03.05.2007 · Es war ein Sieg nach rhetorischen Punkten: Ségolène Royal überraschte im französischen TV-Duell gegen Sarkozy. Er zeigte sich sanft wie ein Lamm. Sie verfolgte ihr Ziel mit einer Unverfrorenheit, die nicht nur ihren Rivalen überraschte. Von Jürg Altwegg.
Von Jürg AltweggWelten trennen sie. Unterschiedlich sind ihre Wege - und haben das gleiche Ziel: die Macht, das Elysée. So nah waren sie sich seit Wochen und Monaten nicht gekommen. Zwei Meter nur trennten sie im Fernsehstudio. Die ästhetischen Details der Inszenierung und der Ablauf des Duells, das die Wahl entscheiden könnte, waren von den Medienberatern beider Kandidaten in langen Verhandlungen festgelegt worden. Auf der Seite der Sozialistin, die im Wahlkampf die Rolle einer Madonna mit politischer Jungfräulichkeit gab, kümmerte sich der langjährige Kulturminister Jack Lang um die Farben und die Vorbereitung. Er war schon vor einem Vierteljahrhundert beim Sieg Mitterrands im Fernsehen dabei: im Wesentlichen sind die damals festgelegten Regeln übernommen worden. Ein gutes Omen?
Sarkozy wiederum ist einer der besten Debattierer der Nation. Er hat wie kein anderer Le Pen und den islamischen Intellektuellen Tariq Ramadan in Schach gehalten. Nur einmal blieb er sprachlos im Studio: 1993, nach den Parlamentswahlen. „Reden sie bitte nicht in diesem Ton mit mir, respektieren sie ihre Gegner“. Wie ein Schuljunge war er abgeputzt worden - von Ségolène Royal. Ihre Berater haben alle TV-Duelle Sarkozys analysiert und eine einzige Schwäche ausgemacht: Sarkozy, das merkt man auch am Fernsehen, hat manchmal Mühe, seine Nerven unter Kontrolle zu halten.
Wie aggressiv durfte Sarkozy auftreten?
Die beste Vorbereitung ist die Kenntnis der Dossiers, erklärten seine Berater. Dass er mit Frauen aus seinem politischen Lager trainierte, ist schwer vorstellbar - lauter Leichtgewichte. Bei den Gaullisten gehören Macho-Sprüche mit sexistischem Einschlag zum festen Vokabular. Unter tosendem Applaus hatte die amtierende Verteidigungsministerin an einem Meeting der Sozialistin vorgeworfen, sie würde ihre Überzeugungen so oft wechseln wie den Rock. Wie aggressiv durfte Sarkozy auftreten, ohne die Gürtellinie zu unterschreiten?
In der noch kurzen Geschichte der französischen TV-Duelle war mit der Konstellation Frau gegen Mann eine neue Variante angesagt. Manche Episode der Kampagne war nach dem Muster „Der gallische Hahn und das Huhn“ abgelaufen: Die Eheprobleme des Innenministers gegen die Inkompetenz einer Frau, der kein Lapsus verziehen wurde. Die Show lief auf vielen Kanälen. Gegen 25 Millionen Zuschauer waren angesagt. Zehn Minuten vor dem Startschuss kam es vor den Kameras zu einem Händedruck - gezeigt werden durfte die Szene erst nach dem Ende.
Weder gehässig noch unversöhnlich
Ségolène Royal trug über der weißen Bluse mit offenem Kragen einen dunklen Sakko - ein Outfit, das sehr staatsmännisch wirkte. Sarkozy wählte das blaue Hemd. Mit zwei Prozenten Vorsprung in den Meinungsumfragen und der Erfahrung vieler TV-Duelle - die Royal fehlt - ging er als Favorit ins Rennen. Er bekam das erste Wort und blieb eher unverbindlich. Die Herausforderin konnte eine gewisse Nervosität nicht ganz überspielen, führte aber umgehend einen ersten Angriff. Er betraf Sarkozys Bilanz als Innenminister. Sarkozy gab sich erstaunlich einsichtig, ja selbstkritisch - mit dem Hinweis auf die Zustände unter einer sozialistischen Regierung, die abgewählt wurde, konnte er die Attacke nur unzureichend parieren. Am Anfang wirkte Royal aggressiver, zumindest kämpferischer, angriffiger - Sarkozy war stärker um einen Konsens bemüht und versuchte immer wieder, auch Gemeinsamkeiten zu unterstreichen.
