25.07.2003 · Die Festspiele von Bayreuth, die an diesem Freitag beginnen, treten eine Flucht nach vorn an - mit Opern-Neulingen wie Christoph Schlingensief und Lars von Trier: Aufbruch oder Zerstörung?
Von Gerhard R. KochEines muß man den Bayreuther Festspielen, die heute beginnen, lassen: Seit ihrer Gründung 1876 sorgen sie für Unruhe, nicht selten heilsame. Denn am "Grünen Hügel" schieden sich schon immer die Geister, auch wenn manches heute schon lange historisch entrückt wirkt, die Konflikte kaum mehr nachzuvollziehen sind. Schließlich wurde Wagner bis ins frühe 20. Jahrhundert als monströser Modernist, größenwahnsinniger "Zukunftsmusiker" attackiert, sein Bayreuther Unternehmen als hybride Mixtur aus künstlerischer Verstiegenheit und Protektion eines kranken Königs denunziert. Und wild tobte der Streit zwischen den "Neudeutschen" um Wagner und den Anhängern romantischer Klassizität um Mendelssohn, Schumann und Brahms, deren Namen in Cosima Wagners Haus Wahnfried ebensowenig erwähnt werden durften wie der Wagners im Kreis um Clara Schumann. Vergangen sind auch die Kräche um Wieland Wagners Neu-Bayreuth von 1951 an, die "Entrümpelung" des Tempels, die Lichtregie, die fast kahle "Shakespeare"-Bühne der "Meistersinger".
Seitdem hat sich ein kurioses Widerspiel aus wutschnaubendem Sturmlauf der Altwagnerianer und schier obligater Heiligsprechung etabliert. So wie die Erregung über Wielands Untaten der Verklärung wich, so sind unter dem Regime seines Bruders Wolfgang seit 1966 die aufplatzenden Protestwunden erstaunlich rasch nicht nur verheilt, sondern fast mit mystischer Gloriole bedacht worden: Gerieten bei Chéreaus Jahrhundert-"Ring" manche Konservative in Rage bis an den Rand des Schlaganfalls, so wurde die in der Tat epochale Produktion frappierend bald zur Ikone erhoben. Bei Harry Kupfers Albtraum-"Holländer" 1978 gingen wieder die Wogen hoch, später noch einmal bei Heiner Müllers enterotisiertem, in Beckett-Nähe endendem "Tristan": Die Reaktionen waren heftig, schlugen indes ebenfalls bald in Akklamation um. Doch die Fallhöhe der Provokation hat sich verringert, und dies aus zwei Gründen: Die orthodoxen Bayreuth-Pilger, nicht selten aus dem nationalkonservativen deutschen Bildungsbürgertum kommend, spielen kaum mehr eine Rolle, auf jeden Fall nicht mehr die der zornbebenden Hüter des Gralstempels, die allenthalben "Schändung" wittern. Dem Typus des enthusiastischen, gar fanatischen Wagnerianers begegnet man ohnehin immer seltener. Eher sind es Bayreuth-Fans aus Amerika, Japan oder Australien, vielleicht noch wagnerhörige Franzosen, die zum "Grünen Hügel" wallfahren in der Hoffnung auf Teilhabe an einer Unio mystica ganz singulärer Art: Deutschland als Land der "Tiefe", der Wunder und der Musik. Ansonsten hat sich das Bild der Musik-Theater-Geschichte vereinheitlicht wie aufgefächert, die alten Polaritäten haben an Kraft verloren. Das ist auch gut so: Im "normalen" Opernhaus ist es bei Premieren fast üblich, daß gebuht wird, weil es den einen zu progressiv, den anderen zu konventionell ist.
In der Zwickmühle
Wolfgang Wagner, bald 84 Jahre alt, ist schon lange in der Zwickmühle: Der Erfinder und Betreiber der "Werkstatt" Bayreuth sperrte sich nicht nur gegen das Ansinnen, seinen Platz zu räumen, wie gegen die Forderungen nach Öffnung, gar des Spielplans, zumindest des Regie-Horizonts. Mit artiger Verspätung versuchte er dem Ruch reaktionär-vergreister Versteinerung entgegenzuwirken, doch eher nach dem Motto "Nur keine Experimente!" Die Widersacher haben resigniert: Abtreten will er nicht, selber inszenieren Gott sei Dank nicht mehr, die Inszenierungen sind weder ärgerlich altmodisch noch skandalös aufreizend - es herrscht Ruhe im Reiche Wagner, das Schlimmste, was Bayreuth widerfahren kann.
Ob des Patriarchen Entschlüsse eigenem Antrieb entspringen oder gar den Einflüsterern der Loge, tut wenig zur Sache. Fest steht, daß Wolfgang Wagner seit zwei Jahren eine jähe Flucht nach vorn angetreten hat: als wolle er beweisen, daß ihn ein zweiter Mutschub überfallen habe, er jetzt erst recht aus angeblicher Erstarrung den radikalen Aufbruch wage. Auf jeden Fall hat er Verwirrung gestiftet, Namen ins Spiel gebracht, die den Opernfreunden fremd, wenn nicht gräßlich sind. Erreicht immerhin hat er zweierlei: Sowohl Traditionalisten als auch Modernisten schütteln den Kopf über solche Vabanque-Mentalität. Denn bei Chéreaus "Ring" wie bei Müllers "Tristan" gab es eine Doppelsicherung, deren Theatererfahrung und des Hausherrn Souveränität. Daß es mit der nicht mehr weit her ist, belegte der Krach mit dem "Parsifal"-Regisseur Martin Kusej, immerhin einem renommierten Opern-Profi. Doch beim "Parsifal" des als Ersatz aus dem Hut gezauberten Christoph Schlingensief und dem "Ring" des dänischen Filmemachers Lars von Trier gibt es kein Netz. Schlingensief, Wagner-Fan, giert allerdings schon lange nach Bayreuth, legt es womöglich auf die ganz schrille Provokation an. Lars von Trier indes bekannte, noch nie eine Oper gesehen zu haben, so wie sich auch zweifeln läßt, ob Wagner viele Trier-Filme gesehen hat. Mutwillig hat er sich dem mutwilligen Verstörer Schlingensief ausgeliefert, nach dem Krach mit Kusej alles auf eine Karte gesetzt; wobei ihn das Vertrauen in den kecken Aktionskünstler womöglich sogar ehrt. Trier jedoch ist ein ganz unbeschriebenes Blatt, der "Ring" ein überkomplexes Bühnen-Labyrinth, eminente Theater-Herausforderung. Und Chéreau hatte keinen Geringeren als Pierre Boulez zur Seite.
Bedenkenträgerei kann grämlich alle Frische ausdörren. Insofern muß man beiden Projekten Glück wünschen. Trotzdem rumort ein Verdacht: Sollten sie scheitern - und die Kusej-Affäre läßt auf schwächliches Krisen-Management schließen -, dann würde sich nicht nur die These bewahrheiten, daß Wagner primär auf spektakuläres "Name-dropping" gesetzt hat, sondern auch die, daß ihm womöglich an substantiellen Produktionen gar nicht mehr liege, er letztlich, geht die Sache schief, die Festspiele auf Sand setzen wolle, gar am Ende seine "Götterdämmerung" ganz eigener Art betreibe. Dann hätte er das erreicht, was er seinen Widersachern seit je unterstellt: die Zerstörung Bayreuths. Auch dies hätte fatale deutsche Tradition.