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FAZ.NET-Countdown : Schreiende Chancen und ein Pakt mit dem Teufel

  • -Aktualisiert am

Ärmel hoch, es ist schließlich Wahlkampf: Martin Schulz vergangene Woche in Frankfurt. Bild: Reuters

SPD-Kanzlerkandidat Schulz bäumt sich gegen die eigene Verzweiflung auf, doch seine Themen zünden nicht. Und, während es in Deutschland kuschelig zugeht, begibt sich die Kanzlerin auf eine schwierige Reise. Der FAZ.NET-Countdown am Morgen.

          Plötzlich wittert Martin Schulz wieder Hoffnung. Ist es ein Aufbäumen gegen die Verzweiflung, die den Kandidaten plagen muss, nachdem seine Partei in den Umfragen auf das Gabriel-Niveau abgesackt ist? Die Unentschiedenen haben es ihm angetan und tatsächlich hatte eine Allensbach-Untersuchung im Auftrag der FAZ vergangene Woche ergeben, dass es in den vergangenen 20 Jahren noch nie so viele unentschlossene Wähler kurz vorm Urnengang gab. Fast die Hälfte der deutschen Wahlbürger weiß noch nicht, was sie wollen: Eine schreiende Chance für jeden Kandidaten.

          Aber wie sie verwandeln? Im gestrigen Sommerinterview ging es Schulz wiederholt um zwei Kernthemen: Die abgehobene Kanzlerin, das ungerechte Land. Doch mit der Gerechtigkeit ist es so eine Sache. Zwar sagt die überwiegende Mehrheit der Deutschen, das es nicht gerecht zugehe im Lande. Gleichzeitig aber sind weniger als zehn Prozent mit ihrer persönlichen Lage unzufrieden, hatten noch nie sowenig Menschen Angst vor dem sozialen Abstieg, verlieren Gewerkschaften nach wie vor rapide an Mitgliedern. Wenn die persönliche Stimmung so gut ist, kann die abstraktere Gerechtigkeitsfrage kaum Emotionen entfachen. Was auch immer die SPD derzeit versucht, ihre Themen wollen einfach nicht zünden.

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          Und die abgehobene Kanzlerin? Sie konterte die Attacken ihres Herausforderers mit gewohnter Ruhe im ZDF. Was Schulz verzweifelt als Langeweile des „Weiter so“ brandmarken möchte, werten andere als Erfahrung, und die ist derzeit auf internationalem Parkett wichtiger denn je. Während es in Deutschland kuschelig zugeht, brodeln drum herum die Weltkonflikte. Heute ist Merkel wieder in Sachen Flüchtlingspolitik unterwegs. Es geht nach Paris zu einem kleinen Afrika-Gipfel, um die Zusammenarbeit der europäischen Partnerländern zu verbessern und mit afrikanischen Mittelmeerstaaten ein Stopp der Massenflucht zu bereden.

          Dabei sind raubeinige Gestalten, wie der Vorsitzenden des Präsidialrates Libyens, Fayez al Sarradsch, gegen dessen Küstenwache sich die Vorwürfe häufen, sie würde die Rettung Ertrinkender verhindern. Doch wer ernsthaft die Zuwanderung kontrollieren will, muss bereit sein zum Pakt mit den Teufeln: Den Erdogans, den al Sarradsches und vielen anderen. Jeder muss die Zukunft mit sich selbst ausmachen: Die Menschlichkeit gerät in eine Dauerkrise, an den Grenzen Europas wird es sehr hässlich zugehen.

          Was sonst noch wichtig wird

          Der Glaube an den Trump-Boom verdünnisiert sich langsam. Wall Street Insider verkaufen massiv die Aktien der Unternehmen, für die sie verantwortlich sind, insbesondere die Manager großer amerikanischen Banken. Banken gelten stets als ein machtvoller Stimmungsindikator, nun zeigen ihre Chefs ihre wahren Gefühle, selbst wenn  die Analysten in ihrem Auftrag immer wieder den Kauf von Finanzaktien empfehlen. „Two-faced“ nennen die Amerikaner das.

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          Präsident Trump will das nächste Thema gegen den zunehmenden Eindruck positionieren, er bringe nichts zustande. Mitte der Woche, so hatte es einer seiner Berater am Freitag der Financial Times verkündet, will er das Thema Steuerreform nach oben ziehen, mit aller Macht. Massive Erleichterungen für Unternehmen, eine Vereinfachung der Gesetze für die Bürger. Gleichzeitig allerdings muss noch die Mexiko-Mauer finanziert werden, höhere Militärausgaben und im übrigen der extrem teurer Lebenswandel des Präsidenten selbst. Schon jetzt droht dem Land mal wieder der Shut Down, wenn nicht die Schuldengrenze Anfang September angehoben wird. Das Thema Steuersenkungen könnte bei den anliegenden Budgetverhandlungen ein ähnliches Schicksal erleiden wie die versuchte Reform der Gesundheitsreform: Zerfetzt zwischen den Fraktionen der Republikaner.

          Was sich zu lesen lohnt

          Ich möchte Ihnen einen ganz besonderen Text aus der F.A.Z. ans Herz legen, den Aufmacher des Feuilletons: Eine schonungslose Analyse des heutigen Russlands, aus der Tastatur des russischen Science-Fiction-Autors Dmitry Glukhovsky („Metro 2033“). Es ist eine Abrechnung mit einem Staat, dessen Strukturen durch und durch korrupt geworden sind, der die Freiheit mit den Füßen tritt und seine künstlerischen Talente kaltstellt. Lesen Sie auf FAZ PLUS oder im E-Paper weshalb Russlands Staatsmacht Kirill Serebrennikow verhaftet hat, den bedeutendsten, erfolgreichsten und im Westen bekanntesten Regisseur des Landes – und was all das über jenes Land aussagt, dessen Gravitation den deutschen Ex-Kanzler Gerhard Schröder in eine immer engere Umlaufbahn führt. Ein nachdenklicher Text zum Start in eine nachdenkliche Woche.

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