Fort mit der bleiernen Decke, die der Winter über die Seele gelegt hat. Und hinaus aus der Enge der Stube! Mit dem Gang unter die Leute und in die besonnten Weiten einer erwachenden Natur gewinnt Doktor Faust Abstand von jenen dunklen Gedanken, die ihn in der Nacht um ein Haar in den Tod getrieben hätten. „Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden“, schreibt Goethe über die „geputzten Menschen“, die am Ostersonntag ihren Spaziergang machen.
Diese Szene lebt davon, dass Jahreszeit, religiöser Gehalt und Brauchtum ineinandergreifen. Die perspektivische Überlagerung der drei Ebenen ist nicht nur für die Osterfeier wesentlich, sondern gibt den meisten Festen des Jahres ein je eigenes Gepräge: Auferstehung im Frühling, Fülle des Geistes wie der Natur zu Pfingsten, Dank für die Ernte im frühen Herbst, Tod und Trauer im November und dann wieder Neugeburt und neues Licht in den winterdunklen Weihnachtstagen. Das Kirchenjahr flicht die Grundfragen der menschlichen Existenz in den Wechsel der Jahreszeiten ein, so dass im Laufe eines Jahres jede Lebensfrage einmal aufgerufen wird. Ein Streit darüber, ob an einem Feiertag nun Natur, Kultur oder Religion gefeiert wird, ist vor diesem Hintergrund müßig: Naturvorgang, Tradition und religiöser Sinn bilden gemeinsam den Akkord.
Die Misstöne in diesem Gefüge werden allerdings lauter. Der Konsens schwindet oder verschiebt sich: Aus immer weniger Christi Himmelfahrt wird immer mehr Vatertag, und orangefarbene Kürbisse verleiben sich Stück für Stück den unter chronischer Kultschwäche leidenden Reformationstag ein. Die Namenstage der Heiligen sind weithin vergessen - es sei denn, sie finden wie der heilige Valentin als Schutzpatron des deutschen Blumengroßhandels ein neues lebensweltliches Substrat. Allerdings steht auch der Valentinstag im Wettbewerb mit Festtagen des Islams, dem „Equal Pay Day“ oder dem geplanten „Veteranentag“, die, jeweils von einer mehr oder weniger einflussreichen Lobby befördert, um die Gunst des Publikums buhlen. Verschiebungen dieser Art vollziehen sich unmerklich, aber kontinuierlich; manch ein Tag versinkt langsam in der Vergessenheit, ein anderer erweckt den Anschein, als habe es ihn schon immer gegeben.
Der Staat soll nicht Weltanschauungen neutralisieren
Freilich hat sich der Wandel beschleunigt. Denn die drei Stellschrauben der Feiertagskultur sitzen nicht mehr fest im Gewinde: Das nach den Vorgaben einer Agrargesellschaft eingerichtete Kirchenjahr ist den ökonomischen Zwängen einer Konsumwirtschaft ausgesetzt, das Brauchtum sinkt zu entleerter Folklore herab, und die weltanschauliche Pluralität war nie größer.
Vor diesem Hintergrund ist wenig überraschend, dass der Konsens nun nicht mehr nur still und leise vor sich hin schwindet, sondern dass es zu offenem Dissens kommt. Die Proteste gegen das Verbot öffentlicher Tanzveranstaltungen an Karfreitag, die 2011 in Frankfurt begannen, dürften nur die Vorboten größerer Konflikte sein.
Vordergründig geht es um Regelungen in den Feiertagsgesetzen der Länder, vor allem um das Tanzverbot an sogenannten stillen Feiertagen. Solange die ungestörte Religionsausübung nicht beeinträchtigt wird, tragen solche Beschränkungen in der Tat eine schwere Begründungslast. Doch die Fragen reichen längst tiefer: Zur Debatte stehen die Auswahl der Feiertage sowie die Frage, ob und wie diese allgemeinverbindlich auszugestalten sind.
Von einer Antwort auf diese Frage sind allerdings auch Piraten und Grüne, die die Proteste anführen, weit entfernt. Ihr Argument, eine Religionsgemeinschaft dürfe die Gesellschaft nicht mit Verboten bevormunden, bedient antikirchliche Affekte, mehr nicht. Auch geht die Rechnung nicht auf, Feiertage, die im Christentum wurzeln, zur Privatsache zu erklären, wohingegen Feiertage, die einer säkularen Tradition entstammen, einem allgemeinen Interesse dienen sollen. Eine religiöse Begründung zum Ausschlusskriterium zu erheben bedeutete, die transzendenzlose Immanenz zur Doktrin zu erheben. Der Staat aber soll nicht Weltanschauungen neutralisieren, sondern weltanschaulich neutral sein.
Welche Kriterien könnten aber in einer Situation herangezogen werden, in der die Bindungskräfte nach allen Seiten schwinden? Man könnte an die Mobilisierungskraft eines Feiertags denken. Dann allerdings müsste man nicht über die Feste des Kirchenjahres sprechen, sondern über die vergleichsweise jungen Feiertage 1. Mai und 3. Oktober. Es zeigt sich schnell, dass in Fragen der Feiertagskultur die Begründungen, Gewohnheiten und Interessen so kreuz und quer übereinanderliegen, dass man sich, wenn der Dissens einmal den Konsens überwiegen sollte, nicht einmal auf Regeln für die Entscheidungsfindung wird einigen können. Gerade deshalb könnte dem - wenngleich wachsweichen - Argument der kulturellen Prägung doch wieder das höchste Gewicht zukommen. Ändern würde sich dann einstweilen wenig - auch nicht der Dissens.
Für den Osterspaziergang könnte das irgendwann einmal bedeuten, dass ihn nicht nur „des Dorfs Getümmel“ und das „bunte Gewimmel“ untermalen, sondern auch der wütende Lärm der ein oder anderen Vuvuzela.
Das Thema ist letztlich nicht axiomatisch lösbar, im Kern ist und
bleibt es eine kulturelle Frage
Bryan Hayes (bhayes)
- 08.04.2012, 10:48 Uhr
Unnötige Diskussion
Closed via SSO (hopedi)
- 08.04.2012, 09:22 Uhr
Konservativer Kulturpessimismus pur
Reinhart Gruhn (rgruhn)
- 08.04.2012, 09:16 Uhr
Leider Haase: Der Osterkonsumismus ist doch eine solche Umdeutung in
(Un-) Kultur
anna bez (berlin)
- 08.04.2012, 00:26 Uhr