18.07.2004 · Familienministerin Renate Schmidt sieht die Gefahr, daß unsere Gesellschaft in zwei Teile zerfällt: Kinderlose mit hohem Einkommen und Arme mit Kindern. Die Ministerin im Interview zu berufstätigen Müttern, armen Familien und vernachlässigten Kindern.
Familienministerin Renate Schmidt sieht die Gefahr, daß unsere Gesellschaft in zwei Teile zerfällt: Kinderlose mit hohem Einkommen und Arme mit Kindern. Die Ministerin im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu berufstätigen Müttern, armen Familien und vernachlässigten Kindern.
Frau Ministerin, nach klassischen Maßstäben sind Sie eine Rabenmutter: eine, die auch gearbeitet hat, als ihre Kinder klein waren. Trifft der Vorwurf zu?
Das Wort Rabenmutter gibt es nur in Deutschland. Lebensläufe kennen unterschiedliche Phasen. Auch Phasen, in denen man zum Beispiel in Besprechungen aufsteht, wie ich es oft genug getan habe, weil meine Tochter heulend angerufen hat, um zu erzählen, was für eine "Katastrophe" gerade wieder passiert ist. Da habe ich um halb vier gesagt: Meine Herren, wir setzen die Besprechung morgen früh fort. Ich werde zu Hause gebraucht. Und das ist akzeptiert worden...
Weil Sie die Chefin waren?
Mine Kinder hatte ich ja auch schon als Nicht-Chefin. Nein: Ich habe genommen, aber ich habe auch gegeben. Das ist über einen Zeitraum von zehn, zwölf Jahren notwendig, wenn man Kinder erzieht. Es gibt schließlich auch wieder Zeiten, in denen man vollen Einsatz geben kann und nicht schaut, ob es 22 oder 23 Uhr ist. Da macht man sein Ding, weil man auch Lust darauf hat. Und man hat um so mehr Lust darauf, je mehr einem das Unternehmen in den anderen Phasen entgegengekommen ist. Ein solches Geben und Nehmen nutzt beiden Seiten.
Häufig wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen Berufstätigkeit von Müttern und vernachlässigten Kindern. Ist das gerechtfertigt?
Natürlich brauchen Kinder Zeit mit ihren Eltern, und Eltern brauchen Zeit für ihre Kinder. Aber zu behaupten, daß Mütter, die erwerbstätig sind, für ihre Kinder weniger Zeit aufwenden, als diejenigen, die es nicht sind, ist schlicht und einfach eine Lüge. Mütter, die erwerbstätig sind, knabbern das an der Zeit für sich selbst ab. Sie haben vielleicht ein etwas lockeres Verhältnis zur Haushaltsführung. Ich gehöre zu diesen Müttern.
Ist denn am Kabinettstisch öfter noch von "Gedöns" die Rede, wenn es um Ihr Ressort geht?
Das ist vorbei. Ich halte es für einen der größten Erfolge meiner Amtszeit, daß der Bundeskanzler inzwischen zum Beispiel in seiner Regierungserklärung Ende März zweieinhalb Seiten dem Thema Betreuung der Kinder, Tagesmütter und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewidmet hat.
Draußen im Land aber hört man täglich Klagen von Lehrern und Erziehern: über Kinder, die ohne Frühstück in der Schule erscheinen, Kinder, die zu Hause keine Familienmahlzeiten mehr erleben, Kinder, die keine Umgangsformen kennen: Haben Eltern das Erziehen verlernt?
Ja. Oder besser: Sie haben es nicht mehr ausreichend gelernt. Es geht nicht nur um die Zubereitung von Mahlzeiten, sondern darum: Wird in Familien noch ausreichend kommuniziert? Vielfach nicht. Da müssen wir gegensteuern.
Warum war Erziehung früher denn so viel leichter?
