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Fall Sarrazin Zivilcourage bedeutet Risiko

 ·  Was hat der Fall Brunner mit dem Fall Sarrazin gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel - auf den zweiten jedoch allerhand: Bei beiden geht es um die Zivilcourage, die in Deutschland einen schweren Stand hat - und die dringend einer Wiederbelebung bedarf. Ein Kommentar von Jasper von Altenbockum.

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Was hat der Fall Brunner mit dem Fall Sarrazin zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Brunner kam Kindern zur Hilfe und wurde dafür zu Tode geprügelt. Sarrazin sprach unbequeme Wahrheiten aus und wurde dafür heftig kritisiert. Doch beide Fälle haben mit Zivilcourage zu tun; beide mit einer Öffentlichkeit, die empört reagiert – einmal für, einmal gegen den Helden. Es lohnt sich, vor allem letzteren Aspekt zu betrachten. Er führt zu der alten Frage, warum Zivilcourage in Deutschland einen so schweren Stand hat.

Zivilcourage ist nicht nur eine Frage von Tapferkeit. Das ist sozusagen nur die äußere Hülle. Bürgermut ist mehr. Er setzt sich für einen Staat ein, dessen rechtliche Grundlagen und soziale Errungenschaften es wert sind, verteidigt zu werden – ob in der S-Bahn, im Bundestag, in Uniform, in Interviews oder nachts in Neukölln. Zivilcourage als Beruf – dafür gibt es die Polizei, die Politiker, die Abgeordneten, die Soldaten. Aber sie alle scheitern, wenn es nicht die Bürger gibt, die sie unterstützen und kontrollieren, sei es im Wahllokal, sei es im Ehrenamt oder sei es im Wehrdienst.

Zivilcourage bedeutet Risiko. Bei Polizisten und Soldaten liegt das auf der Hand. Mit der Frage, wie viel Risiko akzeptabel ist, muss sich als heranwachsender Normalbürger nur ein Polizeischüler oder Wehrpflichtiger (oder, wenn er es ernst meint, ein Wehrdienstverweigerer) auseinandersetzen. Das ist nicht der einzige, aber ein Sinn der Wehrpflicht. Sie bringt Staat und Bürger in einen existentiellen Zusammenhang. Wer einmal „gedient“ hat, bejaht in der Regel die Frage, ob er sich verpflichtet, für diesen Staat, um ihn zu schützen, zu töten oder auf Befehl sein Leben aufs Spiel zu setzen. Dazu gehört Courage. Die meisten verschont der militärische Alltag von einer Situation, in der es dazu kommt. Doch der Eid, das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes „tapfer zu verteidigen“, ist nicht allein eine militärische Angelegenheit.

Soldaten wurden „Mörder“, Polizisten „Bullen“

Dass „Zivil“-Courage so weit von der „Militär“-Courage nicht entfernt ist, wird in Deutschland als Zeichen von Verirrung behandelt. So weit hat sich die Gesellschaft schon von der Gewalt entfernt, aus der sie vor sechzig Jahren – gewissermaßen als Kollektiv von Kriegsdienstverweigerern – hervorgegangen ist. Doch der Glaube, ganz ohne sie auskommen zu können, macht sie empfänglich für Verdrängungskünste. Gemeinschaftliches Kerzenanzünden oder Rufe nach einer Verschärfung des Jugendstrafrechts werden die Geister nicht vertreiben, die als Bedrohung empfunden werden. Erst recht nicht die realen Gefahren des Alltags.

Warum sollten eigentlich Kinder, die heute erwachsen werden, couragierter sein als ihre Eltern? Deren Jugend fiel in eine Zeit, die es noch für zukunftsträchtig hielt, dass Soldaten und Wehrdienstleistende Mörder genannt werden durften, dass Polizisten zu „Bullen“ geworden waren, Lehrer als Respektspersonen demontiert wurden und dass Politiker, die eine geistig-moralische Wende forderten, zu Idioten gestempelt wurden. Das ergab eine absurde Konsequenz: Die Leute, die Zivilcourage zum Beruf machten, wurden lächerlich gemacht oder gar kriminalisiert; die Leute, die sie kriminalisierten, galten als Vorbilder für Zivilcourage; wer vor den Folgen warnte, also Zivilcourage zeigte, war als angepasster Spießer isoliert.

Zivilcouragierte von gestern machen Zivilcourage tot

Nun könnte man sagen: Das war gestern, gut, dass es nicht mehr so ist. Aber ist es nicht mehr so? Wer hat im Entsetzen über den Tod Dominik Brunners in München einen Zusammenhang zwischen wehrhafter Demokratie und Zivilcourage hergestellt? Die Tabubrüche, die in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren bis in die Spitzen der Gesellschaft hinein als zivilisatorischer Fortschritt bejubelt wurden, werden noch mindestens eine Generation nachwirken. Die Reaktionen auf Thilo Sarrazins Berliner Bestandsaufnahme haben das wieder bestätigt. Wie kann jemand der Menschenverachtung und Volksverhetzung bezichtigt werden, dem es darum geht, auf Staatsversagen, Gewalt und rechtsfreie Räume hinzuweisen?

So versuchen die Zivilcouragierten von gestern, die Zivilcourage mundtot zu machen, die sie so inbrünstig fordern. Sie müssen das tun, weil es sonst ihre Feindbilder selbst sind, die sie als Verächter bürgerlicher Tugenden entlarven. Wer Polizisten für ein nötiges Übel, Soldaten für Mörder und Politiker für Idioten hält, kultiviert nicht das Bürgerliche in Staat und Gesellschaft, sondern Verachtung und Verwahrlosung. Das Ergebnis sind die dunklen und gefährlichen Ecken, in denen ein Mann wie Dominik Brunner zum Opfer wird.

Mittlerweile grenzt es schon an Tollkühnheit, sich in gewissen Situationen schützend vor andere zu stellen. Die Polizei warnt ausdrücklich davor. Den Deutschen wird damit Unmögliches abverlangt. Sie sollen Zivilcourage zeigen, aber nicht den Helden spielen. Sie sollen aufstehen und nein sagen, aber nur, wenn alle ja dazu sagen. In einer bürgerlichen Gesellschaft jedoch sollte es nicht als verrückt gelten, die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen, wenn sie für die bürgerliche Gesellschaft, ihre Freiheiten und ihre Sicherheit eingesetzt wird. Verrückt ist es nur, wenn die bürgerliche Gesellschaft bestraft, wer so handelt.

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Jahrgang 1962, verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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