11.12.2006 · Die jüngsten Vergiftungsfälle und die Funde von Polonium-Spuren in zwei Wohnungen in Hamburg werfen die Frage auf, woher das radioaktive Material nun letztlich stammt, mit dem Alexander Litwinenko vergiftet wurde und andere Personen in Kontakt kamen.
Die jüngsten Vergiftungsfälle und die Funde von Polonium-Spuren in zwei Wohnungen in Hamburg werfen die Frage auf, woher das radioaktive Material nun letztlich stammt, mit dem Alexander Litwinenko vergiftet wurde und andere Personen in Kontakt kamen. Einen Hinweis auf den Ursprungsort könnten die vorhandenen Verunreinigungen geben, die wie ein Fingerabdruck zu lesen sind und so den Herstellungsort verraten. Denn große Mengen an Polonium-210 gewinnt man üblicherweise dadurch, daß man Wismut-210 mit Neutronen in einem Kernreaktor bestrahlt. Bei der Kernreaktion entstehen neben Polonium-210 noch weitere radioaktive Isotope wie Antimon oder Rhenium. Auch dürften Reste von Wismut-210 in den Spuren verblieben sein.
Die Verteilung der nachgewiesenen Isotope - also deren Zahl und Häufigkeit - spiegelt den ursprünglichen Neutronenfluß wieder, den die gesuchte Neutronenquelle liefert. Wo sich diese befindet und ob es sich dabei um einen Kernreaktor oder eine andere Bestrahlungsanlage handelt, dürften die in dieser Angelegenheit betrauten Fachleute über kurz oder lang herausbekommen. Der Mörder Litwinenkos wird auf jeden Fall gewußt haben, wie man legal oder illegal an das brisante Material herankommt, von dem jährlich in der Welt nur etwa 100 Gramm produziert werden. Normalerweise wird mit Stoffen wie Polonium nur in einer sogenannten Handschuhbox hantiert. Dabei handelt es sich um eine abgeschlossene Schutzvorrichtung mit besonderen Handschuheingriffen, die es erlaubt, ohne jeglichen Körperkontakt mit gefährlichen Stoffen zu hantieren.
Eine weitere Frage betrifft die Form, in der das tödliche Gift vorgelegen hat, bevor es Litwinenko verabreicht wurde. Nur wenn Polonium-210 direkt in den Körper gelangt und sich über die Blutbahn in alle Organe verbreitet, etwa in dem man es schluckt, inhaliert oder über eine Wunde aufnimmt, ist es toxisch.
Die Mörder werden wohl kaum mit reinem Polonium-210 gearbeitet haben. Eher schon mit dem radioaktiven Isotop in gebundener Form etwa als Salz oder fein verteilt in einer Lösung. Der Täter scheint nicht sonderlich darauf Wert gelegt zu haben, daß er eine kompakte, leicht zu handhabende Probe hat, die keine weiteren Personen außer das Opfer kontaminiert. Im Gegenteil, wie die Zahl der vergifteten Personen offenkundig zeigt. Wird Polonium-210 beispielsweise wie ein Gift in ein Getränk gegossen, so bleiben geringe radioaktive Spuren auch am Glas hängen, die sich über Kontakt schnell verbreiten.
Im Körper verteilt sich Polonium rasch in allen Organen, wo die ausgesandten Alphastrahlen ihre zerstörerische Wirkung entfalten. Die Alphateilchen können aufgrund ihrer geringen Reichweite aber nicht aus dem Körper des Vergifteten dringen, weshalb die Strahlung mit Ganzkörperdetektoren praktisch nicht nachweisbar ist. Urin- und Stuhlproben liefern Hinweise auf die Vergiftungsart. Es bedarf laut Fachleuten weniger als ein Mikrogramm reinen Poloniums-210, um im Körper des Menschen im Laufe von Tagen eine tödliche Strahlendosis hervorzurufen. Unter den Experten herrscht derzeit noch Ratlosigkeit, wie andere Personen mit Polonium-210 in Berührung kamen - ob über Schweiß, Urin oder über Spuren an Kleidungsstücken. Offensichtlich ist eins: Der Täter hat schlampig gearbeitet.