Was blieb uns denn anderes übrig als Würfelspiele, um mal gegenzufragen? Heute sind Eltern einer irrwitzigen Anzahl von Angeboten ausgesetzt, und damit werden sie selbst schon kaum fertig. Geschweige denn, daß sie in der Lage wären, Pilot zu sein, um ihre Kinder durch diesen Dschungel zu leiten und trotzdem noch Zeit zu haben, miteinander zu reden, zu spielen, zu erzählen oder etwas zu unternehmen. Und dann werden Kindern im Vorschulalter Fernseher ins Kinderzimmer gestellt, in einem Alter, in dem sie zwischen Realität und Fiktion nicht unterscheiden können. Das grenzt für mich an Körperverletzung.
Aus Studien haben wir erfahren, daß Trainingskurse für Eltern die Situation verbessern können. Wollen Sie jetzt alle Eltern in die Elternschule schicken?
Das könnte ich gar nicht. Aber ich kann versuchen, bestimmte Dinge anzustoßen. So plädiere ich dafür, daß wir uns beispielsweise in Schulen mit Fragen beschäftigen wie: Was kommt auf euch zu, wenn ihr Kinder habt, was bedeutet Partnerschaft und Erziehung?
Das wirkt sich allerdings erst in zwanzig Jahren aus.
Richtig. Das ist nur der eine Teil. Der zweite ist, daß wir den Eltern heute die Fähigkeit vermitteln, ihre Kinder zu erziehen, und da ist es wichtig, möglichst niedrigschwellige Angebote zu machen. Die meisten Eltern, so hat es eine Studie von Professor Friedrich Lösel ergeben, sind über die Kindertagesstätten zu erreichen, und besonders erfolgreich ist es, mit Kindern und Eltern parallel zu arbeiten.
Wie ist das zu finanzieren?
Unter dem Strich rechnet sich das. Jene Kinder, die ihr auffälliges Verhalten ablegen, werden Hilfestellung später nicht brauchen. Kinder, die auffällig bleiben und später keinen Schulabschluß schaffen, keine Lehrstelle finden, die dann zur wachsenden Zahl von langzeitarbeitslosen Jugendlichen gehören, diese Kinder kosten uns alle deutlich mehr, als wenn man Prävention betreibt.
Glauben Sie wirklich, daß die Zahl der Unternehmen steigt, die berücksichtigen, daß der Alltag mit Kindern nur begrenzt planbar ist?
Sie werden lachen: Wir werden es noch erleben. Und zwar, weil die Wirtschaft die am besten ausgebildete Generation von Frauen, die es je gegeben hat, aufgrund des demographischen Wandels in absehbarer Zeit mit dem Lasso einfangen wird. Weil sie diese Frauen braucht.
Noch sind die gut ausgebildeten Frauen aber der Ansicht, es sei besser, auf Kinder zu verzichten, als sich der Doppelbelastung auszusetzen.
Wir dürfen nicht zulassen, daß diese Gesellschaft in zwei Teile zerfällt. Auf der einen Seite die mobilen Kinderlosen mit hohem Einkommen, aber ohne Zeit, es zu verbrauchen. Und auf der anderen Seite die anderen, die ein geringeres Einkommen haben und sich um Kinder kümmern. Diese Spaltung schadet der Gesellschaft. Wenn mir vor zwei Jahren jemand erzählt hätte, daß eine leibhaftige Industrie- und Handelskammer sich tatsächlich mit dem Thema Vermittlung von Tagesmüttern und ihrer Qualifizierung beschäftigt wie zum Beispiel die IHK in Fulda, hätte ich gesagt: Die Leute spinnen, das funktioniert in Deutschland nie. Aber es klappt!
Manche Eltern befürchten, ihr Kind werde in einer Ganztagsschule der eigenen Familie entfremdet.
Eltern sind und bleiben die wichtigsten Bezugspersonen für ihre Kinder, daran wird kein Staat etwas ändern. Aber nicht alles ist privat zu organisieren. Es muß vernünftige Rahmenbedingungen geben. Niemand in Deutschland soll gezwungen werden, seine Kinder in eine ganztägige Betreuung zu schicken. Aber es soll ein ausreichendes Angebot vorhanden sein. Und diejenigen, die dieses Angebot wahrnehmen, sollen nicht diskriminiert werden.
