13.03.2007 · Papa arbeitet, Mama arbeitet, Kind in der Krippe - dieses Lebensmodell verbreitet sich unaufhaltsam. Den Preis zahlen überlastete Frauen, die dem Bild der „Superwoman“ gerecht werden wollen. Eva Hermans Kritiker verkennen die Realität, befindet der Soziologe Karl-Otto Hondrich.
Von Karl-Otto HondrichDer Text ist ein Auszug aus Karl Otto Hondrichs Buch „Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist“, das in diesen Tagen im Campus Verlag erscheint. Karl Otto Hondrich verstarb im Januar 2007 im Alter von 69 Jahren. Zuletzt lebte er in Frankfurt, wo er seit 1972 als Soziologieprofessor an der Universität lehrte.
Zu den Wirkungen staatlicher Politik gehören immer auch unbeabsichtigte. Wenn es schon schwierig ist, gewünschte Wirkungen von Familien- und Kindersubventionen auszumachen, dann wird es noch schwieriger, die unerwünschten in vollem Ausmaß zu erfassen. Sie bleiben deshalb gern unbedacht. Und doch gibt es sie.
Was Kindern dienen soll - Mutterschutz, Kündigungsschutz, Anspruch auf Elternzeit und Freihaltungsanspruch, Sonderanspruch auf Verringerung der Arbeitszeit und Teilzeitanspruch für Mütter und Väter, Erziehungsurlaub -, kann Eltern schon im Vorhinein den Job kosten. Was auf die finanziell angespannte Lage der jungen Familien hinweisen soll - die öffentlich vorgerechneten Kosten für jedes Kind -, mag einige erst recht vom Kinderkriegen abschrecken. Was Politiker, Professoren und Kirchenfürsten als Werte der Familie betonen, entwertet sich durch die Betonung selbst.
Der Misserfolg liegt im Erfolg
Der am wenigsten erkannte und gleichwohl gewichtigste Misserfolg staatlicher Geburtenpolitik könnte aber in ihrem Erfolg liegen - wenn er, etwa durch eine gewaltige Subventionssteigerung, einträte. Es werden staatliche Mittel in den Reproduktionsbereich geleitet, die dann selbstredend in anderen Bereichen fehlen. Es werden Leute zur Elternschaft bewogen, die es mangels Liebe, Interessen und Fähigkeiten oder kraft hervorragender anderer Interessen oder Fähigkeiten aus freien Stücken nicht geworden wären.
Es werden Kinder in die Welt gesetzt, die der Familie von anderen gesellschaftlichen Systemen - Wirtschaft, Bildung, Politik, Militär und weiteren - nicht abgenommen werden. Es wird gegen die Eigenlogik dieser Lebenssphären das Subsystem Familie subventioniert - zum Schaden der Qualität und der Selbststeuerungsfähigkeit der Familie; und zum Schaden des Ganzen, das die Spannungen zwischen seinen subventionierten und seinen sich frei bewegenden Subsystemen auffangen muss.
Welches ist die beste Lebensform?
Im Wettbewerb konkurrierender Lebensformen mag die Politik die Rahmenbedingungen so setzen, dass kinderreiche Familien entlastet und kinderlose Familien und Ledige belastet werden. Der Ausgleich zwischen den Lebensformen wie auch zwischen allen anderen Gruppen und Klassen der Gesellschaft bleibt aber eine Frage der Gerechtigkeit und der darauf gerichteten Staatskunst. Er ist nicht dadurch vorzuentscheiden, dass kinderreiche Familien für die Allgemeinheit besser seien als kinderarme und dass der Fall der Geburtenrate schlechter sei als ihr Anstieg.
Tatsächlich weiß niemand, mag er sich als wissenschaftlicher Fachmann oder als Politiker verstehen, ob kinderreiche Familien für die Gesellschaft besser sind oder die Zwei-Kinder-Familie oder gar der ledige Bürger. Was wir wissen, ist nur, dass der Fall der Geburtenrate ein nicht wegzudenkender Bestandteil des Evolutionsprozesses ist, der uns in den letzten 200 Jahren alle Errungenschaften der Kultur, vom Massenwohlstand bis zur Gleichberechtigung, gebracht hat, auf die wir unter keinen Umständen verzichten möchten. Was wir wiederum nicht wissen, ist, ob die Fertilitätsrate, nun bei 1,8 oder 1,4 oder gar nur einem Kind pro Frau ankommend, zu tief fällt oder nicht.
Rückzug der Hausfrauenehe
Die aufgeregten Debatten über die Kinderfrage haben, so viel kann man sagen, auf die Geburtenentwicklung keinen Einfluss. Ihre Funktion liegt in anderen Bereichen. Sie dienen der politischen und weltanschaulichen Selbstbestätigung von Lebensformen, die immer wieder auf dem Prüfstand stehen. Sie messen ihre Kräfte. Im rhetorischen Kampf wird allmählich deutlich, wer im Laufe der Zeit stärker wird, wer zurückweichen muss.
Auf dem Rückzug ist in Deutschland die Hausfrauenehe. Der Siegeszug des Doppelverdienerpaares scheint unaufhaltsam. Auf die Kosten und Selbsttäuschungen dieses Modells, besonders für Frauen mit Kindern, hat Eva Herman nachdrücklich aufmerksam gemacht. Was die Analyse der sozialen Spannungslage moderner Frauen angeht, übertrifft der Wirklichkeitssinn von Frau Herman den der meisten Soziologen, Feministinnen und anderen Protagonisten der Modernität bei weitem.
