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Allensbach-Studie : Mehrheit fühlt sich über Flüchtlinge einseitig informiert

  • -Aktualisiert am

Viele halten die Berichterstattung über Flüchtlinge für einseitig. Bild: dpa

Eine Mehrheit der Deutschen ist der Ansicht, dass die Medien kein zutreffendes Bild der Flüchtlinge zeichnen. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Allensbach-Umfrage im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Die Arbeitsbedingungen von Journalisten haben sich in den letzten zehn Jahren tiefgreifend verändert, wesentlich stärker als in den Jahrzehnten zuvor. Qualifizierten Journalismus zu erhalten und zu fördern ist eine der großen Herausforderungen, von denen die künftige Urteilsfähigkeit der Gesellschaft wesentlich abhängt. Eine Veränderung, mit der Journalisten heute konfrontiert sind, ist die ganz andere Resonanz ihrer Arbeit durch das Internet. Die meisten Kommentare im Netz sind anonym, und im Schutz der Anonymität mutiert Kritik teilweise zu aggressiver und auch persönlicher Attacke.

          Zwar äußert sich nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung im Netz zu Medienberichten und politischen Ereignissen und von dieser Minderheit wiederum nur ein Teil auf eine Weise, die von Ton und Inhalt her völlig inakzeptabel ist. Eine Frage ist, wie weit sich dadurch Hemmschwellen verändern und teilweise eine Gewöhnung an rüde Formen des politischen Diskurses eintritt. So ist es beispielsweise bemerkenswert, dass 39 Prozent der erwachsenen Bevölkerung finden, an dem von Pegida propagierten Vorwurf der „Lügenpresse“ sei etwas dran, Medien verdrehten Sachverhalte und verheimlichten wesentliche Informationen; in Ostdeutschland halten sogar 44 Prozent diesen Vorwurf für zutreffend.

          Überdurchschnittlich politisch interessiert

          Dies ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert, da die deutsche Bevölkerung ausgesprochen medienaffin ist, im internationalen Vergleich überdurchschnittlich politisch interessiert wie auch informiert ist und auf ein breites und in Teilen auch qualitativ hochwertiges Angebot an Medien zugreifen kann. Die überwältigende Mehrheit stuft die Vielfalt des Medienangebotes als (sehr) groß ein. 81 Prozent bewerten auch die Qualität des Angebotes insgesamt positiv. Die überwältigende Mehrheit informiert sich täglich vor allem über die seit langem etablierten Medien Fernsehen und Tagespresse, während das Internet in der aktuellen Information noch eine untergeordnete Rolle spielt.

          Insbesondere die öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme und die lokale und überregionale Tagespresse sowie die informierenden Radiosendungen werden regelmäßig genutzt: 69 Prozent informieren sich regelmäßig im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, 55 Prozent in der Tagespresse, 50 Prozent über Radiosender, 36 Prozent über private Fernsehsender. Stichtagsbefragungen belegen, dass sich rund zwei Drittel der Bevölkerung an einem durchschnittlichen Tag im Fernsehen über aktuelle Entwicklungen informieren, 43 Prozent in einer Tageszeitung, 21 Prozent im Internet. Wenn die Bürger ihre wichtigsten Informationsquellen über das politische Geschehen benennen, liegt das öffentlich-rechtliche Fernsehen an der Spitze, gefolgt von der Tagespresse und dem persönlichen Austausch in der Familie, mit Kollegen und Bekannten.

          Weitverbreitetes Grundvertrauen

          Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung halten die Berichte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und der Tagespresse im Allgemeinen für zuverlässig. Dies bedeutet nicht, dass die überwältigende Mehrheit mit der Berichterstattung ohne Einschränkung zufrieden ist, zeigt aber durchaus ein weitverbreitetes Grundvertrauen. Die Zufriedenheit mit der Berichterstattung ist in den letzten Jahren insgesamt angestiegen. Vor sechs Jahren zogen 47 Prozent eine uneingeschränkt positive Bilanz der Medienberichterstattung, aktuell 52 Prozent. 32 Prozent sind pauschal mit der Berichterstattung „weniger zufrieden“, acht Prozent „überhaupt nicht zufrieden“.

