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FAZ.NET-Spezial Ein wirklich Großer dieser Erde

04.04.2005 ·  Obwohl der Tod Johannes Pauls II. nicht unerwartet kam, erscheint jedes Urteil über sein Pontifikat voreilig. Erst langsam beginnen wir zu begreifen, wer uns abhanden gekommen ist. Wenn wir das verstehen, werden wir wissen, wer dieser Papst war. Ein FAZ.NET-Spezial.

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom
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Die Welt hält inne. Obwohl der Tod Johannes Pauls II. nicht unerwartet kam, erscheint jedes Urteil über sein Pontifikat voreilig, unangemessen. Zu bedrückend war das langsame Sterben vor aller Augen in den letzten Tagen. Die katholische Kirche denkt in weiten Zeiträumen. So sollte, so kann auch ihr Oberhaupt, das nun nach schwerem Leiden dahingegangen ist, gemessen werden. Alles aus diesem päpstlichen Leben kommt noch ungeordnet in den Sinn, die erbarmenswerte Schwäche zuletzt, die Kraft am Anfang, die Gebote und Warnungen, die Siege und Niederlagen in der gebändigten Vielfalt der römischen Weltkirche und ihres toten Pontifex.

Denn nach welchen Maßstäben soll man diesen Papst und seine Amtszeit von mehr als 26 Jahren beurteilen? Jeder wird seine eigene Elle anlegen: eine kurze, eine lange; eine politische oder eine religiöse; die des Protestanten oder des Protestierers; die des Gläubigen oder des Atheisten; des Deutschen, des Osteuropäers, des Kosmopoliten. Entsprechend fallen die Urteile aus. Wonach also messen? Vielleicht danach, ob Karol Wojtyla, 1920 als Pole geboren, im Alter von 44 Jahren zum Erzbischof von Krakau ernannt, mit 58 Jahren zum Papst gewählt, als Johannes Paul II. den Anforderungen seines Amtes gerecht wurde. „Bischof von Rom“, „Stellvertreter Jesu Christi“, „Nachfolger des Apostelfürsten“, „Oberster Priester der Universalen Kirche“ lauten die vornehmsten seiner Titel. Das Amt und der dahinterstehende Anspruch auf universale geistliche Führung sind einzigartig in der Welt.

In erster Linie der Oberste der katholischen Kirche

Karol Wojtyla wurde am 16. Oktober 1978 von den Kardinälen zum Papst gewählt, um eine Glaubensgemeinschaft von mehreren hundert Millionen Mitgliedern in verschiedenen Kontinenten und Kulturen zu leiten; eine religiöse Gemeinde, die seitdem die Milliardengrenze überschritten hat. Ein Papst ist in erster Linie der Oberste der katholischen Kirche. So will es ihre Verfassung seit Jahrhunderten. So ergibt es sich aus ihrem hierarchischen Aufbau. Der Papst ist ausersehen, die Kirche in geistlichen und moralischen Fragen zu führen. Dazu bestimmen die Purpurträger des Kardinals-Kollegiums einen aus ihren Reihen. Damals und bald wieder.

Gegen die Machtfülle des Papsttums kann sich Widerspruch regen. Und er erhob sich auch gegen Johannes Paul II. Laut und leise. Innerhalb der Kirche und außerhalb. Das ist angesichts dieses Anspruchs nur verständlich. Die Widerrede verkannte jedoch oft, daß ein Papst seinem direkten Auftrag gemäß nicht zunächst der liebenswürdigste Sprecher der Christenheit ist, nicht der beliebteste Dialog-Partner, nicht der leutselige Menschenfreund. Das sollte er vielleicht auch noch sein. Er ist jedoch vor allem Kirchenführer. Karol Wojtyla hat sich in diese Spannung gefügt - mit einem unverkrampften Amtsverständnis einerseits, aber auch mit unerbittlichem Anspruch auf Autorität.

Von Anfang an richteten sich auf Johannes Paul II. unterschiedliche Erwartungen. Die einen wollten in ihm den universalen Friedens-Apostel sehen, der die Bösen zum Schweigen und den Guten ihren Lohn bringt; der allein durch Proteste Kriegen Einhalt gebieten, Diktatoren zum demütigen Verzicht zwingen kann; der mit dem Zauberstab die Nöte der Menschen lindern, Ungerechtigkeiten beseitigen, Ungleichheiten aufheben kann. Andere wollten auch einen Papst, der zum Überlieferten steht, die Traditionen ehrt und zugleich mutig in die Zukunft schreitet; der die Kraft alter, bewährter Strukturen zu schätzen weiß, doch nicht zögert, die Zeichen der Zeit aufzunehmen und umzusetzen zum Besten der Menschen. Alles und das Gegenteil von allem?

Der erste Pole auf dem Heiliger Stuhl

Einem Polen wurde zum ersten Mal in der Geschichte die Führung des „Schiffleins Petri“ anvertraut, das in kunstvollen Darstellungen oft beängstigend zerbrechlich in den Stürmen der Zeit gezeigt wurde. Doch in Wirklichkeit erscheint die katholische Kirche eher wie ein Riesentanker, bei dem der Kapitän auf der Kommandobrücke viel falsch machen kann und der bei unvorsichtiger Handhabung gar die Hafenanlagen der Menschheit beschädigen kann. So viele Jahre wußte man, wer das Steuer dieses Schiffes in der Hand hält, wer die Botschaft des katholischen Christentums auf fast hundert internationalen apostolischen Reisen bis an die Grenzen einer grenzenlosen, doch immer engeren Welt trug. Jetzt, ohne ihn, wird vieles unsicherer.

Deshalb wäre es verfehlt, so schnell nach dem Tod eines wirklich Großen dieser Erde in Einzelheiten zu flüchten, dieses und jenes zu bemerken, anzukreiden, ungebührlich aufzublasen oder kleinlich zu schmälern. Das vorherrschende Gefühl ist das der Leere. Erst langsam beginnen wir zu begreifen, wer uns jetzt abhanden gekommen ist. Wenn wir das verstehen, werden wir wissen, wer dieser von 1978 bis 2005 regierende Papst war. Die Welt hat einen großen Gerechten verloren. Johannes Paul II., der die Menschen liebte, wird der Menschheit fehlen.

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