14.09.2009 · Mehr als 14 Millionen Zuschauer sahen das Fernsehduell zwischen Kanzlerin Merkel und SPD-Spitzenkandidat Steinmeier, das anscheinend ohne echten Sieger blieb. In den ersten Umfragen liegen beide Kontrahenten fast gleichauf. Gleichwohl reklamieren Union und SPD jeweils den Sieg für sich.
Zwei Wochen vor der Bundestagswahl ist das einzige Fernsehduell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier (SPD) unentschieden ausgegangen. In den ersten Umfragen am Sonntagabend lagen beide Kontrahenten fast gleichauf. Die Kandidaten verzichteten bei dem 90 Minuten langen Auftritt vor einem Millionenpublikum auf scharfe gegenseitige Attacken. Der von vielen Beobachtern erhoffte offene Schlagabtausch blieb aus. Beide Spitzenkandidaten lobten die Arbeit der Großen Koalition in den vergangenen vier Jahren und zeigten sich in Fragen wie der Opel-Übernahme und der Afghanistan-Strategie einig. Differenzen wurden vor allem bei den Themen Mindestlohn, Managergehälter, Steuerpolitik und Atomausstieg deutlich.
In einer ZDF-Umfrage sahen 28 Prozent der Befragten Merkel als Siegerin, 31 Prozent Steinmeier. In der ARD fiel das Ergebnis noch knapper aus: Für 43 Prozent gewann Steinmeier, 42 Prozent fanden Merkel besser. Nach einer RTL-Umfrage ging das Duell 37 zu 35 Prozent für Merkel aus. SPD-Chef Franz Müntefering sprach trotzdem von einem Durchbruch für seine Partei im Wahlkampf. Noch nie habe ein Kandidat in einem Fernsehduell so klar vorne gelegen wie Steinmeier, sagte er. Unionsfraktionschef Volker Kauder sagte dagegen, Merkel habe überzeugender und souveräner gewirkt.
Das harmlose Scharmützel der beiden Kanzlerkandidaten sorgte für vergleichweise maue Einschaltquoten. Insgesamt 14,21 Millionen Zuschauer auf ARD, ZDF, RTL und Sat.1 wollten den verbalen Schlagabtausch zwischen Frau Merkel und Steinmeier am Sonntagabend ab 20.30 Uhr sehen - vor vier Jahren hatte das Duell zwischen Herausforderin Merkel und Gerhard Schröder noch 20,98 Millionen Menschen gereizt. Die ARD schalteten nach Berechnungen der Marktforschungsfirma Media-Control in Baden-Baden am Sonntag 7,76 Millionen Zuschauer (22,7 Prozent Marktanteil) ein, das ZDF 3,47 Millionen (10,3 Prozent), RTL 2,19 Millionen (6,8 Prozent) und Sat.1 0,79 Millionen (2,3 Prozent). Zum Vergleich: Den Animationsfilm: „Die Simpsons“ sahen auf ProSieben 3,45 Millionen Menschen (10,3 Prozent).
Den erhofften Schwung in den schleppenden Wahlkampf brachte das Duell nicht. Steinmeier warnte mehrfach vor einer schwarz-gelben Koalition und schloss ein Bündnis mit der Linkspartei aus. Trotz der schlechten Umfragewerte setze er weiterhin darauf, dass die SPD nach der Wahl den Kanzler stellt, sagte er. Merkel bekannte sich zum Ziel einer Koalition mit der FDP. Die Absage Steinmeiers an ein Linksbündnis vor 2013 bezweifelte sie. „Eine Garantie haben wir nicht, dass es nicht in der Legislaturperiode schon kommt.“
Die Sozialdemokraten hoffen indes auf einen Schub für ihren Wahlkampf. Denn Umfragen zufolge konnte Steinmeier besonders bei unentschlossenen Wählern punkten. Nach einer Analyse der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF hinterließ Steinmeier bei einer Mehrheit der Befragten einen besseren Eindruck als erwartet. Eine Mehrheit von 40 Prozent der Zuschauer sah der Forschungsgruppe zufolge aber keine großen Unterschiede zwischen Merkel und Steinmeier.
Die Opposition zeigte sich enttäuscht von dem Duell. „Leider, leider war es ein langweiliger Abend“, sagte der Linken-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch. Grünen, FDP und Linkspartei kritisierten die Abwesenheit der Opposition bei der Sendung als nicht mehr zeitgemäß. Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin sagte, es gebe in Deutschland inzwischen eine Fünf-Parteien-Landschaft. Die Parteien der großen Koalition hätten zuletzt bei Landtagswahlen kontinuierlich verloren. Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle urteilte: „Keiner hat gewonnen, von diesem Duell wird nichts übrig bleiben.“ Wichtige Themen seien gar nicht angesprochen worden. „Das waren Szenen einer Zwangsehe. Scheidung nur durch die Wähler“, sagte der FDP-Vorsitzende.
Nach Ansicht von FDP-Generalsekretär Dirk Niebel hat „keiner gewonnen, es gibt nur einen Verlierer, der heißt Deutschland.“ Niebel beklagte, dass sich Kanzlerin Merkel nicht eindeutig zu einem Bündnis mit der FDP bekannt habe. Bei der Union könne man sich als Wähler nicht sicher sein, wofür die Stimme gebraucht werde. Er sprach von einem „Selbstgespräch der Regierung“.
Koalitions-Debatten
Das Fernsehduell hat die Debatte über mögliche Koalitionen nach der Bundestagwahl belebt. SPD-Chef Müntefering schloss ein Zusammengehen mit den Liberalen nicht grundsätzlich aus. Die Grünen wiederum wollten sich verschiedene Optionen offenhalten. Müntefering stellte im Deutschlandfunk nochmals klar, dass er gegen eine Fortsetzung der großen Koalition nach der Bundestagswahl am 27. September sei: „Man kann nicht so weiter machen.“ Eine der großen Parteien müsse „aufs Feld“, die andere Große „auf die Reservebank“. Er schließe nur eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei aus, „alle anderen müssen irgendwie miteinander können“. FDP-Generalsekretär Niebel sagte, die Äußerungen von Steinmeier im Fernsehduell hätten deutlich gemacht, dass es zwischen SPD und FDP keine inhaltliche Basis gebe. „Die Inhalte passen nicht zusammen, also kann man auch nicht zusammen regieren“, betonte er.
Die Grünen wiederum schlossen eine Jamaika-Koalition von Union, FDP und Grünen aus. Seine Partei machten sich nicht zum Steigbügelhalter für Schwarz-Gelb, sagte der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/ Die Grünen, Cem Özdemir. Die Fraktionsvorsitzende im Bundestag Renate Künast zeigte sich etwas zurückhaltender . Nach ihren Worten stehen die Grünen bereit, nach der Wahl „mit allen“ zu reden, da es für einen Wechsel hin zu Rot-Grün nach der Bundestagwahl nicht reichen werde. Für Schwarz-Gelb werde es aber auch keine Mehrheit geben. Linkspartei-Geschäftsführer Dietmar Bartsch verwahrte sich gegen Spekulationen seitens der Union, seine Partei strebe eine Koalition mit der SPD auf Bundesebene an. Die Politik von SPD und Linkspartei stimme „in zentralen Fragen nicht überein“, sagte Bartsch und nannte unter anderem die Themen Afghanistan und Mindestlohn. Mit Blick auf den SPD-Kanzlerkandidaten sagte Bartsch: „Mit diesem Steinmeier nicht.“
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