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Fernsehduell Merkels Injektion

06.09.2005 ·  Beim Duell-Abend zeigte sich, daß der Wahlkampf trotz Dramatisierung doch noch sein Thema gefunden hat. Das Adrenalin, das Frau Merkel der müden Auseinandersetzung in Person von Paul Kirchhof injizierte, tut seine Wirkung.

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Gleich drei der vier Sender, die das „Fernsehereignis des Jahres“ übertrugen, ließen schon zum Aufgalopp eine Uhr rückwärts laufen - als habe der Start einer Marsrakete bevorgestanden oder wenigstens das Feuerwerk zum Jahreswechsel.

Gefehlt hat an der Dramatisierung des Duell-Abends eigentlich nur, daß auch das zweitwichtigste Ereignis jener Stunden, die Rückkehr Frau Christiansens in ihr Studio, von einem Countdown begleitet wurde. Überraschender als die Vor-, Zwischen- und Nachbereitung war auch der Schlagabtausch des Kanzlers und der Kandidatin nicht.

Wie in der Seifenoper

Frau Merkel strafte jene Lügen, die behaupteten, sie könne Schröder in seinem Lieblingsmedium das Wasser nicht reichen; selbst Roland Koch konnte die allergrößten Komplimente nur dadurch vermeiden, daß er die „bärenstarke“ Familienpolitik der CDU-Vorsitzenden lobte. Der Kanzler sagte, wie in jeder guten Seifenoper, daß er seine Frau liebe, die für ihn Wahlkampf gegen die andere Frau macht. Und deswegen das ganze Theater?

Audio: Die Versprecher des TV-Duells

Immerhin zeigte sich an diesem Abend, daß der Wahlkampf doch noch sein Thema gefunden hat, wenn auch ein spätes. Das Adrenalin, das Frau Merkel der müden Auseinandersetzung in Person von Paul Kirchhof injizierte, tut seine Wirkung. Die Kanzlerkandidatin konnte mit seiner Nominierung verdeutlichen, daß ihre Reformagenda weit über die des Kanzlers hinausgeht; das war von den Bedenkenträgern in CDU und CSU in letzter Zeit vernebelt worden.

Merkels Mut zu großen Schritten

Die CDU-Vorsitzende offenbarte damit wieder den Mut zu großen Schritten, die nicht ohne Risiken sind. Mit Kirchhof wagt sie viel, in der eigenen Partei wie im ganzen Land. Denn Versorgungsversprechen werden in Deutschland immer noch häufiger bejubelt als die Verheißung von mehr Freiheit und Selbstverantwortung.

Schröder weiß das und versucht nun, da die Flut in Amerika und der Iran-Konflikt zum Wahlkampf nicht so recht taugen, den „Professor aus Heidelberg“ zu einer Art Ersatz-Bush zu machen und ihn als fahrlässigen SozialstaatsInterventionisten hinzustellen, der den Frieden und die Gerechtigkeit hierzulande gefährde. Das ist - ein Blick auf Kirchhofs Zeit als Verfassungsrichter zeigte das ohne weiteres - absurd. Doch scheint das, was sich in Talkshows nicht präsentieren läßt, für manchen gar nicht mehr zu existieren.

Quelle: bko. Frankfurter Allgemeine Zeitung
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