchtsland, auch für den Vater mit vier Kindern vorhin, er ist dann doch einfach los.“

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Flensburg sei selbst auf einen Rückstau von Flüchtlingen vorbereitet, versichert Karsten Herzog, der Leiter der Flensburger Feuerwehr, die im Auftrag der Stadtverwaltung den Kontakt zu den Flüchtlingshelfern hält und sich auch um die Unterkünfte kümmert. Herzog schaut fast jeden Tag auf dem Bahnhof vorbei. „Zur Not können wir Flüchtlinge auch wieder in Sporthallen unterbringen.“

Sowenig die Flensburger von der Nachricht aus Kopenhagen überrascht waren, so wenig waren es die Dänen wohl selbst. Seit Tagen schon hatte sich dieser Schritt abgezeichnet. Rasmussen erklärte am Montag auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in Kopenhagen, er habe gar keine andere Wahl – und dass sein Land mit sofortiger Wirkung wieder Passkontrollen an der Grenze zu Deutschland einführen werde. Stichproben zumindest, befristet zunächst auf zehn Tage. Wenn andere nordische Länder an ihren Grenzen versuchten, Menschen aufzuhalten, könne das entscheidende Konsequenzen für Dänemark haben, sagte Rasmussen.

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