http://www.faz.net/-gpf-796s4

FAZ.NET-Frühkritik: Maybrit Illner : Rolle vorwärts

  • -Aktualisiert am

Die Forderung eines heutigen Demonstranten nach Sicherheiten von gestern wird künftigen Generationen wohl nur noch ein müdes Lächeln abringen Bild: dpa

Zwischen dem Halbfinale und dem Finale des „Grand Prix Eurovision“ gelang Frau Illner ein bemerkenswertes Stück Journalismus. Es ging um die Rente.

          Bisweilen wird beklagt, es habe sich trotz des Zusammenbruchs der Finanzmärkte seit August 2007 kaum etwas verändert. Die Diskussionen verliefen wieder in den alten Bahnen und Konsequenzen wären kaum gezogen worden. Diese Sichtweise wird zumeist geprägt von der Eurodebatte, die aber kaum als Maßstab betrachtet werden kann. Zu sehr haben wir es hier mit einer Thematik zu tun, die ökonomische und politische Sichtweisen in einzigartiger Weise miteinander verbindet. Die Zukunft des Euro betrifft eben mehr als nur die Wirtschafts- oder Währungspolitik. Die europäische Integration hat zudem die Grenzen zwischen Außen- und Innenpolitik obsolet werden lassen, völlig unabhängig davon, wie man die Zukunft des Euro beurteilt. Es ist tatsächlich ein historisch neuer Sachverhalt, um den es in dieser Debatte geht. Insoweit kann es auch keine Vorläufer dafür geben.

          Kein Stück aus dem Referat „Agitation und Propaganda“

          Wer die Veränderungen in der innenpolitischen Debatte beurteilen will, sollte sich eine Sendung der bis Juli 2007 ausgestrahlten Talk-Show von Sabine Christiansen ansehen – und die mit der gestrigen Sendung von Maybrit Illner vergleichen. „Zu wenig, zu spät, zu ungerecht - reicht die Rente morgen noch zum Leben?“, so war ihr Thema. Frau Christiansen hatte im Jahr 2006 die Erhöhung des Renteneintrittsalters völlig ignoriert. Sie ließ dafür lieber am 30. Oktober 2005 über die Frage diskutieren: „Melkkuh Sozialstaat – sind wir ein Volk von Abzockern?“ Wo bei Frau Christiansen die üblichen Verdächtigen saßen, zumeist garniert mit einem „linken“ Feigenblatt, hat Frau Illner gestern Abend Menschen in ihre Sendung eingeladen, die damals unter der Wahrnehmungsschwelle der Öffentlichkeit geblieben waren. Wen wundert es dann, dass die Sendung gestern Abend so anders verlief als die zu Frau Christiansens Zeiten? Es war tatsächlich Journalismus und kein Stück aus dem Referat „Agitation und Propaganda“, nur halt damals schon gesamtdeutsch und aus Fernsehgebühren der ARD bezahlt.

          „Eine Currywurst, aber ohne Pommes“

          Das lag auch daran, dass mit der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden, Manuela Schwesig, und dem stellvertretenden Vorsitzenden der Unionsfraktion im Bundestag, Michael Fuchs, nur zwei Spitzenpolitiker vertreten waren. Beide hatten einen schweren Stand. Mussten sie doch die Folgen einer Politik vertreten, die sie zuletzt in der großen Koalition bis 2009 selbst auf den Weg gebracht hatten. Die Fakten lassen sich nicht bestreiten: In der Gesetzlichen Rentenversicherung hat es seit dem Jahr 2000 für die heutige Rentner-Generation beispiellose reale Einkommenseinbussen gegeben. Der „Senioren-Aktivist“, so nannte Frau Illners Redaktion ihren Gast Walter Bromberger, bezifferte den Kaufkraftverlust auf acht Prozent, womit er allerdings noch optimistisch war. Die Bundesregierung selbst hatte ihn schon im vergangenen Jahr für den Osten auf 22 Prozent und für den Westen auf 17 Prozent beziffert.

          Die Rentenerhöhung von 0,25 Prozent im Westen, auf Basis von Brombergers Rente der Gegenwert „einer Currywurst, aber ohne Pommes“, hat übrigens eine Ursache. In diesem Jahr werden die während der großen Koalition ausgesetzten Rentenkürzungen kompensiert, die damals nach der aktuellen Rentenanpassungsformel eigentlich nötig gewesen wären. Aber damit ist die Dramatik des Umbaus der Rentenversicherung noch unzureichend beschrieben. Vor allem der Journalist und Autor, Holger Balodis, machte deutlich, wie die zahllosen Reformen der vergangenen Jahrzehnte die Ansprüche der zukünftigen Rentnergeneration reduziert haben. Es ist tatsächlich nicht mehr die Frage, ob es Altersarmut geben wird, sondern wer davon nicht betroffen sein wird.

          Weitere Themen

          Der wahre Sieger der Bundestagswahl

          SPD : Der wahre Sieger der Bundestagswahl

          So ein bisschen freuen sich die Sozialdemokraten über das katastrophale Ergebnis der Bundestagswahl. Endlich sind sie die Union los. In der Opposition soll alles besser werden.

          Erste Schritte im Bundestag Video-Seite öffnen

          Neu Denken : Erste Schritte im Bundestag

          Der neue Bundestag umfasst die Rekordzahl von 709 Abgeordneten - viele sitzen zum ersten Mal im Parlament. Daniela Kluckert ist eines dieser neuen Gesichter. Die FDP-Abgeordnete für Berlin-Pankow berichtet vom Alltag einer neuen Abgeordneten.

          Eine Frau will nach oben

          „Tatort“ aus Bremen : Eine Frau will nach oben

          Der Bremer „Tatort“ fährt nur weibliche Verdächtige auf. Sie wirken wie Figuren aus dem Klischee-Bilderbuch. Das Frauenbild ist nicht gerade auf der Höhe der Zeit, um es vorsichtig zu sagen.

          Die Anti-AfD-Demo, die keine sein will Video-Seite öffnen

          Berlin : Die Anti-AfD-Demo, die keine sein will

          Zahlreiche Menschen sind in Berlin auf die Straße gegangen, um gegen Rassismus und Hass im Bundestag zu demonstrieren. Es sei keine Demonstration gegen die AfD, so einer der Initiatoren. Dennoch nutzten Teilnehmer die Gelegenheit, um ihren Unmut gegen die Partei zu äußern.

          Topmeldungen

          FDP zurück im Parlament : Der Wunder-Lindner

          Die FDP ist wieder da, und schon in den wenigen Tagen seit der Wahl vermittelt sie den Eindruck, es gehe Freien Demokraten immer nur um das eine: um sie selbst. Und um ihren Vorsitzenden.

          Geisteszustand des Präsidenten : Ist Donald Trump verrückt?

          Etliche Psychiater in den Vereinigten Staaten machen sich Sorgen um den Geisteszustand von Präsident Donald Trump. Dessen Verhalten ist zwar grenzwertig. Doch spiegelt es vor allem die Gesellschaft wider, die ihn an die Macht befördert hat.
          Pforte zur Vorhölle: Das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz II-Birkenau

          Holocaustforscher Raul Hilberg : Wie die Tötungsmaschine funktionierte

          Fast im Alleingang hat Raul Hilberg ein Forschungsfeld begründet, das man heute Holocaust-Studien nennt. Dabei war sein Standardwerk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ lange Zeit zu wahr, um übersetzt zu werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.