25.08.2002 · Bühne frei für Kanzler Schröder und seinen Herausforderer Stoiber. Ein FAZ.NET-Spezial zum ersten TV-Duell zwischen Kanzler und Kandidat in der deutschen Fernsehgeschichte.
Von Stephan Hütig„Bild, Bams und Glotze“, das waren für Bundeskanzler Gerhard Schröder die maßgeblichen Kanäle, um die Vorzüge seiner Politik zu vermitteln. Nicht erst seit den jüngsten Angriffen seines Generals (“Einpackpapier“) und seiner Gattin (“Schmutzjournalismus“) gegen die Bildzeitung muss Schröder auf den Springer-Boulevard in diesem Wahlkampf verzichten. Umso mehr baut der Kanzler auf seine Strahlkraft im Fernsehen, wenn er am Sonntagabend beim ersten deutschen TV-Duell auf seinen Herausforderer Edmund Stoiber trifft. Doch auch für den Kanzler ist der Schlagabtausch bei RTL und SAT.1 nicht frei von Risiko.
Es war Schröder, der den Kandidaten aufforderte, sich vor laufenden Kameras mit ihm zu messen, „egal ob sitzend oder stehend“. Aus den Worten von Stoibers Berater Michael Spreng spricht dann auch eine gewisse Sorge, wenn er behauptet, „die Bedeutung des Fernsehduells wird überschätzt“. Spreng stapelt tief, trotz der überbordenden Erwartungshaltung eines Millionenpublikums. „Die Leute werden nicht wegen eines Fernsehduells ihre Meinung grundsätzlich ändern“.
Neue Argumente erwartet niemand
Sein Widerpart, SPD-Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig, sieht das anders. Weil sich die Menschen noch einmal einen unmittelbaren Eindruck verschaffen könnten, werde das TV-Duell ein „wichtiger Moment im Wahlkampf sein“.
Spreng betont, Stoiber werde sich „sorgfältig und professionell vorbereiten“. Aus der Kampa heißt es lapidar und siegesgewiss, Gerhard Schröder habe „die Themen präsent.“ Dafür sind in dem 75-minütigen Duell je maximal sieben Minuten eingeplant.
Es soll um die großen Sachtgebiete gehen wie Arbeitslosigkeit, Konjunkturkrise, Steuerbelastung, innere Sicherheit oder die Folgen der Flutkatastrophe. Zwar wollen die Moderatoren Peter Kloeppel (RTL) und Peter Limbourg (SAT.1) bis zuletzt an den Fragen feilen. Neue Argumente oder gar überraschende Positionen erwartet von den jeweils 90 Sekunden dauernden Antworten aber niemand.
Hart an der Grenze zur Arroganz
Weil Fernsehen den Zuschauer weit stärker über den Bauch erreicht als über den Kopf, könnte am Ende das Persönliche, der Human Touch, den Ausschlag geben. Wer wirkt souveräner, wer sympathischer? Das Verhältnis der Kontrahenten hat sich jedenfalls in den vergangenen Wochen und Monaten spürbar abgekühlt. Zwischen dem aufmüpfigen SPD-Ministerpräsidenten Schröder und dem rebellischen CSU-Ministerpräsidenten Stoiber herrschte vor Jahren noch ein Klima gegenseitiger Wertschätzung. Seit der Nominierung Stoibers im Januar sank die gefühlte Zuneigung folgerichtig; in der heißen Wahlkampf lassen beide Politiker spüren, wie wenig sie vom Gegner halten.
Im jüngsten Printduell bewegte sich der Kanzler auf einem auffälligen Konfrontationskurs. Beim Versuch, den im Wahlkampf eher konturlosen Stoiber festzunageln, schrammte der Kanzler gelegentlich hart an die Grenze zur Arroganz. Die Berater Stoibers hegen daher vor allem die Hoffnung, Schröder werde das Opfer seiner vermeintlichen Überlegenheit: Sollte sich Stoiber einigermaßen achtbar aus der Affäre ziehen, so die Kalkulation, könnten einige Zuschauer dies eher als einen Sieg des Bayern wahrnehmen.
Gerade weil sich keiner der Bewerber vor laufenden Kameras offene Aggression erlauben darf, kann sich der Zuschauer am Sonntag zumindest auf das Kleine und Große Einmaleins der gepflegten Missachtung gefasst machen.