          Das Urteil variiert jedoch mit dem Thema. So wird die Berichterstattung der letzten Monate über die Flüchtlingssituation überwiegend kritisch bewertet. 42 Prozent der Bürger sind mit der Berichterstattung zufrieden, 51 Prozent in Teilen oder gänzlich unzufrieden. Überdurchschnittlich kritisch äußern sich hier die politisch interessierten Bevölkerungskreise, von denen 39 Prozent eine positive Bilanz ziehen, während 58 Prozent Kritik üben.

          Viele hatten in den letzten Monaten den Eindruck, die Berichte seien zu einseitig. Im Oktober waren davon 47 Prozent der Bevölkerung überzeugt, jetzt noch 41 Prozent. Allmählich wächst hier wieder das Vertrauen, ausgewogen informiert zu werden. Nach wie vor konstatiert die Mehrheit jedoch Mängel: So sind 53 Prozent überzeugt, dass die Zusammensetzung der Flüchtlinge eine andere ist, als aufgrund insbesondere vieler Bilder zu vermuten ist.

          Nur 25 Prozent der Bevölkerung glauben, dass ein realistisches Bild des Anteils von Familien und jungen Männern oder der Qualifikation der Flüchtlinge vermittelt wird. Fast jeder Zweite kritisiert auch, es werde zu wenig über die Risiken des Flüchtlingszustroms berichtet. Knapp jeder Zweite moniert, wichtige Fakten kämen zu kurz; 41 Prozent haben den Eindruck, dass kritische Stimmen weitgehend ausgeblendet werden.

          Nicht weit bis zum Vorwurf der „Lügenpresse“

          Die Zweifel der Mehrheit, ob die sozio-demografische Zusammensetzung und Qualifikation der Flüchtlinge realitätsgetreu berichtet werden, korreliert eng mit der Bereitschaft, den Vorwurf der „Lügenpresse“ zu unterstützen. Von denjenigen, die das Bild als realitätsfern empfinden, halten 53 Prozent diesen polemischen Vorwurf für gerechtfertigt, von denjenigen, die die Bilder für realitätsnah halten, 19 Prozent.

          Diese Zweifel führen auch dazu, dass persönlichen Auskünften von Menschen, die vor Ort mit dem Flüchtlingsthema zu tun haben, zurzeit mehr Vertrauen entgegengebracht wird als der Medienberichterstattung. Diejenigen, die beispielsweise die Medienberichte über die Zusammensetzung und Qualifikation der Flüchtlinge für nicht realitätsgetreu halten, stufen mit großem Abstand persönliche Berichte von Personen vor Ort am vertrauenswürdigsten ein, während diejenigen, die hier den Eindruck einer realitätsnahen Darstellung haben, vor allem Fernsehen und Zeitungen für zuverlässige Informationsquellen halten.

          Insgesamt sind zurzeit 41 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass Personen, die vor Ort mit dem Flüchtlingsthema zu tun haben, eine besonders zuverlässige Informationsquelle sind; erst auf den nächsten Rängen folgen Fernsehen und Zeitungen.

          Rechtsextremismus als Risiko für Deutschland

          Vier von zehn Bürgern haben zurzeit den Eindruck, dass sie überredet werden sollen, sich über den Flüchtlingszustrom keine Sorgen zu machen. Aus einem Teil der Medienberichte spricht auch erkennbar die Sorge, die Bevölkerung könnte aufgrund des Flüchtlingszustroms weit nach rechts rücken. Die Bevölkerung selbst nimmt diese Sorge durchaus ernst. 56 Prozent zählen zunehmenden Rechtsextremismus zu den Risiken, mit denen Deutschland konfrontiert ist. An der Spitze der Risiken, die die Bevölkerung zurzeit sieht, stehen allerdings terroristische Gruppierungen und der Zustrom an Flüchtlingen.

