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FAZ.NET-Countdown : Unser Woodstock

Andrea Nahles (l.) und Angela Merkel vor Beginn einer Kabinetssitzung im Kanzleramt Bild: dpa

Die wilden Wochen ohne Regierung sind vorbei: Die SPD-Mitglieder haben der großen Koalition ihren Segen gegeben. Zeit, eine bekannte zynische Parole einmal ganz unzynisch zu nutzen.

          Erinnern Sie sich noch an die wilden Zeiten, als wir keine Regierung hatten? Als es keine Regeln mehr gab, als wir nachts auf den Straßen tanzten, als wir frei waren? Nicht? Na kommen Sie, lassen Sie es uns wenigstens in ein paar Jahren so erzählen – in Woodstock war es doch bestimmt auch nur nass, kalt und dreckig. Während die Achtundsechziger heute nur noch wütende Tweets über Alexander Dobrindt schreiben, sind auch bei uns die wilden Zeiten bald wieder vorbei: Die SPD-Mitglieder haben der großen Koalition ihren Segen gegeben, am 14. März soll Angela Merkel zum vierten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt werden.

          Überhaupt, Merkel. Die Erzählung, dass sich die Politiker nach der Bundestagswahl im September in Arbeitsverweigerung geübt hätten, während Richter, Beamte und Müllmänner heldenhaft das Land am Laufen hielten, ist bei einem Blick auf das Arbeitspensum der Kanzlerin absurd: Nach dem kräftezehrenden Wahlkampf verhandelte Merkel erst wochenlang mit (wenn wir uns recht erinnern) 347 Grünen und Christian Lindner, schüttelte sich nach dessen Abgang kurz, und schaffte es dann, eine implodierende SPD noch auf die Regierungsbank zu führen – ohne dabei von ihren parteiinternen Kritikern gestürzt zu werden.

          Zurück bleiben mal wieder zahlreiche gescheiterte Alpha-Männer, zum Beispiel CSU-Chef Horst Seehofer, dessen Partei am Montag bekannt geben will, wer für sie Minister in Berlin wird – und damit aus dem „Paradies Bayern“ (Seehofer) vertrieben wird (Seehofer). Bei der SPD brauchen sie für die Klärung der Ministerfragen – Sie ahnen es – noch ein paar Tage länger.

          Während Martin Schulz damit nichts mehr zu tun hat und durchatmen kann, geht für Merkel die Arbeit immer weiter: Sie muss nicht nur ihre Partei erneuern, es wartet auch eine lange To-do-Liste im Koalitionsvertrag darauf, abgearbeitet zu werden, wie F.A.Z.-Herausgeber Berthold Kohler in seinem Leitartikel schreibt. Vielleicht ist es trotzdem ein guter Moment, mal kurz innezuhalten und die zynischste aller Parolen ganz unzynisch zu nutzen: Danke, Merkel!

          Man merkt: Frühlingsgefühle können für Geister, die kritisch sein sollen, gefährlich sein. Aber am Sonntag schien in Frankfurt nun mal die Sonne, die eisige Kälte war endlich weg, die Vögel zwitscherten und ein Mann spielte – kein Witz – in einem Hauseingang im Treppenhaus Klavier. Und als dann klar wurde, dass sich die Schweizer nicht von Populisten und die SPD-Mitglieder nicht von den Jusos verführen ließen – wollte man doch ausnahmsweise mal alles Schlechte ausblenden und mit Rapper „Ice Cube“ sagen: „It was a good day.“

          Was sonst wichtig ist

          In Italien, da sind wir schon wieder bei den schlechten Nachrichten, führte bei den Parlamentswahlen kein Weg an den Populisten vorbei. FAZ.NET-Kollegin Anna-Lena Rippberger wird für uns am Montag weiter aus Rom berichten, wie das offizielle Endergebnis ausfällt und was es für Folgen hat. Eine tapfere Mannschaft aus FAZ.NET-Kolleginnen hat sich für Sie außerdem die Nacht um die Ohren geschlagen, um zu berichten, was bei den Oscars in Los Angeles los war. „The Shape of Water“ ist der Gewinner des Abends.

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          Ganz Europa wird in dieser Woche weiter auf die Slowakei blicken: F.A.Z.-Korrespondent Stephan Löwenstein beschreibt, wie sich dort nach dem Mord an einem Journalisten die Stimmung gegen Ministerpräsident Fico wendet – auch wenn der sich als oberster Aufklärer inszeniert. Aus China berichtet Friederike Böge über den Nationalen Volkskongress, der am Montag zusammentritt, um Präsident Xi Jinping eine Machtposition auf Lebenszeit zu sichern. Gut findet das ausgerechnet Donald Trump.

          Der bekommt heute in Washington Besuch von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Wenn Sie wissen wollen, wie katastrophal die Stimmung im Weißen Haus ist, empfehle ich Ihnen noch dieses Stück aus der „Washington Post“ vom Wochenende. Mit 22 zum Teil fassungs- und ratlosen Insidern haben die Reporter über einen amerikanischen Präsidenten gesprochen, der zunehmend außer Kontrolle ist. Das Fazit: „Es sind dunkle Tage im Weißen Haus“.

          Bei uns, wir bleiben dabei, wird es jetzt hoffentlich immer heller und wärmer.

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          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

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