http://www.faz.net/-gpf-8c0c6

Flüchtlingskrise : Nordischer Dominoeffekt

Stichproben: Dänische Polizisten kontrollieren Autofahrer an der Autobahn 7 bei Flensburg. Bild: dpa

Nach den Schweden machen es auch die Dänen Flüchtlingen schwerer, in ihr Land zu kommen, und führen Kontrollen an den Grenzen ein. Das verdeutlicht die Notwendigkeit einer gesamteuropäischen Lösung.

          Es ist der 120. Tag, an dem Freiwillige aus Flensburg auf dem Bahnhof ihrer Stadt unmittelbar an der dänischen Grenze Flüchtlingen helfen. Heute sind es nur noch etwa zwanzig Migranten, die in der Kälte der Bahnhofshalle ausharren, versorgt mit warmem Essen und Getränken und einer Spielecke für die Kinder, versorgt zudem mit arabisch beschrifteten Fahrplänen und vielen guten Ratschlägen.

          Eckart Lohse

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Es waren nicht immer so wenige. Anfang September waren auf einmal fünfhundert Flüchtlinge in Flensburg gestrandet. Das brachte die Helfer auf den Plan. Seitdem war am Flensburger Bahnhof immer abzulesen, wie die dänische Flüchtlingspolitik aussah: Mal war die Grenze ganz gesperrt, mal gab es verstärkte Kontrollen, dann wieder überhaupt kein Hindernis für die Flüchtlinge, die ja oft nicht nach Dänemark, sondern nach Schweden wollten. Während der Feiertage kamen etwa 300 Flüchtlinge pro Tag am Bahnhof an, deutlich weniger als in den Wochen zuvor.

          Nur noch fünfzehn verbrachten die Nacht zu Montag in dem ehemaligen Möbelkaufhaus, das die Stadt als Quartier zur Verfügung gestellt hat. Platz ist da für etwa 500 Personen. „Wir hatten in diesen Tagen mit deutlich mehr Leuten gerechnet, die ihre Chance noch nutzen wollten“, sagt Pia Knies vom Flensburger Unterstützerkreis. „Denn es hatte sich ja angedeutet, dass die Dänen wieder stärker kontrollieren würden.“

          Seit Montag ist das offiziell: Dänemark kontrolliert wieder an der Grenze zu Deutschland. Dabei kam es auch schon in den vergangenen Wochen vor, dass Flüchtlinge von den Dänen zurückgeschickt wurden, wieder in Flensburg landeten und von der Bundespolizei in Empfang genommen wurden. Die meisten von ihnen dürften dann in Flensburg ihren Asylantrag gestellt haben. Gleich nach der Erklärung des dänischen Ministerpräsidenten Lars Løkke Rasmussen am Montagmittag, nun wieder stärker zu kontrollieren, reagierte auch die deutsche Seite.

          Flüchtlingskrise : Dänemark und Schweden kontrollieren wieder ihre Grenzen

          Vorbereitet auf einen Rückstau

          Die Polizei auf dem Flensburger Bahnhof bekam Verstärkung – für den Fall der Fälle. Schon vor der dänischen Erklärung hatte es im Innenministerium von Schleswig-Holstein geheißen, man habe sich am Wochenende auf alle möglichen Varianten vorbereitet. Pia Knies und ihre Mitstreiter raten den Migranten dringend von der Weiterfahrt Richtung Schweden ab. „Aber für manche ist Schweden einfach das Sehnsuchtsland, auch für den Vater mit vier Kindern vorhin, er ist dann doch einfach los.“

          Flensburg sei selbst auf einen Rückstau von Flüchtlingen vorbereitet, versichert Karsten Herzog, der Leiter der Flensburger Feuerwehr, die im Auftrag der Stadtverwaltung den Kontakt zu den Flüchtlingshelfern hält und sich auch um die Unterkünfte kümmert. Herzog schaut fast jeden Tag auf dem Bahnhof vorbei. „Zur Not können wir Flüchtlinge auch wieder in Sporthallen unterbringen.“

          Sowenig die Flensburger von der Nachricht aus Kopenhagen überrascht waren, so wenig waren es die Dänen wohl selbst. Seit Tagen schon hatte sich dieser Schritt abgezeichnet. Rasmussen erklärte am Montag auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in Kopenhagen, er habe gar keine andere Wahl – und dass sein Land mit sofortiger Wirkung wieder Passkontrollen an der Grenze zu Deutschland einführen werde. Stichproben zumindest, befristet zunächst auf zehn Tage. Wenn andere nordische Länder an ihren Grenzen versuchten, Menschen aufzuhalten, könne das entscheidende Konsequenzen für Dänemark haben, sagte Rasmussen.

          Weitere Themen

          Versteckt unter einem Güterzug Video-Seite öffnen

          Flucht nach Deutschland : Versteckt unter einem Güterzug

          Allein zwischen Juli und September 2017 gab es über 200 Fälle, in denen Flüchtlinge sich in einem Güterzug versteckt haben, um somit die deutsche Grenze passieren zu können. Seit der Flüchtlingswelle 2015 haben die Schengen-Staaten ihre Grenzkontrollen wieder verstärkt.

          Dänen sagen Qualifikationsspiel ab

          Frauenfußball : Dänen sagen Qualifikationsspiel ab

          Dänemark bringt sich durch den Streit um die Entlohnung der Fußballerinnen wohl um die WM-Chance. Der Verband hat das Qualifikationsspiel gegen Schweden am Freitag abgesagt. Es drohen Spielwertung und Punktabzug.

          Topmeldungen

          So kennt man ihn: Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, rauchend.

          Houellebecq und der Islam : Religion ist nicht zu zertrümmern

          Welche umstürzende Kraft der Schriftsteller Michel Houellebecq der Religion und dem Islam zutraut, wissen wir seit dem Roman „Unterwerfung“. Jetzt äußert er sich nochmals dazu – und bringt den Katholizismus als Staatsreligion ins Gespräch.
          Mitte September in München: Urteilsverkündung im Prozess gegen zwei mutmaßliche islamistische Kämpfer aus Syrien. 2017 leitete die Bundesanwaltschaft schon mehr als 900 Verfahren wegen Terrorismus ein.

          Bundesanwaltschaft : 2017 schon mehr als 900 Terror-Verfahren

          Die Zahl der Terrorismus-Verfahren in Deutschland nimmt deutlich zu. Das geht einem Bericht zufolge aus den aktuellen Zahlen der Bundesanwaltschaft hervor. Der rapide Anstieg stellt die Behörde vor große Probleme.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.