Home
http://www.faz.net/-gpf-qwia
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 17. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fernsehduell-Analysen Die große Kluft

05.09.2005 ·  Unterschiedlicher konnte die Wahrnehmung nicht sein: Die Mehrheit der professionellen Beobachter sah nach dem TV-Schlagabtausch die CDU-Vorsitzende als Überraschungssiegerin. Für die von Demoskopen befragten Fernsehzuschauer war hingegen mehrheitlich der Kanzler der Gewinner.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Unmittelbar nach dem Fernseh-Streitgespräch zwischen Bundeskanzler Schröder (SPD) und der Kanzlerkandidatin der Union, Angela Merkel, wurde am späten Sonntag abend eine Kluft zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung sichtbar.

Die Mehrheit der Journalisten, Wahlforscher und sonstigen professionellen Beobachter sahen die CDU-Vorsitzende als Überraschungssiegerin. Für die von Demoskopen befragten Fernsehzuschauer war hingegen mehrheitlich der Bundeskanzler der Gewinner.

„Unterschiedliche Bewertungsdimensionen“

In der Infratest-Umfrage fanden 49 Prozent Schröder „überzeugender“ als Merkel (33 Prozent). Bei der Forschungsgruppe Wahlen meinten 48 Prozent, Schröder sei insgesamt besser gewesen - 28 Prozent sahen Merkel vorn. In einer Forsa-Umfrage bezeichneten 54 Prozent Schröder als Sieger, 31 Prozent Merkel.

Richard Hilmer, Geschäftsführer von Infratest-Dimap, meint, daß es eine solche Kluft in der Wahrnehmung noch nicht gegeben habe. „Offenbar gibt es unterschiedliche Bewertungsdimensionen“, sagt er. Beim normalen Zuschauer seien wohl konkrete Aussagen wichtig. Das schlage sich in der Einzelanalyse nieder: „Schröder konnte nicht nur auf dem außenpolitischen Feld punkten, sondern überraschenderweise auch in der Steuerpolitik, wo die Union vor dem Duell noch vorne lag. Hier war Schröder sehr konkret.“

Frau Merkel habe in der Familien- und Umweltpolitik gepunktet, wo sie wiederum sehr detailreich vorgetragen habe. Professionelle Beobachter seien nach Angaben Hilmers hingegen schon einen Schritt voraus gewesen. „Für sie ging es um die Frage: Wie schlägt sich die künftige Kanzlerin? Und sie hat sich gut geschlagen.“

„Absolutes und relatives Ergebnis“

Andrea Wolf, Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen, erklärt die gegensätzliche Wahrnehmung damit, daß es zwei Ergebnisse gebe - ein absolutes und ein relatives. „Absolut schneidet Schröder besser ab, relativ wird Frau Merkel besser bewertet. Dahinter steckt die Auffassung: Schröder war erwartungsgemäß gut, aber Frau Merkel war besser als erwartet.“

So sei dies auch schon vor drei Jahren gewesen beim ersten Streitgespräch Schröder-Stoiber. Es sei erwartet worden, daß der Unions-Kanzlerkandidat Stoiber schwächer sein würde - gemessen daran seien viele von ihm überrascht gewesen. Beim zweiten Mal habe es dann eine andere Erwartungshaltung gegeben, der Stoiber nicht gerecht geworden sei. „Insofern steht Frau Merkel mit der Beschränkung auf ein Duell auf der sicheren Seite“, sagt Frau Wolf.

Präferenz für Schröder bei den „Unentschlossenen“

Nicht überrascht sind Wahlforscher über das Ergebnis, daß in der Gruppe der „Unentschlossenen“ nach dem Streitgespräch deutlich mehr zum Kanzler neigten.

Die Präferenz für Schröder als Kanzler sei bei den unentschlossenen Zuschauern ohnehin schon höher gewesen, vor dem Streitgespräch bei 59 zu 24 Prozent zugunsten Schröder, sagt Frau Wolf. Das habe sich nach dem Duell verstärkt: 67 zu 23. Doch fügt sie an: „Unklar ist freilich, ob diejenigen Unentschlossenen, die nun sagen, sie sähen Schröder als Gewinner, auch zur Wahl gehen werden.“

„Es gibt keine Trendumkehr“

Auch der Wahlforscher Jürgen Falter zeigt sich nicht überrascht darüber, daß viele Unentschlossene Schröder für überzeugender hielten. „Die SPD hat bei den vergangenen Wahlen stark an die Nichtwähler verloren, die zu dieser Gruppe zählen.“ Ein Streitgespräch wirke zumindest kurzzeitig mobilisierend.

Den Effekt des Streitgesprächs möchte er nicht überbewerten. „Es gibt keine Trendumkehr, aber leichten Rückenwind für die SPD.“ Das allerdings mache eine große Koalition wahrscheinlicher. Falter denkt bereits über den Wahltag hinaus: „Eine große Koalition könnte die SPD nutzen, um als Juniorpartner bereits einen Koalitionswechsel hin zu einem rot-rot-grünen Bündnis vorzubereiten, wie Klaus Wowereit dies in Berlin gemacht hat.“

„Parteipräferenz wichtiger als Personenpräferenz“

Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, ist vorsichtiger in ihrer Bewertung möglicher Auswirkungen des Streitgesprächs: „Im Moment spricht weiterhin die Wahrscheinlichkeit für Schwarz-Gelb.“ Zudem sei zu beachten, daß Kanzler- und Parteipräferenz deutlich auseinanderfallen.

Bei Wahlen in der jüngsten Vergangenheit, etwa in Nordrhein-Westfalen, habe sich gezeigt, daß die Parteipräferenz wichtiger sei als die Personenpräferenz, sagt Frau Köcher. Die Kluft zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung habe Frau Köcher nur in Teilen überrascht. „Es ist bekannt, daß der Kanzler persönlich in der Bevölkerung als sympathisch gilt. So etwas dreht sich nicht kurzfristig.“

Schröders Kompetenzgewinn und Kanzlerbonus

Verwundert habe sie aber sein gutes Abschneiden in der Frage nach der Kompetenz. Jedoch sei zu beachten, daß Meinungsbildung ein Prozeß sei und Befragungen, die während des Streitgesprächs oder unmittelbar danach erfolgten, deshalb nur bedingt aussagekräftig seien. „Das Ergebnis ist Ausdruck der beginnenden Meinungsbildung, die eigentliche findet im Gespräch mit anderen und durch die mediale Verarbeitung statt“, sagt Frau Köcher. Amerikanische Studien zeigten, daß sich die Bewertung in den zwei, drei Tagen nach einem Streitgespräch noch änderten.

Frau Köcher verweist schließlich darauf, daß der Kanzlerbonus für die SPD zwiespältig sei. Nur eine kleine Minderheit in der Bevölkerung rechne noch mit einer Mehrheit für Rot-Grün. Nur diese Koalition würde Schröder aber eine dritte Amtszeit sichern. Nun setze die SPD auf eine Persönlichkeitswahl, obwohl Schröder nach dem 18. September aller Voraussicht nach keine Rolle mehr spielen werde. Forsa-Geschäftsführer Manfred Güllner ist gleicher Meinung: „Die SPD setzt auf den Kanzler, weil sie sonst nichts hat.“

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Kandidat Sarkozy

Von Günther Nonnenmacher

Mit der Veröffentlichung seiner Kandidatur hofft Sarkozy, in den Umfragen neuen Elan freizusetzen. Einen richtigen Wahlkampfknüller hat er indes nicht zu bieten. Mehr 1 2

Umfrage

Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.