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AfD-Demo in Erfurt : Hass in der Nacht

  • -Aktualisiert am

Gegen Flüchtlinge, Muslime und Merkel: AfD-Anhänger demonstrieren am Mittwochabend in Erfurt auf dem Platz vor dem Dom. Bild: AP

Der Starredner des Abends war verhindert. Doch auch ohne den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke kam die Menge in Erfurt auf ihre Kosten. Denn wieder ging es gegen Merkel und Flüchtlinge.

          Er, dessen Auftritte von seinen Bewunderern als messianisch beschrieben werden, ist krank. Björn Höcke, Vorsitzende der Thüringer AfD und ihrer Landtagsfraktion, hütet das Bett. Sein Stellvertreter Stephan Brandner spricht in Erfurt auf dem Domplatz bei der dritten AfD-Kundgebung gegen Merkels Flüchtlingspolitik von einem Infekt. Der wird ihn auch davon abhalten, am Samstag in der Hauptstadt Berlin an einer Demonstration seiner rechtspopulistischen Bewegung teilzunehmen.

          Auf dem Erfurter Domplatz, wo die Thüringer AfD regelmäßig am Mittwochabend zu einer Demonstration aufruft wie Pegida an jedem Montag in Dresden, sind diesmal nach Schätzung der Polizei 2100 Teilnehmer gekommen. Halb so viele wie vor einer Woche. Die Demonstranten wähnten sich aber seinerzeit in weit größerer Zahl als nur etwas mehr als 4000. Viele der Höcke-Fans und AfD-Anhänger sahen die von der Polizei übernommenen Teilnehmerzahlen als einen weiteren Beweis für das Agieren der „Lügenpresse“, die falsche Angaben verbreite.

          Doch eben diese Presse überführte anonyme Netz-Publizisten ihrerseits der Lüge. Die Thüringische Landeszeitung stieß im Internet auf ein Bild vom Domplatz, das im Geiste der Bewegung wirken sollte, und dessen Schöpfer deshalb mit Hilfe eines Computerprogramms die Menschenmassen, die sich auf dem Platz versammelt haben sollten, schlicht vervielfacht hatte.

          Nachdem der Betrug enttarnt war, war das Bild aus dem Netz verschwunden, als sei es dort nie gewesen. Aber der Fall ist symptomatisch. Denn er bestärkt den Eindruck, dass sich die AfD-Anhänger die Wirklichkeit nach ihrem Bilde formen.

          Auch wenn Höcke am Mittwoch dieser Woche also nicht leibhaftig auf dem Domplatz vor den Demonstranten erschien, so war er doch mitten unter ihnen. Per Internetübertragung, wie Stephan Brandner berichtete und seinen Vorsitzenden zitierte: „Die Wahrheit ist immer historisch.“

          Die Aufgabe des analogen Wahrheitsverkünders übernahm an diesem Abend Thorsten Weiß, der Vorsitzende der Jungen Alternative in Berlin. Wie Höcke bei vorangegangenen Kundgebungen auf dem unbeleuchteten Domplatz blickte er als Seher in die Zukunft Deutschlands. Und die sah er „im Mark bedroht“ durch den anhaltenden Strom von Flüchtlingen.

          Doch diese von Weiß beschworene „Vernichtung“ Deutschlands, sei „von uns nicht gewollt“. Von dem Deutschland, „wo wir aufgewachsen sind“, bleibe nichts, prophezeite der junge Alternative und kam schnell zum ersten Höhepunkt seiner deutschnational gefärbten Brandrede: „Rettet unsere Heimat im Namen der Jugend“. Die Menge jubelte und Weiß legte nach: „Merkel muss weg!“ Bei dieser Parole konnten alle in der Menge lauthals mitschreien, viele der Gesichter voller Hass.

          Eine Frau nahe dem Rednerpult schrie immer wieder „Schweine, Schweine“. Und sie meinte gewiss nicht den Redner und ihresgleichen, die sich als die „Alternative für Deutschland“ sehen. Neben ihr standen Männer, die ihre mitgebrachten Bierchen eins nach dem anderen zischten, obwohl doch Alkohol während der Kundgebung verboten war.

          Der junge Redner knöpfte sich nach Merkel nun die deutsche Jugend vor. Sie sei, verzärtelt von antiautoritären Helikoptereltern, zu dekadenten Menschen erzogen worden und habe sich im Hedonismus eingerichtet. Diese Jugend kenne nicht  mehr Kant und Goethe, sondern schaue das „Dschungelcamp“ und „Deutschland sucht den Superstar“.

          Die Mehrheit wisse nicht mehr, was es heiße, Entbehrungen für die Gemeinschaft auf sich zu nehmen. Bevor der Redner ausführte, was er damit meinte, spürte er, was die Massen wollten: Endlich eine Stimme haben. Sie waren gekommen, um zu rufen, zu schreien, zu skandieren. Weiß intonierte: „Wir sind das Volk“, und alle fielen ein, bevor es wieder mit der Jugend weiterging.

          Flüchtlingspolitik : AfD demonstriert an deutsch-österreichischer Grenze

          Diese Jugend wolle in einem Deutschland aufwachsen, das es als Heimat bezeichnen könne, sagte Weiß. Doch Deutschland habe den „Wertekompass“ verloren. In seiner Rede ging es dann weiter um Einwanderer, die Lügenpresse, eine verlorene, verkommene Kultur, den Untergang eines „Kulturvolks“, nach 3000 Jahren in der Zeitrechnung der AfD und dessen Zustand, der „unser unwürdig“ sei.

          „Schweine, Schweine“, schrie die Frau nahe der Bühne wieder. „Wir wollen Visionen für die Zukunft gebären. Wir stellen uns gegen den eingeleiteten Niedergang“, versprach Weiß der Frau und den anderen Zuhörern recht rätselhaft.

          Die Frau an der Bühne wusste sogleich, was der Redner gemeint haben konnte: „Moslems. Alle erschießen“, rief sie. Keiner neben ihr widersprach oder schritt ein. Die Frau warf sich zu Boden, ahmte höhnisch nach, was sie für den Ritus eines muslimischen Gebets hielt. Weiß rief nach einem Hinweis auf das politisch rot-rot-grüne Bündnis in Thüringen noch einmal in die Nacht: „Die wollen Deutschland abschaffen.“ „Ja, für die Kanacken“, schrie die Frau.

          Als Stefan Möller, neben Höcke ein Landessprecher der Partei, versicherte, „wir sind keine Fremdenhasser“, widersprach ihm die Frau in der Menge energisch: „Jetzt bin ich einer.“

          Quelle: FAZ.NET

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