Home
http://www.faz.net/-gpf-p9pr
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Flüchtlingsdrama Cap Anamur-Mitarbeiter wieder frei

16.07.2004 ·  Ein Richter in Italien hat am Freitag die Freilassung der drei festgenommenen Mitarbeiter der deutschen Hilfsorganisation Cap Anamur angeordnet.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die drei in Italien festgenommenen Mitarbeiter der Hilfsorganisation Cap Anamur kommen frei. Dies hat Untersuchungsrichter Walter Carlisi am Freitag nach der Haftprüfung in Agrigent bekannt gegeben.

Cap Anamur-Chef Elias Bierdel, der Kapitän des Flüchtlingschiffes „Cap Anamur“, Stefan Schmidt, und der Erste Offizier, Vladimir Daschkewitsch, hätten das Urteil schriftlich erhalten, sagte die italienische Politikerin Luisa Morgantini nach einem Besuch bei den Gefangenen der italienischen Nachrichtenagentur ANSA. Für Bierdel und Schmidt habe Richter Walter Carlisi ein Aufenthaltsverbot für Süditalien verhängt, fügte sie hinzu.

Einer der italienischen Anwälte der Cap-Anamur-Mitarbeiter, Maurizio Maresca, sagte, die Anhörung sei korrekt verlaufen. Der deutsche Cap Anamur-Anwalt Michael Hofmann sagte, man habe Beweise vorgelegt, die die Darstellung der Cap Anamur-Mitarbeiter untermauerten. Bierdel, Schmidt und Daschkewitsch waren am Montag festgenommen worden.

Neudeck distanziert sich

Der Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, Rupert Neudeck, hat sich vom Vorgehen der Helfer bei der Rettung von 37 Afrikanern aus dem Mittelmeer distanziert. „Das Unternehmen, was wir gestern gesehen haben, trägt nur noch usurpiert, nur noch geklaut, den Titel des alten Vereins. Das ist nicht das Unternehmen, was wir 1979 zur Rettung Tausender Flüchtlinge gegründet haben", sagte Neudeck am Freitag. Er kenne den Fall praktisch auch nur aus den Medien. Allerdings: „Wenn der Anschein so bleibt, dann fahren wir vor die Wand", betonte er.

Neudeck bezog sich mit seinen Aussagen auf einen Beitrag des ARD-Magazins „Panorama", in dem von zahlreichen Widersprüchen bei der Rettung die Rede war. So sei die Landung mit den Flüchtlingen tagelang hinausgezögert worden, damit Cap-Anamur-Chef Elias Bierdel für einen medienwirksamen Auftritt noch rechtzeitig an Bord habe kommen können. Auch habe es bei der Besatzung Zweifel gegeben, ob es sich bei den Flüchtlingen tatsächlich wie angegeben um Sudanesen handelt

Aus Nigeria und Ghana, nicht aus dem Sudan

Nach Angaben aus italienischen Justizkreisen stammen die meisten der Flüchtlinge aus Nigeria und Ghana und nicht aus dem Sudan, der wegen der Vertreibung Hunderttausender Schwarzafrikaner durch arabische Milizen im Westen des Landes derzeit im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht.

„Ich war felsenfest überzeugt, daß es um eine Seerettung aus allerhöchster Not geht. Das kann ich so nicht mehr erkennen", kritisierte Neudeck das Vorgehen der Helfer. In dem Fernsehbeitrag ist zu sehen, wie die Besatzung, mehrere Tage nachdem sie die 37 Afrikaner an Bord genommen hat, auf weitere Afrikaner in einem Holzboot trifft und ihnen die Rettung anbietet - allerdings sind die Afrikaner weder schiffbrüchig noch wollen sie gerettet werden. Vor allem dieses Vorgehen bemängelte Neudeck: „Das war keine Aktion, in der Menschen sichtbar aus Seenot gerettet werden. Das war von höherer Komik und ist tödlich für so eine Aktion".

„Von den eigenen Wurzeln entfernt“

Cap Anamur habe sich damit weit von den eigenen Wurzeln entfernt, kritisierte Neudeck. Die Afrikaner im zweiten Boot hätten sich nicht in einer Lage befunden, die vergleichbar sei mit der Flucht aus einer totalitären politischen Situation. „Ich kann das nicht gleich setzen", betonte Neudeck. Zugleich kritisierte er, daß die Cap Anamur nicht sofort nach der Aufnahme der 37 Afrikaner Kurs auf einen deutschen Hafen genommen habe, um die Flüchtlingsproblematik von Hamburg oder Lübeck aus mit der deutschen Regierung zu klären. „Das ist auch eine Frage der Bescheidenheit. Die Italiener sind unendlich viel mehr belastet als wir in Deutschland", sagte der 65jährige.

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa, Reuters und AP
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Die erste Frau

Von Berthold Kohler

Auch das hat es noch nicht gegeben: Eine Rücktrittserklärung eines Bundespräsidenten mit einer politischen Liebeserklärung an seine Frau. Mehr 17 18

Umfrage

Wer soll Bundespräsident werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.