          Die Besorgnis über die Entwicklung der Flüchtlingssituation bewegt sich nach wie vor auf hohem Niveau. Wie sehr die Entwicklungen der letzten Monate die Bevölkerung verunsichert haben, zeigt der erdrutschartige Verfall des Zukunftsoptimismus. Über die letzten Jahre hinweg und bis in den Sommer hinein sah die Mehrheit den kommenden zwölf Monaten immer zuversichtlich entgegen. In den letzten Monaten verfiel dieser Optimismus plötzlich und erdrutschartig bis auf 35 Prozent – ein Phänomen, das in der ganzen Nachkriegszeit nur sechsmal zu beobachten war, zuletzt bei Ausbruch der Finanzmarktkrise und den New Yorker Anschlägen vom 11. September 2001.

          Deutsche Medien wollen an Willensbildung mitwirken

          Die Befürchtung, dass diese Besorgnis der Bevölkerung zu einem Rechtsruck, wenn nicht gar zu einer Radikalisierung führen könnte, hat in den letzten Wochen viele Berichte geprägt. Der deutsche Journalismus hat ein besonderes Aufgabenverständnis, das ihn teilweise von Kollegen anderer Länder unterscheidet. Max Weber postulierte schon 1920, der deutsche Journalismus wolle an der Entwicklung des Landes mitwirken und sich nicht auf die Rolle des Berichterstatters beschränken. Über die letzten Jahrzehnte hinweg bestätigten mehrere Studien zum Aufgabenverständnis von Journalisten diesen Wunsch nach einer aktiven Mitwirkung an der Meinungsbildung.

          Die Bürger halten die Medien für ihre Meinungsbildung für unverzichtbar. Sie fordern jedoch auch Vertrauen in ihre Urteilsfähigkeit ein. Die Aufforderung, dass Journalisten bei ihrer Arbeit immer auch die mögliche Wirkung im Auge haben und sich daher mit der Schilderung kritischer Aspekte besser zurückhalten sollten, wenn sie eine verstärkt fremdenfeindliche Stimmung in der Bevölkerung befördern könnten, wird nur von 18 Prozent unterstützt, mehr von politisch desinteressierten als von den interessierten Bürgern. 73 Prozent der Bevölkerung plädieren dagegen für eine rückhaltlose Berichterstattung, auch wenn dies zu negativen Auswirkungen und Reaktionen führen könnte.

          Keine Zunahme fremdenfeindlicher Einstellungen

          Die Bevölkerung schreibt den Medien großen Einfluss zu. 95 Prozent sind überzeugt, dass die Medien großen Einfluss haben, 52 Prozent bewerten ihren Einfluss sogar als sehr groß. Das Grundvertrauen in die Berichterstattung ist auch wie beschrieben im Allgemeinen groß. In Abständen wächst jedoch bei bestimmten Entwicklungen sprunghaft das Misstrauen, bestimmte Informationen würden vorenthalten oder Probleme unterbewertet. Einer der kritischsten Befunde aus den letzten Monaten war der hohe Anteil der Bevölkerung, der das Gefühl hatte, man könne in Deutschland über das Flüchtlingsthema nicht offen diskutieren, sondern müsse sehr vorsichtig sein, ob und wie man sich exponiere.

          Besonders diejenigen, die über die Entwicklung tief erschrocken waren, hatten den Eindruck, dass es nicht zulässig ist, diese Sorge öffentlich zu äußern. In einer Situation, in der weite Teile der Bevölkerung tief besorgt sind, ist ein solcher Eindruck verheerend. Dies bedeutet auch eine Herausforderung für die Medien zur selbstkritischen Prüfung. Umgekehrt ist es eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft, Kontroversen sachlich auszutragen, auch Kritik an der Medienberichterstattung.

          Bisher spricht wenig für eine Radikalisierung größerer Bevölkerungskreise. Angesichts der Beunruhigung der letzten Monate sind die Parteisympathien bemerkenswert stabil. Es ist auch keine nennenswerte Zunahme fremdenfeindlicher Einstellungen zu beobachten. Wer sich über Jahrzehnte ständig mit repräsentativen Bevölkerungsumfragen auseinandersetzt, lernt dieser Bevölkerung zu vertrauen. Sie hat Respekt und Vertrauen verdient.

          Professor Dr. Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach.

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