20.02.2004 · Von den weltweit mehr als 190 Staaten besitzen derzeit nur acht, vielleicht neun Atomwaffen. Nach dem Kalten Krieg hat sich das Streben danach in den Süden verlagert.
Von Nikolas BusseDie Statistik sieht eigentlich ganz gut aus: Von den mehr als 190 Staaten, die es auf der Erde gibt, besitzen derzeit nur acht, vielleicht neun Atomwaffen. Nach mehr als einem halben Jahrhundert Atomrüstung ist das keine schlechte Bilanz.
Atombomben sind die gewaltigsten Waffen, die der Mensch bisher geschaffen hat. Die Versuchung, sich diese Machtmittel zu verschaffen, war also für alle Länder außerordentlich groß. Die Bedingungen des Kalten Krieges haben aber lange bewirkt, daß der Kreis der Atommächte ein exklusiver Klub blieb. Erst in den vergangenen Jahren setzte jener Trend ein, der Verteidigungspolitikern in Washington - und zunehmend auch in Europa - Sorge bereitet: Immer mehr Entwicklungsländer trachten nach Atomwaffen.
Südafrika gab in den neunziger Jahren auf
Die Vereinigten Staaten waren die erste Atommacht (Abwürfe über Nagasaki und Hiroshima 1945), rasch gefolgt von der Sowjetunion (erste Detonation 1949). In den folgenden Jahrzehnten gelang es nur Großbritannien (1952), Frankreich (1960) und China (1964), sich ebenfalls als offizielle Atommächte zu etablieren. In anderen Ländern gab es immer wieder entsprechende Versuche. Sie wurden aber durch Veränderungen in der heimischen Politik oder ausländische Einflußnahme verhindert. So gab Südafrika, das sechs Atombomben hergestellt hatte, sein Programm in den neunziger Jahren auf. Argentinien und Brasilien verständigten sich 1991 auf ein Ende ihrer geheimen Kernwaffenprogramme. Und die Ukraine erklärte sich 1994 bereit, die noch auf ihrem Territorium gelagerten früheren sowjetischen Atombomben an Rußland abzugeben.
Nur in einem einzigen Fall konnte die Weitergabe nuklearen Wissens nicht rückgängig gemacht werden: Israel verschaffte sich mit französischer Hilfe in den siebziger Jahren die Grundlagen für ein Kernwaffenprogramm und gehört heute zu den Atommächten - auch wenn das Land seine Kapazitäten offiziell nie zugegeben hat.
Schutz gegen Verzicht
Daß Atomwaffen so lange so wenigen Staaten vorbehalten waren, lag wesentlich an der Politik der beiden großen Atommächte. In den Zeiten der Blockkonfrontation achteten Washington und Moskau darauf, daß Wissen und Technologie nicht weitergegeben wurden. Im Austausch boten sie ihren Verbündeten Schutz unter ihrem "nuklearen Schirm" an. Das hatte zwar ein nukleares Wettrüsten zwischen den beiden Supermächten zur Folge (1990 besaßen sie zusammen gut 50.000 Kernwaffen), begrenzte aber die Weitergabe dieser verheerenden Bomben. Selbst in den Arsenale der drei anderen offiziellen Atommächte lagerten nie mehr als ein paar hundert Sprengköpfe.
Mit dem Fall der Berliner Mauer war dieses Arrangement hinfällig. Rasch keimten in besonders konfliktreichen Weltgegenden neue nukleare Ambitionen. 1998 machten sich die südasiatischen Erzfeinde Indien und Pakistan mit Tests zu Atommächten. In Nordkorea ließ Kim Jong-il, der letzte stalinistische Diktator, ein undurchsichtiges Nuklearprogramm vorantreiben, das ihm womöglich schon ein oder zwei Bomben verschafft hat. Und auch im Nahen Osten gab es eine ganze Reihe von Staaten, die ein großes Interesse an nuklearer Rüstung entwickelten: der Irak, Iran, Libyen, womöglich auch Syrien. Die Programme dieser Staaten waren auf höchst unterschiedlichem technischen Niveau. Alle hatten sie aber ähnliche Anlässe: Mit Hilfe der nuklearen Abschreckung sollten regionale Führungsansprüche untermauert, Bedrohungen durch Nachbarn abgewehrt und westliche Interventionen unterbunden werden.
Neue Strategie der Vorwärtsverteidigung
Schneller als in anderen westlichen Ländern reagierte man in Washington auf diese Entwicklung. Die maßgeblichen Verteidigungspolitiker in Amerika waren schon im Laufe der neunziger Jahre zum Schluß gekommen, daß die herkömmliche Abschreckung gegen die neue Nuklearrüstung der "Schurkenstaaten" wenig ausrichten würde. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 entschied sich die Bush-Regierung dann für eine Strategie der Vorwärtsverteidigung im Kampf gegen den Terrorismus und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Ganz der neuen Präemptionsdoktrin folgend, wurde Saddam Hussein gestürzt, um zu verhindern, daß der irakische Machthaber eines Tages Atomwaffen oder andere Massenvernichtungswaffen besitzen würde - auch wenn im Irak später nichts gefunden wurde, das nahegelegt hätte, daß eine unmittelbare Bedrohung bestand. Weniger Aufsehen erregt die "Proliferation Security Initiative", an der auch Deutschland beteiligt ist. Hier arbeiten elf Länder unter Führung Washingtons zusammen, um verdächtige Transporte zu Land, Wasser und in der Luft abzufangen.
Gleichzeitig setzt die amerikanische Regierung wieder stärker auf die Rüstungskontrolle. Erst in der vergangenen Woche hat der Präsident Vorschläge zu Änderung des Nichtverbreitungsvertrages gemacht. Dieses Abkommen gestattet nur Amerika, Rußland, China, Großbritannien und Frankreich den Besitz von Atomwaffen. Im Gegenzug für ihren Verzicht erhalten alle anderen teilnehmenden Staaten Technologie zur zivilen Nutzung der Kernenergie. Bush möchte nun, daß an Entwicklungsländer nur noch der nukleare Brennstoff für ihre Kernkraftwerke geliefert wird. Anlagen zur Urananreicherung oder Wiederaufarbeitung, aus denen sich auch Material zum Bombenbau gewinnen läßt, sollen nicht mehr exportiert werden. Auch will er, daß nur noch Staaten, die sich strengen Kontrollen durch die Internationale Atomenergiebehörde (Stichwort Zusatzprotokoll) unterziehen, Nukleartechnologie importieren dürfen.
Diese Vorschläge waren auch eine Reaktion auf den Fall des pakistanischen Atomwissenschaftlers Abdul Qadir Khan, der (angeblich ohne Wissen seiner Regierung) Nordkorea, Libyen und Iran beim Aufbau ihrer Atomanlagen behilflich war. In Europa hat Bush dafür Zustimmung erhalten. Ob die Entwicklungsländer Einschnitte beim Technologietransfer hinnehmen werden, bleibt aber abzuwarten.
Nikolas Busse Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.
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