Irreal und irreführend
Was diese uns als zukunftsweisende Realität ansinnen, ist nichts als Wunschdenken. Es konzentriert sich in zwei Idealbildern. Bild Nummer eins: die Frau als Superwoman, verkörpert in den Ikonen der neuen Zeit, vom Model Heidi Klum bis zur Ministerin Ursula von der Leyen. Porträtiert werden die Ikonen der Modernität etwa von den Journalistinnen Anke Dürr und Claudia Voigt in ihrem Buch „Die Unmöglichen - Mütter, die Karriere machen“. Der Titel trifft ins Schwarze. Was darin beschrieben wird, ist pure Realität: Es gibt die in Beruf und öffentlichem Leben erfolgreichen Frauen.
Andererseits ist dieselbe Realität höchst irreal und irreführend. Eine Minderheit von höchstens fünf Prozent prominenter und privilegierter Frauen wird der sich abkämpfenden Mehrheit als Vorbild vorgehalten mit dem Unterton: „Na seht doch, es geht doch!“ Dem doppelt schlechten Gewissen der unter dem Überlastungssyndrom ächzenden Mehrheit - ich bin nicht genug für meine Kinder da; ich gebe nicht alles im Beruf - wird noch eine dritte Dimension hinzugefügt: Ich bin nicht so gut wie die anderen.
Das Bild des idealen Mannes verwirklicht sich nicht
Das Idealbild Nummer zwei ist der Neue Mann. Er wird endlich all das tun, was berufstätige Mütter auch machen, und zwar zu gleichen Teilen: 50 Prozent der Hausarbeit, 50 Prozent der Besorgungen, 50 Prozent der Kinderbetreuung, 50 Prozent der Krankenpflege, 50 Prozent des Berufs. Diese partnerschaftliche und Gleichstellungsvision hat nach wie vor etwas Berückendes wie alle Utopien.Sie hat nur einen Nachteil: Obwohl seit mindestens 40 Jahren von niemandem als Norm des zeitgenössisch-guten Lebens bestritten, verwirklicht sie sich nicht.
Die in dieser Zeit empirisch registrierbaren Änderungen des Mannes sind gering. Die wirklichen Änderungen der Frau sind auch nicht viel größer. Ob das an genetisch-anthropologischen Konstanten liegt oder an den hartnäckigen Hochleistungsforderungen, die das Berufssystem in erster Linie an den Mann, die Mutterschaft in erster Linie an die Frau stellt, mag dahingestellt bleiben.
„Die Falle der Frau“
Der Soziologe Jean-Claude Kaufmann hat in einer bestechend nüchternen und komisch-tragischen Analyse nachgezeichnet, wie Paare, die unter dem Banner der Partnerschaft aufbrechen, um ihre häuslichen Aufgaben gleich und gerecht zu verteilen, nach kurzer Zeit, besonders nach der Geburt von Kindern, wieder in die alte Rollenverteilung zurückfallen. Es sind besonders die Frauen, die aufgrund von überkommenen eigenen Reinlichkeits-, Ordnungs- und Häuslichkeitsidealen - von Mutterschaft zu schweigen - unversehens wieder „in die Falle der Frau“ tappen.
Mit dem Idealbild der gleichberechtigten Partnerschaft ist es genauso wie mit dem Idealbild der Ikone: In wenigen Prozent aller Fälle, insbesondere wenn Männer von beruflichen Zwängen befreit sind oder sich ihnen entziehen können, wird es Realität. Für die übergroße Mehrheit aller Paare aber bleibt es eine Zukunftsverheißung und für die Fürsprecher neuer Lebensformen eine in der Zukunft zu erzwingende Realität.
Dass sich Realität in die jeweils gewünschte Richtung drängen lasse, zeugt allerdings von wenig Sinn für Realität. Die Kritikerinnen und Kritiker von Frau Herman machen sich und anderen etwas vor, wenn sie den weiblichen Superman und den männlichen Neuen Mann, die realen Grenzfälle des modernen Lebens - und dies seit 40 Jahren! -, zur Norm für alle erklären.
Generalmodell Doppelverdiener
Und doch setzt diese wirklichkeitsverleugnende Sicht der Wirklichkeit sich zusehends durch. Alles weist in eine Richtung. Alles drängt durch einen Tunnel. Und als Licht an dessen Ende sehen alle: das doppelverdienende, berufstätige und gleichwohl mindestens zwei Kinder in die Welt setzende Paar. Was dieses Generalmodell zukünftiger Lebensformen, auf das nun alles hinausläuft, auch seinen Wortführern verschweigt: Es schreibt genau die Überlastungssyndrome für Frauen fort, die schon für die Gegenwart kennzeichnend sind.
Die Hoffnung, dass allein staatliche Kraftanstrengungen diese Überlastung und die darin enthaltenen Spannungen auflösen, scheint höchst trügerisch. Und doch muss der Versuch gewagt werden - besonders weil man keine andere Idee hat. Wie in einem Laborexperiment an unseresgleichen werden wir Zeuge, wie der Versuch ausgehen wird.
Entweder werden die Frauen, die nach wie vor die Leidtragenden sind, sich wehren. Oder sie werden sich weiterhin durch Verzicht auf Kinder entlasten. Vielleicht verschaffen ihnen die neuen Geldflüsse und Institutionalisierungen tatsächlich Entlastung, eventuell sogar so weit, dass der Fall der Geburtenrate aufgehalten wird und sich gar umkehrt. Man darf gespannt sein, was passieren wird.
Familienmodelle, der fragwürdige Siegeszug
Werner Eickhoff (WernerEickhoff)
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