Für Kleinkinder müssen sich Eltern also immer noch selbst etwas einfallen lassen.
Wir wollen auch für die unter Dreijährigen bessere Betreuung bieten und dafür vom Jahr 2005 an 1,5 Milliarden Euro aus den Einsparungen aus Hartz IV den Kommunen zu Verfügung stellen. Wir sind in der Frage der Kinderbetreuung genau wie bei der Geburtenrate Schlußlicht in Europa, und das eine hängt mit dem anderen zusammen.
Kann man daraus schließen, daß Familienpolitik folgenlos bleibt?
Wir haben in Deutschland den Fehler gemacht, in den vergangenen drei Jahrzehnten Familienpolitik auf die Frage zu reduzieren: Wie hoch ist das Kindergeld? Wie hoch sind die Steuererleichterungen? Ob Steuererleichterungen oder Kindergeld die einzig mögliche Form der Familienförderung ist und über die Frage der notwendigen Infrastrukturen für Familen ist überhaupt nicht diskutiert werden.
Woran liegt es, daß kinderreiche Familien hierzulande beinahe automatisch in die Armut rutschen?
Das ist ein ernstes Problem. 1,1 Millionen Kinder leben von Sozialhilfe. Ich habe durchgesetzt, daß Eltern, die erwerbstätig sind, also ein eigenes Einkommen haben und damit für sich aufkommen können, aber nicht für ihre Kinder, einen Kinderzuschlag von bis zu 140 Euro bekommen können, zusätzlich zum Kindergeld.
Kennen Sie den Alltag solcher Familien?
Ich habe in der "Bild"-Zeitung über eine Familie gelesen, die mit ihren sechs kleinen Kindern immerhin pro Monat einen Betrag von rund 1700 Euro zur Verfügung hat. Die Mutter sagte, sie brauche täglich 50 Euro für Lebensmittel, sonst müßten die Kinder hungern. Das kleinste wurde noch gestillt, das älteste war acht Jahre alt. Auf dem Tisch lag eine Packung Toastbrot und Erdnußflips, von den Kindern hungrig betrachtet. Ein Kinderzimmer war zu sehen, ohne Poster an der Wand, kein Spielzeug, nichts.
Und Sie packte sofort das Mitleid?
Nein. Ich habe mich sehr geärgert und einen Brief geschrieben: Ich sei bereit, für einen ganzen Monat einen Speiseplan aufzustellen - früh, mittag, abend plus Zwischenmahlzeit. Die Eltern bekommen zwischendrin mal eine Flasche Bier, ein Eis für die Kinder ist auch noch drin, und das würde monatlich nicht mehr als 900 Euro kosten. Den Plan für zwei Tage habe ich beispielhaft mit Preisen aus meinem Supermarkt aufgeführt. Außerdem habe ich mich bereit erklärt, zu dieser Familie zu fahren, um zu erklären, wie man so etwas macht. Das kam leider nicht zustande.
Was hätten Sie der Familie vorgeführt?
Ich wäre in die Küche gegangen und hätte geschaut, was die für Töpfe haben, hätte mir angeschaut, ob die Frau überhaupt kochen kann. Und dann wäre Armutsprävention in dieser Familie gewesen, ihr und ihm beizubringen, wie man eigentlich einen Haushalt führt. Worauf achtet man beim Einkauf? Wo bekommt man für die Kinder Poster für die Wände, billiges Spielzeug - umsonst? Wo gibt es Second- Hand-Läden?
Was folgt aus diesem Beispiel?
Armutsprävention bedeutet nicht, einfach Geld zu verteilen, sondern zu fragen: Woran fehlt es?
Vielleicht findet sich ja eine andere Familie, die Sie mal bekehren und belehren können...
Am besten eine, die sagt: "Die soll nicht so klug daherreden, die soll lieber zeigen, daß sie es wirklich kann..."