09.05.2009 · Die Milieus ähneln sich: Die Wähler von Grünen und FDP sind besser ausgebildet und verdienen mehr als der Rest der Bevölkerung. Doch eine Zusammenarbeit scheuen ihre Funktionäre wie das sprichwörtliche Weihwasser. Damit verspielen sie die Chancen des Fünfparteiensystems.
Von Oliver HoischenEs muss ein ungewöhnliches Biotop gewesen sein, diese WG aus Jorgo Chatzimarkakis und Cem Özdemir in Brüssel. Özdemir, der grüne Europaabgeordnete aus Schwaben, blieb abends immer etwas länger im Büro. Wenn er dann nach Hause kam, hatte Chatzimarkakis, sein saarländischer Kollege von der FDP, extra für ihn gekocht. Beim Essen ging es um das „blau-grüne Projekt“, wie es Chatzimarkakis genannt hat, um die Fusion zweier liberaler Parteien, um das Gemeinsame also von ökoliberalen Grünen und wirtschaftsliberalen FDPlern.
Spannend klingt das und kein bisschen verrückt. Die Grünen müssten sich nur selber beim Wort nehmen: Auf ihrem Parteitag in Berlin an diesem Wochenende haben sie immer wieder beteuert, sie wollten angesichts der Wirtschaftskrise Ökologie und Ökonomie versöhnen. Getreu der Devise: Der Blaumann soll grün werden.
Die Zeit der Öffnung ist schon wieder vorbei
Chatzimarkakis und Özdemir halten sich mit ihrer Gedankengymnastik inzwischen zurück. Es ist Wahlkampf, da versucht man sich abzugrenzen. Auch den Grünen fehlt der Mut zu Lockerungsübungen, die Zeit der Öffnung ist vorbei. Nach Schwarz-Grün in Hamburg scheinen viele von ihnen in die Schützengräben zurückgefallen, hier links, dort rechts. Als die Spitzenkandidaten Künast und Trittin ihren Leuten beizubringen versuchten, dass die am wenigsten unwahrscheinliche Regierungsoption unter Beteiligung der Grünen nach der Bundestagswahl eine Ampel sei, wurden sie zurückgepfiffen.
So ist bei manchen wieder die alte Verachtung für die FDP zu spüren, vor allem für Guido Westerwelle. Der wiederum mag ein derart explizites Feindbild zwar nicht pflegen. Aber grün ist er tatsächlich nicht, auch wenn er sich einst für die Bäume an der Poppelsdorfer Allee zu Bonn stark gemacht hat. Die Mentalitäten scheinen einfach zu verschieden. Nur wenigen dämmert, wie viel gemeinsame politische Kraft so vergeudet wird. „Ich wundere mich, warum Grüne und FDP im Bundestag nicht öfter gemeinsame Sache gegen die große Koalition gemacht haben“, klagt etwa Ralf Fücks, der einst Senator in der Bremer Ampelkoalition war. Dem Konjunkturprogramm im Bundesrat haben beide schließlich doch zugestimmt – wobei der eine auf den anderen schielte, anstatt dass man miteinander geredet hätte.
Die Milieus ähneln sich
Die Freunde der individuellen Freiheit und des bürgerschaftlichen Engagements schlagen lieber aufeinander ein, anstatt Verbindendes zu suchen. Das gibt es aber: Beide trommeln gegen einen vermeintlichen Schäubleschen Überwachungsstaat, reden grundsätzlich einem soliden Haushalt das Wort, schätzen eine weltoffene Migrationspolitik, haben sich im Bundestag in gemeinsamen Anträgen für Abrüstung eingesetzt und wissen um die Bedeutung von Bildung. Nicht nur Renate Künast war, zum Beispiel, auf der Realschule, sondern auch Guido Westerwelle. Das betont er gern, zuletzt in der britischen Botschaft in Berlin, beim Geburtstagsfest für Ralf Dahrendorf, die liberale Ikone der Achtundsechziger, der immerhin einst mit Rudi Dutschke auf einem Autodach diskutierte. Es gäbe so manchen Berührungspunkt.
Wie den: Philipp Rösler, der FDP-Darling aus Niedersachsen, nennt Solidarität einen urliberalen Gedanken. Und so mancher Selbständige wählt eben nicht immer FDP, sondern längst auch grün. Die Milieus ähneln sich, auch wenn die Funktionäre das nicht wahrhaben wollen. Dazu gehört, dass liberale und grüne Wähler häufig eine höhere Schulbildung haben als der Rest der Bevölkerung. (Nach Umfragen von Allensbach 29 Prozent aller Bürger, aber 39 der FDP-Anhänger und 43 der Grünen.) Und dass beiden Gruppen mehr Geld zur Verfügung steht (in der Bevölkerung haben 36 Prozent der Hauptverdiener mehr als 2000 Euro netto im Monat, bei der FDP sind es 49 Prozent und bei den Grünen 38 Prozent). Und dass beide deutlich interessierter an Politik sind (50 Prozent allgemein, 67 FDP, 59 Grüne). Allerdings haben die Grünen die meisten Anhänger in den Großstädten, sie sind weiblicher und jünger als die FDP-Wähler.
Entscheidungshilfe für den „radelnden Banker“
Andernorts wurde das Ende der Lagerbildung schon einmal erwogen. In Frankreich gab es Überlegungen, die Grünen und der liberale Mouvement Démocrate könnten gemeinsame Wahllisten aufstellen. In Deutschland sähe das dann so aus, dass auf dem Lande und in Ostdeutschland die Grünen zugunsten der FDP auf einen Listenplatz verzichteten und dass die Ökos dafür in Städten wie Tübingen und Berlin den Vortritt hätten – weil die dort bessere Wahlchancen haben. Endlich würden die vielbeschworene cabrioletfahrende Arztgattin und ihr Mann ihr Wahlkreuzchen an derselben Stelle machen – sie wählte bisher Grün, er FDP. Der radelnde Banker, der einst von Tom Koenigs, dem Frankfurter Stadtkämmerer, beschworen wurde, müsste sich dann nicht mehr entscheiden.
Das mag Stoff sein für Visionäre. Sicher ist aber, dass mancher Wähler genug hat vom ideologischen Schattenboxen. Und dass Grüne und FDP lernen müssen, das Fünfparteiensystem für sich zu nutzen.