12.10.2008 · Es bricht Panik aus, wenn Menschen oder Börsen das Vertrauen in die Sicherheit ihrer Welt verlieren. Die vermeintliche „Rückkehr des Staates“ erweist sich jedoch als trügerisch. Eine globale Systemkrise lässt sich offenbar nur mit global abgestimmten Mittel bekämpfen.
Von Günther NonnenmacherAmerikanische Psychologen haben herausgefunden, dass verunsicherte Menschen ein falsches Bild der Wirklichkeit entwickeln und sich deshalb nicht in ihr zurechtfinden. Sie folgern daraus, dass das Bedürfnis, in einer vorhersagbaren und in diesem Sinn sicheren Welt zu leben, wesentlich für das psychische Wohlbefinden des Menschen sei.
Diese Einsicht ist nicht neu, sie ist sogar das Fundament der modernen Staatstheorie. Der englische Philosoph Thomas Hobbes beschrieb 1651 in seinem Buch „Leviathan“, dass das menschliche Leben ein „Kampf aller gegen alle“ wäre, wenn nicht die souveräne Zwangsgewalt des Staates den Frieden in der Gesellschaft und damit die Sicherheit jedes Einzelnen gewährleisten würde. Immerhin kann diese Erkenntnis jetzt als empirisch bestätigt gelten - nicht nur die Psychologen haben sie experimentell bewiesen, auch die Finanzmärkte zeigen, dass Panik ausbricht, wenn Menschen oder Börsen das Vertrauen in die Sicherheit ihrer Welt verlieren.
„Wohlfahrtsstaat“ mit den „Zügen einer Milchkuh“
Hobbes schrieb sein Buch mitten in einem religiösen Bürgerkrieg, in einer Situation existentieller Gefahr. In den Jahrhunderten seither hat der Staat sein Sicherheitsnetz für die Gesellschaft immer enger geknüpft. Das Seeungeheuer Leviathan hat, wie ein deutscher Soziologe, Arnold Gehlen, im Hinblick auf den Wohlfahrtsstaat schrieb, inzwischen immer mehr „die Züge einer Milchkuh“ angenommen.
Der moderne Staat schützt mit seinem Gewaltmonopol inzwischen nicht nur Leib und Leben seiner Bürger, als Sozialstaat sichert er ihnen auch, von der Krankenversicherung über das Existenzminimum bis zur Rente, eine auskömmliche, menschenwürdige Existenz - letzthin hat er ihnen sogar die Sicherheit ihrer Sparanlagen garantiert.
Die Frage ist, ob der Staat das überhaupt kann, jedenfalls in der Form, in der er von Hobbes konzipiert wurde und die auch noch Gehlen in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor Augen stand: als souveräner Nationalstaat. Schließlich hat der von vielen befürchtete Zusammenbruch aller (finanziellen) Sicherheit in Amerika begonnen; doch wegen der globalen Vernetzung der Finanzmärkte hat sich die Krise, einem Tsunami gleich, über die ganze Welt ausgebreitet.
Eine globale Systemkrise
Die von den nationalen Regierungen ergriffenen Gegenmaßnahmen - ob es um Garantien geht, deren Wert hoffentlich nicht getestet werden muss, oder ob gleich das gesamte Bankensystem verstaatlicht wird - wirken dabei einigermaßen improvisiert, vor allem haben sie wenig Wirkung gezeigt. Eine globale Systemkrise, das zeigen auch die hektischen internationalen Koordinierungsbemühungen, lässt sich offenbar nur mit global abgestimmten Mitteln bekämpfen.
Was in den vergangenen Tagen gefeiert wurde als „Rückkehr des Staates“ in der Gestalt eines „lender of last resort“, der das Vertrauen wieder schaffen soll, das viele Menschen in die Banken (und diese unter sich) verloren haben, erweist sich bei näherem Zusehen als einigermaßen simplistische Vorstellung. Die Finanzmärkte demonstrieren, wie gering das Vertrauen in Maßnahmen ist, die in „nationaler Souveränität“ getroffen werden, auch wenn sie sinnvoll sein mögen. In der politisch wie wirtschaftlich vernetzten Welt, der wir unseren Wohlstand verdanken, kann der national verfasste „Leviathan“ weder die existentielle Sicherheit seiner Bürger gewährleisten, noch kann der Staat allein, in seiner neuesten Mutation von der „Milchkuh“ zum Superbankier, ihre materielle Sicherheit garantieren.
Unfähigkeit auch der mächtigsten Nationalstaaten
Der Ruf nach neuen, weltweit anzuwendenden Regeln für die Finanzmärkte zeigt, in welcher Richtung Rettung gesucht wird: in koordinierenden (und sanktionierenden) Instanzen, welche die Unfähigkeit auch der mächtigsten Nationalstaaten ausgleichen, ein immer komplexer gewordenes internationales System zu steuern. Auch diese Erkenntnis ist nicht neu. Aber verwirklicht worden ist sie - zumindest teilweise - bisher nur in einem Teil der Erde: in Europa. Die Europäische Union (EU) ist, mit allen ihren Unzulänglichkeiten, der einzige erfolgreiche Versuch, den faktischen Verlust von Bestandteilen dessen, was nationale Souveränität heißt, auf einer höheren, supranationalen Ebene wieder aufzufangen. Allerdings eignet sich das komplizierte Gebilde aus 27 Mitgliedstaaten nicht dazu, in kraftvollen Metaphern Gestalt anzunehmen; die Praxis des europäischen Interessenausgleichs ist zwar letztlich ganz erfolgreich, aber prosaisch und mängelbehaftet - nicht Leviathan oder Milchkuh, sondern Kuhhandel.
Wenn die EU sich in den nächsten Wochen als fähig erweist, auf den Verlust von Sicherheit und Vertrauen in der Finanzkrise mit einer gemeinsamen oder zumindest mit einer zwischen ihren Mitgliedern abgestimmten Strategie zu reagieren, dann könnte sie gestärkt aus dieser Prüfung hervorgehen. Denn inzwischen müssten auch solche Kritiker nachdenklich werden, denen es gar nicht um die bürokratischen Auswüchse oder Schwerfälligkeiten in Brüssel ging, sondern um das Prinzip der EU: um den Verlust nationaler Eigenständigkeit. In dieser Krise jedenfalls sah der Levia than gar nicht souverän aus.
Wussten sie es oder nicht?
ren hoeg (saddat)
- 12.10.2008, 11:03 Uhr
zu viele von den FAZ-Redakturen...
Christoph Rohde (prediger1)
- 12.10.2008, 12:15 Uhr
Einige ausgewählte Stellschrauben nachhaltiger und effektiver Kurskorrektur
Ami de Chapeaurouge (Schikane)
- 12.10.2008, 13:36 Uhr