20.07.2004 · Bei den Feierlichkeiten zum 20. Juli hat Bundeskanzler Gerhard Schröder den Widerstand gegen die Nazi-Diktatur als „großartiges Vermächtnis“ gewürdigt. FAZ.NET-Spezial zum Attentatsversuch auf Adolf Hitler vor 60 Jahren.
Von Rainer BlasiusSelbst wenn das Attentat geglückt, der Staatsstreich gelungen wäre: Die Männer des 20. Juli konnten nicht einmal damit rechnen, daß die Alliierten mit ihnen verhandelt hätten.
Allerdings maßen Amerika und Britannien die Glaubwürdigkeit des deutschen Widerstandes an dessen Handeln; der britische Außenminister Eden brachte das am 8. Mai 1942 - genau drei Jahre vor dem totalen Zusammenbruch des „Dritten Reiches" - unmißverständlich und öffentlich zum Ausdruck:
„Je länger das deutsche Volk die Unterstützung und Tolerierung eines Regimes fortsetzt, das es in die Zerstörung führt, desto schwerer wiegt seine eigene direkte Verantwortung für den der Welt zugefügten Schaden. Wenn irgendeine Gruppe im deutschen Volk wirklich zu einem Staatswesen zurückkehren möchte, das auf der Achtung vor dem Gesetz und den Rechten des einzelnen gegründet ist, dann muß sie verstehen, daß niemand ihr glauben wird, bis sie aktive Schritte unternommen hat, um sich vom derzeitigen Regime zu befreien."
Ohne verbindliche Versprechen der Alliierten
Demgegenüber bemühten sich die "Außenpolitiker" unter den deutschen Hitler-Gegnern bei ihren Geheimkontakten über Jahre hinweg um das Verständnis und die Unterstützung des Auslands in Form konkreter Zusagen an eine Nach-Hitler-Regierung. Solcher Zusagen bedurfte es aus der Sicht der Regimegegner, damit die behäbigen Oberbefehlshaber überhaupt für einen Staatsstreich zu erwärmen waren, weil denen nur durch einen "Preis" der Bruch des - immer wieder als Vorwand vorgeschobenen - Eides auf Hitler akzeptabel erschien.
Die Anfang 1943 in Casablanca verkündete Formel von der „bedingungslosen Kapitulation" machte jede Aussicht auf einen Kompromißfrieden zunichte. Allerdings hieße das keineswegs - so Churchill am 22. Februar 1944 -, daß das deutsche Volk "versklavt oder vernichtet" würde. Ohne verbindliche Versprechen der Alliierten und bei desaströser militärischer Lage zündete Claus Schenk Graf von Stauffenberg dann am 20. Juli im "Führerhauptquartier" die Bombe.
Unpopulärer Umsturzversuch
Denn sein diplomatischer Berater Adam von Trott zu Solz hatte die Verschwörer wenige Tage zuvor in der von Generalmajor Henning von Tresckow geforderten Grundannahme bestätigt, daß es für das Ansehen und die Zukunft Deutschlands in Europa jetzt nur noch auf den Versuch ankomme, dem offenkundig bedingungslosen Gehorsam der meisten Deutschen gegenüber ihrem "Führer" sichtbar etwas entgegenzusetzen.
Anfang der fünfziger Jahre stand insbesondere der tragisch gescheiterte militärische Widerstand gegen Hitler in der Bonner Republik in jenem Spannungsverhältnis zu all den "Eidhaltern", die jene wenigen "Eidbrecher" nicht nur als Hochverräter, sondern wegen ihrer Kontakte zu den Alliierten wider besseres Wissen als Landesverräter "im Solde des Auslands" beschimpften. Für den Großteil der Deutschen war der Umsturzversuch unpopulär geblieben.
Als sich schließlich die Regierung Adenauer offiziell am 2. Oktober 1951 hinter die "Männer und Frauen des 20. Juli" stellte, weil gerade sie den Beweis erbracht hätten, "daß nicht die Gesamtheit des deutschen Volkes dem Nationalsozialismus verfallen war", befand sich ein kleiner Entschuldigungssatz für die gesamte Wehrmacht in der Erklärung: „Wir wissen, daß viele insbesondere der Soldaten an der Front das Hitlersystem und seine verderbenbringende Politik nicht durchschauen konnten."
„Denkende Soldaten"
Wenige Monate später wurde in einem vielbeachteten Prozeßgutachten zwischen den „Nur-Soldaten", die das Attentat aus Gründen des soldatischen Gehorsams und der „bedingungslosen" Eidestreue ablehnten, und jenen „denkenden Soldaten" unterschieden, die zu der Auffassung kamen, „daß ein Eid unter besonderen, ganz außergewöhnlichen Gegebenheiten seine Begrenzung finden" dürfe: "Beide Standpunkte haben ihre volle Berechtigung."
Heutzutage stehen die "denkenden Soldaten" bei der Bundeswehr und der Bevölkerung in hohem Ansehen. Fast dreiviertel der Deutschen sollen mittlerweile die Tat vom 20. Juli wegen ihrer symbolischen Bedeutung achten und achtzig Prozent der Schüler sogar mit dem Namen Stauffenberg etwas anfangen können.
Dieses positive Bild des „Aufstands der Offiziere", bei dem die Leistungen der für die Nachkriegszeit planenden Zivilisten (leider) allzu stark in den Hintergrund getreten sind, korrespondiert allerdings nicht mit dem in den europäischen Nachbarstaaten; dort interessiert man sich allenfalls für Hitler.
Dabei hatte die Bundesrepublik seit ihrer Gründung in einer Art selbstempfundener Kollektivschuldabwehr stets den größten Wert darauf gelegt, auch durch das Bekenntnis zum „anderen Deutschland" in den Kreis der zivilisierten Nationen zurückgekehrt zu sein. Diesbezüglich stellte Bundespräsident Heuss zum zehnten Jahrestag des 20. Juli noch allzu optimistisch über die Widerstandskämpfer fest: „Die Scham, in die Hitler uns gezwungen hatte, wurde durch ihr Blut vom besudelten deutschen Namen wieder weggewischt."
„Retter in Uniform"
Wenn es nach nunmehr sechzig Jahren überhaupt in den vormals besetzten Staaten, in denen das schreckliche Geschehen des Zweiten Weltkriegs nicht vergessen ist, so etwas wie Lichtgestalten aus der Wehrmacht geben kann, so lassen sich diese weniger bei den mutigen, auf den Regimesturz setzenden, aber auch vereinzelt in die "Verbrechen im Osten" verstrickten Offizieren des 20. Juli finden.
Viel naheliegender - auch räumlich - sind für das Ausland beispielsweise jene "Retter in Uniform", die wie der Feldwebel Anton Schmid oder der Reservehauptmann Wilm Hosenfeld als Besatzer unter Einsatz ihres Lebens rassisch und politisch Verfolgten halfen. Sie verfügten weder über den Willen noch über die Möglichkeit, das "Dritte Reich" zum Einsturz zu bringen. Aber sie nutzten, trotz Eid und Gehorsam, ihre Handlungsspielräume, auch ihre dienstlichen. Dafür gebühren dem erst in jüngster Zeit näher untersuchten "Rettungswiderstand", den es auch in Deutschland gab, ebenso wie den "Rettern der deutschen Ehre" der Dank und die Anerkennung der Miterlebenden und Nachgeborenen.
Rainer Blasius Jahrgang 1952, Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.
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