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FAZ.NET-Spezial Papst-Tod Johannes Paul II.: „Vater und Lehrer“

03.04.2005 ·  Seit Jahren war Papst Johannes Paul II. von der Parkinson-Krankheit gezeichnet und rang um seine Amtsfähigkeit. Sein Pontifikat dauerte mehr als ein Vierteljahrhundert. Vielleicht war das zu lange. Für ihn selbst, für seine katholische Kirche und die Welt.

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Vielleicht waren 26 Jahre zuviel für einen Papst. Für ihn selbst, für seine katholische Kirche und für viele in der Welt, die auf ihn schauen. Vielleicht spürte das auch Karol Wojtyla selbst, der am 16. Oktober 1978, an diesem Donnerstag vor mehr als einem Vierteljahrhundert, zum Papst gewählt wurde, als 58 Jahre junger Kardinal, gesund und voller Lebenskraft. Als 84 Jahre alter Greis, von Gebrechen gezeichnet, erlebte er die letzte Monate seines Pontifikats.

Doch es ging für ihn nicht anders. Das hatte er in den vergangenen Jahren, da er um seine Amtsfähigkeit rang, immer wieder hervorgehoben mit der Berufung auf einen Höheren: „Wenn Gott es so will . . .“ Das war nicht eine fromme Bemäntelung von Altersstarrsinn, Machtgefühlen oder Nicht-loslassen-Können, sondern Überzeugung aus religiösem Glauben. Eine doppelte.

Tiefe Gewißheit und besondere Fügung

Karol Wojtyla, am 18. Mai 1920 in dem polnischen, zwei Jahre zuvor noch österreichisch-ungarischen Städtchen Wadowice, südwestlich von Krakau, geboren, trug als Papst von Anfang an eine tiefe Gewißheit in sich. Daß er im Oktober 1978 - im zweiten Konklave jenes Jahres nach dem erwarteten Tod von Paul VI. (seit 1963) und dem überraschenden von Johannes Paul I. (26. August bis 28. September) nach nur 33 Tagen Amtszeit - von den Kardinälen zum Oberhaupt der katholischen Kirche auserwählt worden war, als erster Pole und Slawe der Kirchengeschichte, konnte nicht Zufall gewesen sein.

Für Karol Wojtyla war es vielmehr eine besondere Fügung, eine gezielte Absicht Gottes, jenes hilfreichen christlichen Gottes, der sich in seinem Sohn Jesus von Nazareth, dem Gründer des Christentums und seiner Kirche, auf die Menschen und ihre Geschichte und Geschichten einläßt. Das mußte er also ganz persönlich gemeint annehmen. Dem mußte er deshalb mit der ganzen Kraft seiner Person entsprechen. Bis zum letzten. Was wiederum nicht in seiner Hand lag.

Deutliches Bibelwort

Wie könnte es anders sein, als daß dieser „Stellvertreter Jesu Christi“ und „Nachfolger des Apostelfürsten Petrus“, wie die päpstlichen Titel lauten, nicht immer wieder über jenes merkwürdige biblische Wort nachdenkt, das im Johannesevangelium, 21. Kapitel, steht. Dort gibt Jesus dem Petrus, der ihn liebt, den Auftrag: „Weide meine Schafe!“ Und fügt hinzu: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir. Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wohin du wolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst.“

Deutlicher auf sich persönlich gemünzt kann man ein Bibelwort nicht finden. So wußte auch Johannes Paul II., daß nicht er seinen Auftrag abbrechen kann. Das mußte nach seinem Verständnis, des Amtes und seiner selbst, ein anderer tun. So wollte er noch mit brechender, versagender Stimme lehren, daß Leben und Tod nicht zur Verfügung des Menschen stehen.

Vater und Lehrer

Lehren wollte er in diesen 26 Jahren immer. Man könnte sein Pontifikat abwandelnd in zwei Worte zusammenfassen, die der freundliche, den Menschen wohlgesinnte Johannes XXIII. (1958 bis 1963) im Titel einer Enzyklika für die Kirche fand, „Mater et Magistra“, Mutter und Lehrerin. Pater et Magister, Vater, wie schon der päpstliche Titel mit dem Zusatz „heilig“ lautet, und Lehrer wollte Johannes Paul II. sein.

Als Familie und Lerngemeinde hatten ihm die Kardinäle die katholische Kirche anvertraut. Also war die Aufgabe klar. Aber da diese Glaubensgemeinschaft groß war, nach Hunderten von Millionen zählte und in seiner Amtszeit die Milliarde weit übertreffen sollte, galt es hinauszugehen, Grenzen zu überschreiten, das Gespräch mit seinen Bischöfen und Gläubigen zu beleben, mit anderen Kirchen, anderen Religionen und Kulturen aufzunehmen.

Dabei wußte der ehemalige Erzbischof von Krakau, der mit Diktaturen groß geworden war, der die Verfolgungen der Nazis während des Zweiten Weltkrieges in Polen erlebt und die Abneigung der kommunistischen Machthaber gegen alles Religiöse und Kirchliche kennengelernt hatte, daß Väter und Lehrer nicht immer willkommen sind. Auch nicht immer in der eigenen Kirche. Und ebensowenig konnte man „draußen“ stets auf Zustimmung rechnen.

Zwei Leidenschaften

Zum Glück hatte Karol Wojtyla schon als Student in Krakau zwei Leidenschaften, wie er später selbst eingestand, für die Literatur und für das Theater. Als Schauspieler mit Naturtalent vereinte er beide. Er schrieb und trug vor, er las und stellte dar. So kennt ihn ein großer Teil der Menschen in den verschiedenen Weltengegenden nur als „transparenten“, meistkommunizierten Papst. Wegen der Intensität der persönlichen Amtsführung, die selbst in Alter und Krankheit die Mitteilung nicht scheut, ist das Papsttum durch Johannes Paul II. für eine lange Vergangenheit „besetzt“ und für eine geraume Zeit in der Zukunft geprägt wie nie zuvor.