Gehässig, unversöhnlich wie frühere Duelle - zwischen Giscard und Mitterrand, Laurent Fabius und Chirac - war die Auseinandersetzung nicht. Im Laufe der Zeit wurde sie intensiver. Vergeblich versuchten die Kontrahenten, den kleinen Satz, die schlagende Bemerkung anzubringen, die in die Geschichte eingehen würde - mehr bleibt von solchen Auseinandersetzungen kaum je im Gedächtnis.
35-Stunden-Woche, Alzheimer, Erbschaftsteuer
Im Affentempo ging es durch die Themen, die in den vergangenen Wochen den Wahlkampf geprägt hatten. Innere Sicherheit und Pädophilie. Die 35-Stunden-Woche und die 800.000 Alzheimer-Patienten. Die Abschaffung der Erbschaftsteuer. Die Zahl der Beamten. Sarkozy verspricht die Erhöhung der Witwenrenten und die Übernahme der Kosten für Brillen durch die Krankenkasse. Royal will die Schulpflicht mit drei Jahren. Studenten, die Stipendien beziehen, sollen dafür in den Schulen Nachhilfeunterricht erteilen. Die Zahl der Schüler pro Collège soll 600 nicht überschreiten (heute sind es doppelt so viele). Nur noch 17 Schüler pro Klasse. Sarkozy versprach, dass am Ende seiner Amtszeit Eltern Krippenplätze für ihre Kinder vor Gericht einfordern können - es fehlen zwei Millionen.
Mit den Behinderten kam die Debatte zu ihrem emotionalen Höhepunkt. Sarkozy plädierte für ihre verbesserte Integration in den Schulen, worauf ihn seine Rivalin in einer Tirade bezichtigte, den „Gipfel der politischen Unmoral“ erreicht zu haben: Weil seine Regierung durch Sparmaßnahmen genau dies sabotiert habe. „Frau Royal verliert die Nerven“, erwiderte Sarkozy und verbat sich den moralischen Zeigefinger. Im Gegenangriff aus der Defensive versuchte er den Nachweis zu führen, dass das Amt des Staatspräsidenten Qualitäten erfordere, an denen es Ségolène Royal mangle: Das wird lustig, wenn Sie mit ihren Wutausbrüchen die Geschäfte führen. Da war es bereits elf Uhr in der Nacht und die Debatte hatte zwei Stunden gedauert.
Sarkozy - sanft wie ein Lamm
In den letzten dreißig Minuten ging es um Europa, die Einwanderung, die Türkei. Die Spannung brach ein. Kein Bürger konnte dem Reigen der Themen, Versprechungen, Projekte folgen und sich ein Urteil bilden. Aber die zwei unterschiedlichen Gesellschaftsentwürfe wurden sehr wohl sichtbar.
Sarkozy blieb genauer. Seine Aussagen waren insgesamt präziser. Sein Bemühen, nicht als unmenschlicher, unberechenbarer Zyniker zu erscheinen und Gelassenheit zu demonstrieren, sich nicht provozieren zu lassen, mag seine Anhänger beruhigt haben. Er war sanft wie ein Lamm und wirkte geradezu professoral. Seine Gegnerin schonte er mehr als sie ihn.
Royal - an verbaler Autorität überlegen
Ob die Debatte einen Einfluss auf die Wahlentscheidung haben wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht gelingt es Sarkozy, mit seiner Strategie den Vorsprung zu wahren. Doch der stärkste Eindruck dieser Debatte bleibt in der Tat die Chuzpe einer Frau, die ihren Weg und ihr Ziel mit einer Unverfrorenheit verfolgt, die nicht nur ihren Rivalen überraschte.
Royal hat bewiesen, dass ihre Partei keinen besseren Kandidaten in den Kampf schicken konnte. Sie ist nicht eingebrochen. Sie war Sarkozy an verbaler Autorität überlegen. Ségolène Royal hatte nichts zu verlieren. Sollte sie am Sonntag gewinnen, so hat sie ihren Sieg im TV-Duell errungen.
Kopfschütteln
Edgar Gärtner (Edsches)
- 03.05.2007, 10:53 Uhr
Liebe Gallier...
Andreas Baustein (ABaustein)
- 03.05.2007, 11:19 Uhr
Sarkozy hat nach Punkten gewonnen
Marco Vogt (MarcoVogt)
- 03.05.2007, 11:22 Uhr
Die Chuzpe einer Frau
Pierre Schlosser (jolepinguin)
- 03.05.2007, 11:51 Uhr
Chuzpe oder primitive linke Z/(M)eckerei
Peter Becker (sidewinderpeter)
- 03.05.2007, 12:08 Uhr