Das alles fiel Johannes Paul II. nicht einfach in den Schoß. Wer die Bilder des jungen Papstes in den ersten Wochen und Monaten nach dem 16. Oktober 1978 betrachtet, findet eine gewisse Unsicherheit, fast Verlegenheit auf dem Gesicht Karol Wojtylas. Der Jubel der Massen, von Hunderttausenden und Millionen, verstand sich nicht von selbst. Die Zustimmung wuchs, in Italien und dann bei den internationalen Reisen, zuerst auf dem amerikanischen Doppelkontinent und schließlich in Polen, wo das feindliche kommunistische Regime dem Stolz über den Polen nichts entgegenzusetzen hatte.

Bilder und Zeitgeschichte

In den ersten drei Jahren - bis zum Attentat vom 13. Mai 1981 - wurde das Fundament für dieses wirkmächtige Papsttum gelegt, für das durch den Primat dominierende im Innern der Kirche und jenes nur durch Überzeugung beeindruckende nach „draußen“.

Der Inhalt, die Substanz dieses Vierteljahrhunderts - aufzuspüren in den unzähligen Predigten, Ansprachen, Enzykliken, feierlichen Lehr- und Mahnschreiben, auch in Gedichten und philosophischen Schriften - wird im Rückblick fast gänzlich überlagert von Bildern: die Triumphzüge durch Polen mit einer bedrückten kommunistischen Führung, der sowjetische Staats- und Parteichef Gorbatschow im Vatikan, der Gang mit Bundeskanzler Kohl durch das geöffnete Brandenburger Tor in Berlin, der Besuch in Auschwitz, in Hiroshima, an der Klagemauer zu Jerusalem.

Hans Küng: Präzedenzfall seines Pontifikats

Hand KüngJohannes Paul II. traf in der katholischen Kirche Entscheidungen: gelungene und mißglückte Bischofsernennungen, vorzeitige und verzögerte Kardinalserhebungen, die Verkündung eines neuen Kirchengesetzbuches, die Veröffentlichung des Katechismus und vieles mehr. Doch die Weichenstellung seines Pontifikats nahm Johannes Paul II. vor, als er im Dezember 1979 dem bekannten, gerade in den westlichen Ländern einflußreichen Schweizer Theologen Hans Küng die kirchliche Lehrerlaubnis an der Universität Tübingen entzog; das war eine deutliche Absage an die „weiche“, liberale, allesverstehende Theologie.

Zwei Jahre später wurde der Münchner Kardinal-Erzbischof Joseph Ratzinger Präfekt der „Glaubenskongregation“, des vatikanischen Verfassungsministeriums; damit war der politische Kurs einer Konsolidierung der katholischen Kirche in unverwechselbarem, christlich-scharfem Kontrast zu allem anderen vorgegeben.

Festhalten am „Gut-Katholischen“

Aber dieser Papst war nicht auf strikte Hierarchie als Antithese zur „bösen Welt“, zum „feindlichen andern“ zu reduzieren, weder in der Sexualmoral mit Geburtenregelung und Empfängnisverhütung noch in seiner Einstellung zur Frau, weder in seinem Beharren auf dem Zölibat, der Ehelosigkeit für Priester, noch in seinem allgemeinen Festhalten am „Gut-Katholischen“.

Das zeigte sich am auffälligsten an den insgesamt rund 1800 neuen Seligen und Heiligen. Seht her, war jeweils bei den feierlichen Zeremonien auf dem Petersplatz zu Rom und an vielen Orten in allen Kontinenten die Botschaft, wie diese und jene, eine Edith Stein in Nazi-Deutschland und ein Padre Pio in Italien, ihren Glauben gelebt haben. Daß Johannes Paul II. die albanische Ordensfrau Mutter Theresa von Kalkutta, die Friedensnobelpreisträgerin von 1979 als Vorbild christlicher Hingabe für den Nächsten empfehlen konnte, war für ihn Höhepunkt der Jubiläumswoche.

Niemand war von seiner Neugier sicher

Unermüdlich hatte Johannes Paul II. seine Kreise nach außen gezogen. Ob vom Vatikan aus oder bei den (nunmehr 102) Apostolischen Visiten, kein Papst vor ihm hat sich so oft, so unbekümmert, so folgenreich - wenn auch nicht immer erfolgreich nach seiner Absicht - in die „weltlichen Dinge“, in die Angelegenheiten anderer Kirchen und Religionen, Völker und Kulturen eingemischt wie Karol Wojtyla. Protestanten und Juden, Muslime und Buddhisten, niemand war vor der Neugier, dem Gesprächsangebot, dem Gemeinschaftsanspruch dieses Papstes sicher.

Auch da überschlagen sich die Bilder von den Premieren: Johannes Paul II. in der lutherischen Kirche, in der Synagoge, in der Moschee. Wer ihm die Dialogbereitschaft auf festem Grund im allgemeinen übelnimmt, muß froh darüber sein, wenn der Papst im besonderen die Muslim-Führer aufforderte, gegen Gewalt und Terror unter den Ihren zu predigen. Es wird wohl lange dauern, bis sich ein Pontifikat über 26 Jahre mit demselben Papst wiederholen wird. Und noch länger, bis wieder ein solcher Papst vor die Kirche und die Welt tritt.

Quelle: FAZ.NET mit Material von hjf.
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